13:07 BAUPROJEKTE

Grosskaufhaus «KaDeWe Wien»: Kein Westen im Osten

Geschrieben von: Robert Mehl (rm)
Teaserbild-Quelle: KaDeWe Vienna

Derzeit entsteht in Wien nach den Entwürfen des niederländischen Büros OMA ein neues Grosskaufhaus, das den Arbeitstitel «KaDeWe Wien» trägt. Vorbild ist der gleichnamige Berliner Bau, der sich im Besitz derselben Investoren befindet. Doch die Namenswahl findet keinen Anklang.

KaDeWe Vienna _Dachaufsicht

Quelle: KaDeWe Vienna

«KaDeWe Wien»: Dachaufsicht: Der konsumfreie Bereich ist der hintere Teil der Dachfläche mit einem bemerkenswert hohen Baumbestand.

Fällt der Name «KaDeWe», denkt man sofort an das 1907 von Adolf Jandorf gegründete «Kaufhaus des Westens». Er wollte «die verwöhnten Ansprüche der oberen Zehntausend, der obersten Eintausend, der allerobersten Fünfhundert» im ausgehenden deutschen Kaiserreich befriedigen, wie es seinerzeit die Berliner Wochenzeitschrift «Roland» vermerkte. 

Die Namenswahl hatte also nicht erst während des Kalten Krieges stattgefunden, vielmehr zielte sie auf die damals neugegründeten Stadtteile Charlottenburg, Tiergarten und Wilmersdorf ab. Gemeinhin wurden sie unter dem Begriff «Neuer Westen» zusammengefasst und galten als ausgesprochen wohlhabend.

«Demokratisches Kaufhaus»

Die weit über einhundertjährige Geschichte des KaDeWe war von zahlreichen Eigentumswechseln geprägt. Aktuell gehört das Kaufhaus, das als das Grösste von Europa und als das Zweitgrösste der Welt gilt, anteilig der thailändischen (Central Group 50,1 Prozent) und der österreichischen Signa Holding (49,9 Prozent). Letztere von René Benko geführt, errichtet derzeit in Wien an prominenter Stelle ein neues Shoppingcenter, das jedoch explizit kein Luxus-, sondern ein «demokratisches Kaufhaus» werden soll.

KaDeWe Vienna _Mariahilfer-Straße

Quelle: KaDeWe Vienna

Vorderseite des Kaufhauses an der Mariahilfer-Strasse.

Mit dessen Planung wurde das niederländische und 1975 von Rem Koolhaas gegründete Architekturbüro OMA (Office for Metropolitan Architecture) beauftragt. In dem Entwurf wird die Gesamtnutzfläche von 58‘000 Quadratmetern in zwei Baukörper aufgeteilt: In dem grösseren Volumen ist der Einzelhandel untergebracht, in dem kleineren ein Hotel mit 150 bis 165 Zimmern. Im gemeinsamen Untergeschoss sahen die Planer eine Tiefgarage mit 327 Stellplätzen vor.

Städtebaulich prägnant werden vor allem die künftigen, teilweise bewusst konsumfrei gelassenen Dachgärten der ansonsten äusserlich stark geschlossen Architektur sein. Das an der Strassenecke Mariahilfer-Strasse/Karl-Schweighöfer-Gasse liegende Ensemble besitzt nach aussen kaum Fenster. Es wird jedoch von einem halboffen angelegten, neuen Strassenzug durchschnitten, der die beiden erwähnten Volumina voneinander trennt und der von herabhängenden Gärten charakterisiert ist.

In dieser Bauteilzäsur enden auch die zwei grossen, mehrgeschossigen Einkaufspassagen, wovon die eine parallel zur Karl-Schweighöfer-Gasse, die andere hingegen im spitzen Winkel zu dieser verläuft. Entlang dieser fussläufigen Achsen ist der Einzelhandel untergebracht. Die vertikale Erschliessung der insgesamt sieben Ebenen erfolgt über zwei, sich nach oben weitende, trichterartige Lufträume.

KaDeWe Vienna _Mariahilfer-Str_Karl-Schweighoefer-Str

Quelle: KaDeWe Vienna

Eingangsbereich des Ka-De-We Wien.

Namenswahl findet keinen Anklang

Zweifellos wollten die Investoren mit der Namenswahl an die grosse Berliner Kaufhaustradition, für die das KaDeWe steht, anknüpfen. Allerdings finden sich mit «Gerngross» oder «Herzmansky» nicht minder schillernde Namen ehemaliger und einstmals grosser Kaufhäuser in unmittelbarer Rufweite zur Benko-Immobilie. Hier sei die Frage nach der Sinnhaftigkeit dieser Marketingidee gestellt.

Tatsächlich entzündet sich das öffentliche Unbehagen an der Zielgruppenorientierung «Westen» im ausgeschriebenen Namen. Der Staatsnamen Österreich leitet sich aus dem Althochdeutschen «Ostarrichi» ab, einer Gebietsbezeichnung die sich erstmals 996 n. Chr. in einer Schenkungsurkunde von Kaiser Otto III. an den Bischof von Freising findet. Frei übersetzt bedeutet es so viel wie das «Östliche Reich». 

Überhaupt haben polemische Zuweisungen, was der Westen kann und der Osten nicht, derzeit einen schalen Beigeschmack. Vor diesem Hintergrund wollen die Namensverantwortlichen in sich gehen und im Laufe dieses Jahres einen geeigneten neuen Namen präsentieren.

Geschrieben von

Freier Mitarbeiter für das Baublatt.

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