Erweiterungsbau der Berufsschule Bülach: Raumgewinn im Hintergrund
Die Berufsschule am Ortsrand des Bezirkshauptorts Bülach braucht mehr Schulraum. Dieser soll neben dem Ursprungsbau von 1982 entstehen, der als Denkmalschutzobjekt von überkommunaler Bedeutung inventarisiert ist. Das siegreiche Wettbewerbsprojekt hält sich dezidiert im Hintergrund.
Quelle: nuar
Der Erweiterungsbau steht hinter dem bestehenden Berufsschulhaus und überragt dieses sehr deutlich.
Ab den 1970er-Jahren entstand am Ostrand des
Bezirkshauptorts Bülach ein Bildungscluster. Den Anfang machte die
Primarschule. Ihr Areal entstand in einem sanft nach Norden ansteigenden
Talboden südöstlich des historischen Stadtkerns, damals noch etwas abgerückt
vom Siedlungsgebiet und direkt vis-à-vis vom Friedhof. Die Adresse,
Schwerzgruebstrasse, erinnert an Brandgruben aus der Spätbronzezeit. Wenige
Jahre später konnte oberhalb des Friedhofs der Campus der Kantonsschule Zürcher
Unterland eingeweiht werden.
Zwischen den beiden Arealen gesellte sich schliesslich an
der Schwerzgruebstrasse die Berufsschule Bülach (BSB) hinzu. Ihre Gebäude
wurden 1982 in Betrieb genommen. Bis heute markieren die drei Schulanlagen mit
ihren Sportfeldern den Siedlungsrand. Allerdings ist das angrenzende Gebiet
Mettmenriet eine der grössten, zusammenhängenden Baulandreserven im Kanton
Zürich. Mittelfristig ist nach Überzeugung der Stadt Bülach die Überbauung
dieses Gebiets zu erwarten.
Das Berufsschulhaus ist das Werk des bedeutenden Architekturbüros Claude Paillard und Peter Leemann. Es ist als Vertreter der Hightech-Architektur seit 2019 im Inventar der Denkmalschutzobjekte von überkommunaler Bedeutung erfasst. Die Darstellung der technischen Funktion der Bauteile, etwa der sichtbar gelassene Stahlbau, die Inszenierung der Serienproduktion und der technischen Erschliessung mit durchgehendem Stützenraster, sichtbarer Technikrohre an der Aussenfassade sowie die typologische Anlehnung an Industriehallen mit Sheddach, Welleternitfassaden und Bandfenstern zählen ebenso zu seinen Merkmalen wie die Hervorhebung dieser Merkmale durch die Material- und Farbenwahl mit Sichtbacksteinen, Noppen-Gummiboden, zementgebundenen Holzfaserdeckenplatten, Stahlkonstruktion und Fensterrahmen.
Quelle: nuar
Das Siegerprojekt ordnet den kompakten Erweiterungsbau in der Ostecke des Areals an.
Heute dient die Anlage als Kompetenzzentrum für die kaufmännische Grundbildung (KV) und Elektrofachleute. Weiter gibt es an der BSB den Bereich Poly- bzw. Flugzeugmechaniker sowie die Weiterbildung mit ihren Angeboten der höheren Berufsbildung, berufsorientierten und allgemeinen Weiterbildung. Aufgrund der Erkenntnisse einer Machbarkeitsstudie aus dem Jahr 2022 soll mit einem Erweiterungsbau der Raumbedarf der Berufsschule Bülach langfristig gesichert und extern angemietete Flächen aufgekündigt werden können. Für diese Aufgabe führte der Kanton Zürich einen offenen, einstufigen Projektwettbewerb für Generalplanende unter der Führung eines Architektur- oder eines Baumanagementbüros durch.
