08:10 BAUPROJEKTE

Studio Other Spaces – Olafur Eliasson und Sebastian Behmann im Gelben Haus in Flims

Geschrieben von: Robert Mehl (rm)
Teaserbild-Quelle: Robert Mehl

Das Studio Other Spaces (SOS), gegründet vom Künstler Olafur Eliasson und vom Architekten Sebastian Behmann, ist zu Gast im Gelben Haus in Flims: Bis 27. Oktober 2024 präsentiert die Ausstellung das künstlerische Schaffen des Büros stellt diesem Projekte aus der Region zu Themen rund um soziale Fragen, Nachhaltigkeit und Energiegewinnung gegenüber, einige der lokalen Projekte dienen zusätzlich als eine Art Aussenstandort der Ausstellung.

Das Gelbe Haus in Flims.

Quelle: Robert Mehl

Das Gelbe Haus in Flims ist tatsächlich ein weisse. Es liegt in Dorfmitte an der Hauptstrasse, sein erhöhter Eingang liegt and er Ostseite. am Tag der Vernissage fanden unmittelbar davor Strassenbauarbeiten statt

Das Gelbe Haus in Flims ist eigentlich ein weisses. Der mutmasslich aus dem vorletzten Jahrhundert stammende, über viele Jahre leerstehende Altbau im Herzen von Flims wurde zwischen 1997 und 1999 von Valerio Olgiati saniert und umgebaut. Anlass dazu war die Schenkung einer Kulturgütersammlung seines Vaters Rudolf Olgiati an die Gemeinde. Diese Gabe war mit dem Wunsch verbunden, man möge diesen damals hochmaroden Bau erhalten und seine privaten Musealien darin zeigen.

Zur dauerhaften Präsentation seiner Museumsstücke kam es nie, es wurde jedoch mit der Eröffnung des seitdem weiss gestrichenen Baus der Verein «Das Gelbe Haus» gegründet. Dieser bespielt das Haus mit ein bis drei Wechselausstellungen pro Jahr. Infolge der Corona-Pandemie mussten diese pausiert werden, weshalb der Verein unter seiner Präsidentin Anita Candrian beschloss, den Neustart mit einem «echten Blockbuster» – so ihre Wortwahl – zu beginnen. Carmen Gasser Derungs und ihr Partner Remo Derungs, die die künstlerische Leitung beim «Gelben Haus» innehaben, schlugen daraufhin das Berliner Studio Other Spaces vor, das die Einladung gerne annahm.

Kollaboration als Prinzip

Die künstlerische Arbeit von Olafur Eliasson und Sebastian Behmann ist von kollegialer Zusammenarbeit geprägt. So haben der Künstler Eliasson und der Architekt Behmann 2001 ihre Zusammenarbeit bei Kunstwerken und Ausstellungen begonnen. Eliasson wollte mit seiner Kunst «mehr» schaffen als blosse Ausstellungsobjekte. Diese sollten nicht nur betrachtet werden, sondern auch eine Funktion besitzen und damit aktiv Einfluss auf ihr jeweiliges gesellschaftliches Umfeld nehmen. So fiel Behmann die Werkplanung und die Umsetzung dieser durchaus architekturnahen Objekte zu. 

2014 gründeten sie dann das Studio Other Spaces, um den beiden Disziplinen eine Plattform zu geben, wo sich Architektur und Kunst auf Augenhöhe begegnen und sich gegenseitig befruchten können. Behmann ist währenddessen noch heute als Head of Design für das Studio Olafur Eliasson tätig. Der kollaborative Gedanke von SOS beschränkt sich nicht auf die interne Kooperation, sondern – und das ist das erklärte Ziel von Studio Other Spaces – ebenso auf die Kollaboration mit externen Akteuren. Dabei handelt es sich sowohl um wiederkehrende Partnerschaften wie mit Elizabeth McTernan als auch um Neubeteiligte wie Damian Christinger, der für die Flimser Schau die Co-Kuration der lokalen Projekte übernahm. McTernan ist an der Ausstellung «Räumliche Solidaritäten» unter anderem mit einem Essay und als Co-Kuratorin beteiligt.

