08:10 CORONA-VIRUS

Distanz halten: Architekturhistorische Überlegungen zur Pandemie

Geschrieben von: Claudia Bertoldi (cb)
Teaserbild-Quelle: zvg

«Soziale Distanz» bezeichnete bisher das Verhältnis gesellschaftlicher Gruppen zueinander. Nun hat der Begriff eine komplett neue Bedeutung gewonnen. Die Publikation «Social Distance» des gta Verlags der ETH Zürich dokumentiert bau- und architekturgeschichtliche Fakten zum Thema «Abstand halten».

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Quelle: Gerd Eichmann, CC BY-SA 4.0

«Abstand halten» ist seit letztem Jahr jedem vertraut. Beispiele der freiwilligen oder erzwungenen Distanzierung und damit verbundene bauliche Massnahmen sind seit Jahrhunderten dokumentiert.

Spätestens seit März 2020 ist es in aller Munde: «Social Distancing». Abstand halten – in Fall der Coronavirus-Pandemie hiess es für alle Isolation. Möglichst wenig Kontakt zu anderen Personen, keine Reisen, Grenzschliessung, obligatorisches Homeoffice, Schulen geschlossen, keine Besuche und Feste, PCR-Tests und Quarantäne. Die Menschen waren allein und isoliert.

Und dennoch ist soziale Distanz keine Neuheit in der Geschichte der Menschheit. «gta papers» hat diesbezüglich nach Details der Architekturgeschichte gesucht. Als Anfang 2020 mit dem Zusammentragen des Materials begonnen wurde, gab es Bedenken, dass zum Erscheinungstermin des Buches die Krise bereits vorbei und halb vergessen sein könnte, so Herausgeber Adam Jasper. Dies sei leider nicht der Fall, und so könne dieses Buch einen Vergleich der aktuellen Situation – der neuartigen Coronavirus-Pandemie – mit historischen Ereignissen herstellen.

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Quelle: zvg

Innenseite der Buches: Abstand hielten und halten auch gehobenere Kreise, die sich bei kulturellen Events in eigener Loge präsentieren.

Gesellschaftliche Abgrenzung

Soziale Distanz ist ein subjektives Gefühl von Individuen, welches das Mass der Zugehörigkeit zu anderen Mitgliedern der Gesellschaft bestimmt. Sichtbar wird dies unter anderem in der Zugehörigkeit zu Kasten, Klassen, Bevölkerungsschichten oder der machthabenden Elite. Diese Herkunft oder Zugehörigkeit prägt dabei auch das Verhalten zueinander.

Noch heute besteht beispielsweise in Indien ein Kastensystem, wo ein Hindu das ganze Leben lang an seine Kaste gebunden bleibt. Diese menschenverachtende Einteilung ist laut der indischen Verfassung seit 1950 zwar rechtwidrig, doch die Realität ist anders. Doch auch in hochentwickelten Demokratien herrscht immer noch Ausgrenzung. Psychisch Kranke oder Behinderte werden weggesperrt. Bettler und Obdachlose sind im Alltag im öffentlichen Raum nicht gern gesehen und werden lieber auf Distanz gehalten. 

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Quelle: Thomas Led, CC BY-SA 4.0

Die Wiener Pestsäule (einem so benannten Straßenzug) in der Wiener Innenstadt wurde nach der Pestaepidemie von 1679 errichtet.

Seuchen und Epidemien

Abstand halten und möglichst direkten Kontakt vermeiden war auch im Mittelalter die einzige Möglichkeit, dem schwarzen Tod zu entgehen. Pestepidemien rafften rund ein Drittel der Bevölkerung dahin. In der Wiener Innenstadt erinnert die 21 Meter hohe barocke Pestsäule an die schlimmste Pestepidemie in der Kaiserstadt im Jahr 1678.

Sie war als Mittelpunkt von Fürbitten, Litaneien und anderen zeremoniellen Handlungen zur Abwendung der Seuche gedacht und wurde am 29. Oktober 1693 geweiht. Eine praktischere Massnahme war hingegen die Errichtung sogenannter Pestmauern in den Städten und Dörfern, um Erkrankte und Verstorbene zu isolieren. Eine der längsten ist die fast 25 Kilometer lange, zwei Meter hohe Mauer im französischen Hochland des Comtat Venaissin. Sie wurde ab dem Jahr 1721 errichtet, um die Ausbreitung der zwischen 1720 und 1723 in der Provence wütenden Pest zu verhindern.

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Quelle: Cornelius Hartz / pixelio.de

Im Jahre 1666 wurde über die Hälfte der Mainz-Kasteler Bevölkerung von der Pest dahingerafft. Um die katholische Kirche erbaute man eine sogenannte Pestmauer zur Eindämmung der Seuche. Dahinter wurden Kranke betreut und Verstorbene rund um das Gotteshaus bestattet.

Auch andere Epidemien wie die Cholera zwangen die Menschen zu Massnahmen. Immer dichter besiedelte Gebiete boten ideale Voraussetzung zur Ausbreitung von Krankheiten. Mangelnde Kenntnis und desaströse hygienische Zustände führten zu einer hoher Kindersterblichkeit und niedrigen Lebenserwartung. Cholerakarten geben heute noch Auskunft über die Ausbreitung in europäischen Grossstädten im 19. Jahrhundert.

Es ist eine nicht leicht zu lesende Publikation. Vielen Aspekte, die teilweise weit in der Geschichte zurückliegen, zeigen, dass «Abstand halten» schon viele Generationen vor uns praktizieren mussten. Viele der gewonnenen Erkenntnisse dienten zu städtebaulichen Änderungen zugunsten der Hygiene und Gesundheitsvorsorge, von denen wir heute profitieren. 

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Quelle: zvg

Buchseite : Die Londoner Mauer und die Grosse Pest von 1665.



Buchtipp: Social Distance

gta papers 5, ETH Zürich, gta Verlag, 2021; Herausgeber Adam Jasper; mit Beiträgen diverser Autoren; Broschur; 198 Seiten, 109 Abbildungen; in englischer Sprache; ISBN 978-3-85676-415-9; 25 Franken

Cover Social Distance


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