08:01 BAUPROJEKTE

Windkraftprojekte: Negative Auswirkungen auf Immobilienpreise?

Teaserbild-Quelle: Seth, Unsplash

Die Windkraft gilt als wichtiger Pfeiler der Energiewende, gleichzeitig stossen entsprechende Projekte vielerorts auf Widerstand. Vor allem bei denjenigen, die ein Haus besitzen: Wo sie geplant sind, fürchten viele, dass sie den Wert ihrer Immobilie schmälern. Ist diese Sorge berechtigt? Dieser Frage gingen Real-Estate-Management-Absolventinnen der Ostschweizer Fachhochschule (OST) in ihrer Masterarbeit nach und liefern Antworten.

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Quelle: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / DES_06-0139-04

Windenergieanlage auf dem Mont Crosin im Juli 2006. Die ersten Turbinen sind 1996 erricht worden, heute umfasst die Anlage 16 Turbinen. - Es ist die grösste Anlage ihrer Art in der Schweiz.

Die Schweiz könnte laut einer Studie des Bundes beinahe die Hälfte ihres Strombedarfs oder rund 29.5 Terrawattstunden über Windkraft decken. Davon liesse sich weit mehr als die Hälfte oder über zwei Drittel mittels Windturbinen produzieren. Denn im Winter wehen häufiger starke Winde, und die kalte, dichtere Luft überträgt mehr Energie auf die Turbinenblätter. Gleichzeitig ist der Strombedarf in der kalten Jahreszeit höher als im Sommer, während winters auch die Stromproduktion von Photovoltaikanlagen geringer als in der warmen Jahreszeit ausfällt. Mit Windenergie lässt sich diese Lücke schliessen.

Dass die Schweiz in dieser Beziehung im internationalen Vergleich hinterherhinkt, liegt an der teilweise fehlenden gesellschaftliche Akzeptanz gegenüber Windrädern. Zwar hat sich eine Mehrheit der Bevölkerung auf nationaler Ebene für die Energiewende und damit für den Ausbau der Windenergie ausgesprochen, auf lokaler Ebene bläst entsprechenden Projekte aber dennoch eine eisige Brise entgegen.

Windenergie im Spannungsfeld von Raumplanung, Energiepolitik und Verwaltung 

Vor allem wer ein Haus besitzt, befürchten neben Lärm, Schattenwurf und einer beeinträchtigten Aussicht, dass eine Windanlage den Wert der eigenen Immobilie mindern könnte. Doch welchen Einfluss haben Windenergieanlagen tatsächlich auf die Immobilienpreise? Dieser Frage sind Gianna Curatolo und Celine Mischler in ihrer Masterarbeit im Rahmen ihres  MAS Real Estate Management  an der Ostschweizer Fachhochschule (OST) nachgegangen.

Beide haben bei ihrer täglichen Arbeit Berührungspunkte mit dem Thema. Daher war es ihnen ein Anliegen, angesichts der hitzig geführten Debatte messbare Effekte aufzuzeigen und so zu einer sachlichen Einordnung beizutragen. «Windräder werden sehr emotional diskutiert – umso wichtiger ist es, ihren tatsächlichen Einfluss auf Immobilienpreise nüchtern und faktenbasiert zu untersuchen», sagt Celine Mischler. Gianna Curatolo verweist auf das Spannungsfeld, in dem sich Fachleute aus der Immobilienbewertung, aber auch aus der Raumplanung, der Energiepolitik oder der Verwaltung befinden – gerade auch vor dem Hintergrund der Energiewende: «Unsere Arbeit soll dabei helfen, zwischen energiepolitischen Zielen und immobilienwirtschaftlichen Fragestellungen fundiert abzuwägen.»