Wechselwirkungen

Arbeitsmodelle und Projektfoto vom "Vertical Panorama Pavillon"

Quelle: Robert Mehl

Arbeitsmodelle und Projektfoto vom "Vertical Panorama Pavillon" auf dem Weingut Donum Estate in Kalifornien

Die Vorbereitung der Ausstellung war geprägt von vielen Besuchen Umland von Flims und vielen Gesprächen mit Menschen, die dort ihre eigenen Projekte auf die Beine gestellt haben. In der Ausstellung werden die ausgewählten 15 lokalen Projekte und Initiativen mit wenigen, jedoch professionell durch SOS erstellten Fotos in Szene gesetzt und kompakt beschrieben. Darüber hinaus begreifen die Ausstellungsmacherinnen diese Projekte als Ausläufer (Spillage) ihrer Ausstellung, die die Besucher im Zuge ihres Aufenthaltes in Flims aufsuchen können.

Dabei ist es SOS wichtig, festzustellen, dass diese externen Projekte nicht zwingend Lösungen darstellen, sondern zum Beispiel aktuell drängende Probleme thematisieren. Das Erdgeschoss der Ausstellung ist dem Begriff «Timefulness (Zeitbewusstsein) gewidmet, das erste Obergeschoss befasst sich mit dem Thema «Project Ecologies» (Projektökologien) und das Dachgeschoss des Gelben Hauses zeigt Projekte von SOS, die sich mit dem Begriff «The Commons» (Gemeingut) beschäftigen. Lokale Projekte und geplante externe Exponate werden von SOS als «Spillage» (Ausläufer) bezeichnet und laden Besucherinnen und Besucher auf Ausflüge in die Flimser Umgebung ein.

Zeitbewusstsein: «Timefulness»

Entsprechend geht es auf der Eingangsebene um die gelebten menschlichen und nichtmenschlichen Verflechtungen über die verschiedenen Zeiträume hinweg. Die Raummitte nimmt ein von SOS entworfener runder Teppich namens «Map of Shaping Forces» ein, der acht Landkarten in sich vereint. Diese verdeutlichen bestimmte Kräfte, welche die Region Flims nicht nur in physikalischen Dimensionen prägen wie Höhenprofile, Wasserläufe, Wälder und Gletscherausdehnungen oder Permafrostverteilung, sondern auch die Landschaft unter wirtschaftlichen Aspekten stark beeinflussen wie durch Stromnetztrassen). All diese Informationen wurden gewissermassen wortwörtlich zu einer Teppichgrafik verwoben. Gezeigt werden in diesem Raum auch «Rolling Stones», ein Projekt des Zürcher Büros Vogt Landschaftsarchitekten. Gletscherfindlinge, die über Jahrtausende durch die Berglandschaften gerollt sind, werden Teil der ersten Ebene der Ausstellung. Diese Arbeit unterstützt die These, dass die statisch wirkenden Berge tatsächlich in Bewegung sind.

Projektökologien

Grundsätzlich lassen sich die vorgestellten Projekte in wenige Grosskategorien unterteilen. Dazu gehören die Energiegewinnung und -verteilung oder die vermeintliche Dualität von Stadt und Land, die sich bei allen damit einhergehenden Problemen wie Landflucht, Überalterung oder der Rückkehr von Städterinnen und Städtern. Themen sind auch der nahtlose Tourismus (Seamless Tourism)) und die Nahrungsmittelproduktion mit ihrem unverhältnismässigen Energiebedarf von 6:1. Den ortsnahen Projekten hat SOS seine eigenen entgegengesetzt. Dafür wurde im ersten Obergeschoss ein offenes Standregal aufgestellt, das im Grundriss ein «C» bildet. Auf seiner Aussenseite werden die regionalen Projekte vorgestellt, die Innenseite zeigt die SOS-Projekte. Die Offenheit des Möbels stellt Sichtachsen zwischen diesen vordergründig unterschiedlichen Projekten her und setzt diese auch räumlich in Beziehung.

Gletscherfindlinge unter die Schwerlastrollen geschraubt worden sind.

Quelle: Robert Mehl

Eim Erdgeschoss finden sich zwei rollende Steine: Gletscherfindlinge unter die Schwerlastrollen geschraubt wurden und die als Sitzmöbel benutzt werden können

So werden etwa die Forschungsgärten der ZHAW in Wädenswil vorgestellt, die in Untersuchungen herausfanden, dass Mutterboden 1,5 Millionen Jahre an natürlichem Wachstum bedarf, um maximal energieeffizient Nahrungsmittel in Form von Pflanzen zu produzieren. Monokulturen zerstören dieses Ökosystem in kürzester Zeit.

