Wohnen: Haben Familien in Deutschland ein Herz fürs Land?
Für ein Grossteil der Bevölkerung in Deutschland ist ein Umzug in ländliches Gebiet kaum ein Thema, trotz steigender Mieten und schwieriger Wohnungssuche in den grossen Städten -auch wenn manche Zahlen Gegenteiliges nahelegen. Dies zeigt eine im Auftrag des Bundesinstituts für Bau-, Stadt- und Raumforschung (BBSR) vom Forschungsinstitut Empirica erstellte Studie, für die Wanderungsdaten bis 2024 analysiert worden sind.
Quelle: Christian Loh, Unsplash
Wohnen im Grünen, ausserhalb der Stadt: Laut einer Studie ist es in Deutschland für viele kein grosses Thema - auch wenn es auf den ersten Blick anders aussehen könnte.
Auch wenn laut der Studie Grossstädte und städtische Kreise während Jahren höhere Wanderungssalden aufgewiesen haben als ländliche Regionen, mit einem Trend zum Landleben hat diese Entwicklung laut den Autoren nicht allzu viel zu tun. «Die Debatte über eine neue Sehnsucht nach dem Land greift zu kurz», konstatiert Thomas Pütz, Stadtforscher am BBSR. «Die positiven Wanderungssalden ländlicher Gemeinden lassen sich vor allem durch demografische Entwicklungen sowie Veränderungen auf den Wohnungs- und Arbeitsmärkten erklären – nicht durch einen grundlegenden Wandel der Wohnpräferenzen.»
Vor allem die Zahl junger, besonders mobiler Menschen ist in ländlichen Regionen zurückgegangen: Dadurch entstehen gemäss Pütz weniger Wegzüge. Eine wichtige Rolle spielten zudem hohe Wohnkosten in Städten und veränderte Arbeitsmodelle. Vor allem Homeoffice erleichtere es Menschen, weiter entfernt vom Arbeitsort zu wohnen.
Zur Studie
Für die Untersuchung wurden einerseits Binnenwanderungsdaten ausgewertet, andererseits rund tausend Menschen befragt, die seit 2019 in neun peripher gelegene ländliche Gemeinden gezogen sind: Rund 23 Prozent kamen direkt aus einer Grossstadt, ein Drittel ist innerhalb der eigenen Region umgezogen. Weitere 16 Prozent waren Rückkehrer, die in ihre Herkunftsregion zurückkehrten. Untersucht wurde die Motivation hinter den Umzügen und ob ländliche Räume als Wohnorte attraktiver wahrgenommen werden. (mgt/mai)
Die Studie «Wohn- und Lebenskonzepte in der Peripherie» kann auf der Website des BBSR heruntergeladen werden: www.bbsr.bund.de
Laut der Umfrage ziehen vor allem Familien in ländliche Regionen. Häufig gehe es um den Wunsch nach Wohneigentum und mehr Wohnfläche, so die Autoren. Mit dem Umzug vergrössere sich oft die Wohnfläche, insbesondere bei ehemaligen Grossstadtbewohnern. Zugleich steige die Eigentumsquote deutlich und die Nutzung des Autos.
Ruhe, Natur, gesundes Wohnumfeld und Sicherheitsgefühl auf dem Land
Als wichtigste Gründe für den Umzug nannten die Befragten Ruhe, Natur, ein gesundes Wohnumfeld und ein höheres Sicherheitsgefühl. Für 37 Prozent spielte die Nähe zur Natur eine zentrale Rolle. Weniger entscheidend waren hingegen Standortfaktoren wie Anbindung an den Öffentlichen Verkehr, kulturelle Angebote oder kurze Wege zu grösseren Städten. «Wer in ländliche Räume zieht, sucht häufig nicht die perfekte Infrastruktur, sondern eine Lebensqualität mit Ruhe und bezahlbaren Wohnraum», kommentiert Brigitte Adam, Stadtforscherin am BBSR, dieses Resultat. Besonders Familien nutzten den Umzug, um den Wunsch nach einem Eigenheim zu verwirklichen.
Aus Sicht des Autorenteams aus den Ergebnissen keine allgemeingültige Strategie ableiten, wie ländliche Gemeinden attraktiver werden können. Entscheidend seien passgenaue Wohnangebote, die Nutzung bestehender Gebäude sowie Investitionen in soziale Infrastruktur und Gemeinschaftsangebote. Diejenigen, die im Homeoffice arbeiten können, sehen die Pütz, Adam und ihre Kollegen als neue Zielgruppe für periphere Regionen. (mgt/mai)