Windturbinen haben keinen generellen Einfluss auf Immobilienpreise 

Wie Mischler und Curatolo ausführen, können durch Windkraftanlagen punktuell tatsächlich Nachteile entstehen, etwa durch Schattenwurf, visuelle Dominanz oder in einzelnen Fällen durch Geräusche. «Diese Effekte sind jedoch stark standortabhängig und unterliegen in der Schweiz klaren gesetzlichen Grenzwerten», merkt Mischler an. «Studien zeigen, dass insbesondere Lärmbelastungen und Wertverluste oft überschätzt werden und dass die Akzeptanz gegenüber Windkraftanlagen nach deren Realisierung häufig steigt».

Dies erklärt auch ein wichtiges Fazit der Masterarbeit: In der Nähe von Projekten, die sich noch in der Planungsphase befinden, können Immobilien vereinzelt temporär an Wert verlieren. Langfristig gleicht sich dieser Effekt jedoch wieder aus. «Zusammenfassend lässt sich sagen, dass ein genereller, flächendeckender negativer Einfluss von Windkraftanlagen auf Immobilienpreise in der Schweiz nicht nachgewiesen werden kann», so Mischler zusammen.

Anwohner sollten frühzeitig über anstehende Windkraftprojekte informiert werden

«Viele Sorgen, die im Vorfeld geäussert werden, relativieren sich im Alltag, ergänzt Curatolo. Insbesondere, wenn die tatsächlichen Immissionen geringer ausfielen als erwartet. Diese Diskrepanz zwischen Erwartung und Realität sei vor allem dort gross, wo wenig Transparenz vorliege oder wo das Thema stark emotionalisiert werde. Daher ist es laut der Immobilienfachfrau entscheidend, die Sorgen der Anwohnerinnen und Anwohner ernst zu nehmen, sie frühzeitig und sachlich zu informieren und ihnen Mitwirkungsmöglichkeiten anzubieten. «

Vertrauen entsteht dort, wo nachvollziehbar und konsistent kommuniziert wird», meint Curatolo. Ergänzend könnten auch lokale Mehrwerte oder Beteiligungsmodelle zur Akzeptanz beitragen, zum Beispiel in Form von Aktien oder Anleihen.

Können Windenergieanlagen den Wert einer Immobilie eventuell auch steigern?

Die Masterarbeit von Gianna Curatolo und Celine Mischler trägt den Titel «Frische Brise oder Gegenwind». Inwiefern können Windräder für eine «frische Brise» sorgen und den Wert von Immobilien vielleicht sogar steigern? «Wenn eine Windkraftanlage Teil einer nachhaltigen und gut eingebetteten Standortentwicklung ist, kann sie als ‘frische Brise’  wahrgenommen werden, erklären die beiden. «In Gemeinden mit hoher Akzeptanz, transparenter Kommunikation oder Beteiligungsmodellen besteht die Chance, dass Windanlagen das Standortimage positiv beeinflussen.» Denn Nachhaltigkeit gewinne auch bei Kauf- und Investitionsentscheiden zunehmend an Bedeutung, was sich auf Immobilien langfristig wertstabilisierend auswirken könne. (mgt/mai)

Windenergie in der Schweiz: 14 Windparks in Betrieb, zahlreiche neue geplant

In der Schweiz sind derzeit 14 Windparks mit rund 50 Windenergieanlagen in Betrieb. Der grösste davon ist der Windpark Mont Crosin im Berner Jura: Er produziert so viel Strom, dass damit der jährliche Haushaltsbedarf von etwa 70’000 Personen gedeckt werden kann. Insgesamt erzeugen die Schweizer Windparks etwas mehr als 160 Millionen Kilowattstunden Strom pro Jahr – das entspricht rund 0,3 Prozent des landesweiten Stromverbrauchs. 

Gleichzeitig befinden sich zahlreiche weitere Projekte im Bewilligungsverfahren oder in Planung. Einen umfassenden Überblick über bestehende und geplante Anlagen bietet die Organisation Suisse Eole, die sich für die Förderung und den Ausbau der Windenergie in der Schweiz engagiert. (mgt)

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