Diesem Projekt hat SOS seinen Pavillon «Vertical Panorama Pavilion» gegenübergestellt, den das Büro für ein kalifornisches Weingut geschaffen hat. Er ist halb in einen Hügel eingegraben, sodass sich die Köpfe der darin sitzenden Besucherinnen und Besucher etwa in Höhe der Grasnarbe befinden. Das Projekt soll mit dieser Geste verdeutlichen, wie allseits bekannt und akzeptiert die Wichtigkeit eines gesunden Bodens für guten Wein ist. Überdies weist der im Grundriss runde Pavillon eine gläserne Kuppel in Form eines sphärischen Kegelstumpfs auf. Sein Farbspektrum reicht von Tiefblau bis Dunkelrot und stellt die durchschnittlichen Wetterdaten für das Sonoma Valley im Jahreslauf dar. Die Rottöne stehen dabei für die Temperaturen, die Gelbtöne für Sonnenstunden, und die Blautöne für Niederschläge.

Gemeingut

Das Dachgeschoss ist schliesslich den Solidaritäten und dem Thema „Gemeingut“ gewidmet – den natürlichen Ressourcen, die allen gehören und die der Gesellschaft zur Verfügung stehen wie Licht, Luft und* der Himmel. Es geht insbesondere auch um die offene Einladung zur gesellschaftlichen Teilhabe, insbesondere um die Aneignung von Orten, die von prekären Bevölkerungsschichten vielfach als elitär angesehen werden. Konkret wird hier umfassend auf das Projekt «Common Sky» in Buffalo eingegangen (siehe dazu auch Baublatt 20/2023). Die rasche gesellschaftliche Aneignung dieses öffentlich zugänglichen Ortes wird hervorgerufen durch eine konstruktive Überdramatisierung der natürlichen Lichtverhältnisse. So entstand eine Destination, die man bewusst aufsucht, in der man sich gerne länger aufhält – und das in einem Museum!

Atmendes Haus

Demgegenüber steht der Blick aus den Fenstern, die Aussicht aus dem «Gelben Haus» auf das unmittelbare stadträumliche Umfeld in Flims. Ergänzt wird diese um eine eigens für diese Ausstellung eingerichtete Lichtinstallation in den Fenstern. Diese werden mit einbrechender Dunkelheit von einem langsam pulsierenden warmen Licht angestrahlt. Dessen Geschwindigkeit ändert sich mit der mutmaßlichen Anzahl der anwesenden Bewohnerschaft von Flims, die im Tourismusort zwischen 3000 und 30000 Personen schwankt. Die Zahlen werden freilich nicht in Echtzeit erfasst, sondern entsprechen einem statistischen täglichen Mittelwert, der vom Fremdenverkehrsamt bestimmt wurde. Das Maximum wird in der Weihnachtszeit erreicht, dann entspricht der Lichtrhythmus der Länge eines normalen menschlichen Atemzugs. Der Minimalimpuls ist hingegen in der Zwischensaison zu sehen und zieht sich etwa über 20 Sekunden hin.

SOS will mit diesem Lichtprojekt auf die hohe Zahl der Feriengäste und die geringe Anzahl der ständig präsenten Bevölkerung aufmerksam machen. Tatsächlich gibt es – nicht nur in Flims – unzählige Ferienwohnungen, die durchschnittlich nur 32 Tage im Jahr genutzt werden. Dagegen steht die Pflicht der Gemeinde mit dem vergleichsweise geringen Anteil der der ständigen Wohnbevölkerung , eine Infrastruktur bereitzustellen und instand zu halten, die solche punktuellen Anstürme in den Hauptreisezeiten bewältigen kann. Diese Lichtinstallation heisst «The Breathing Village». Mit ihrer mitunter «hechelnden» Dynamik visualisiert sie die Dringlichkeit der Beantwortung der Fragen, die mit den Projekten dieser Ausstellung gestellt wurden.

Team der Ausstellung im Gelben Haus.

Quelle: Robert Mehl

Die Ausstellungsmacher (v.l.n.r.): Remo Derungs, Anita Candrian, Damian Christinger, Carmen Gasser Derungs, Sebastian Behmann. Nicht anwesend war Elizabeth McTann

Geschrieben von

Freier Mitarbeiter für das Baublatt.

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