Zur Nachhaltigkeit verpflichtet
Die Wettbewerbsteams hatten zum inventarisierten Schulhaus einen Erweiterungsbau mit 24 Unterrichtszimmern, Gruppenräumen, Lernlandschaft, ausserdem einer Einfach-Sporthalle sowie 65 Abstellplätze zu entwerfen. Der Bearbeitungsperimeter bestand aus der trapezförmigen Parzelle in der Ecke Schwerzgrueb / Heinrichstrasse, eine Fläche von rund einem Hektar, auf dem sich das bestehende, geschützte Berufsschulhaus befindet. Neben diesem Gebäude, das in zwei niedrige Haupttrakte gegliedert ist, stehen heute im nordöstlichen Bereich der Parzelle noch Provisorien, welche mehrheitlich zum Abriss freigegeben wurden, und neben den Grünflächen gibt es im südöstlichen Bereich, bei der Grenze zum Primarschulhaus-Areal, auch noch einen Rasenfussballplatz.
Eine vorgängig erstellte Machbarkeitsstudie präsentierte zwei Varianten, welche die Grundlage für den Wettbewerb bildeten: einen im Grundriss etwa quadratischen Solitär in der Südostecke der Parzelle, der den Bestand überragt, und einen langgestreckten, an den Bestand angedockten, etwas niedrigeren Baukörper entlang der Ostgrenze. Auf der Grundlage der Machbarkeitsstudie wurden ein Mobilitätskonzept, inklusive möglichen Zufahrten aufs Grundstück, sowie eine Absichtserklärung für ein gegenseitiges Näherbaurecht ausgearbeitet.
Der Fokus der Beurteilung lag auf den Themen Nachhaltigkeit und Kosteneffizienz. Erwartet wurden nicht nur eine ökologische Bauweise mit tiefer Erstellungs- und Betriebsenergie, sondern auch das Aufzeigen innovativer Wege, wie mit Vorfabrikation, Systembauweise und vereinfachten Gebäudetechnikkonzepten ein schneller und kosteneffizienter Bauprozess möglich wird. Das Projekt hatte eine Zertifizierbarkeit nach Minergie-P-ECO/Minergie-A-ECO und SNBS-Gold zu garantieren. Sowohl auf den Dach-, als auch an den Fassadenflächen wurde eine Nutzung durch Photovoltaik erwartet. Ein Zielwert von «<9 kg CO2/m2 EBF und Jahr» für Neubauten war einzuhalten.
Quelle: nuar
Der Eingang zum Erweiterungsbau liegt auf der Erschliessungsachse des bestehenden Schulhauses. Ein Zwischenbau gewährt Zugang von Norden und Süden.
Turnhalle im Dach
Es meldeten sich insgesamt 67 Generalplanerteams für den Wettbewerb an. Bis zum Eingabetermin trafen 43 anonyme Eingaben beim Hochbauamt ein. Das Preisgericht liess alle zur Beurteilung zu. Sechs Projekte wurden prämiert. Der erste Preis ging an das Projekt «eine runde Sache» vom Team nuar GmbH, Zürich, mit Büeler Fischli Bauingenieure AG, Zürich, und Christian Meier, St. Gallen, als Nachhaltigkeitsplaner/Bauphysiker. Das Preisgericht empfahl der Veranstalterin einstimmig, das Verfasserteam des Siegerprojekts mit der Weiterbearbeitung, Umsetzung und Realisierung zu beauftragen.
Das Siegerprojekt entspricht mit seiner Setzung der in der Machbarkeitsstudie empfohlenen Strategie B «Anbau»: Ein im Grundriss rechteckiger Neubaukörper wird mit dem Bestand verbunden und erstreckt sich entlang der Ostgrenze des Areals. In seiner Ausdehnung reicht er an den Rasenfussballplatz heran. Diese Freifläche bleibt somit erhalten und soll im Sinne des Raumprogramms in einen Allwetterplatz umgewandelt werden.
Das nur teilweise unterkellerte fünfgeschossige Gebäude bildet einen Hintergrund für das geschützte ursprüngliche Schulhaus. Dessen interne Erschliessungsachse von der Schwerzgruebstrasse her wird weitergeführt durch einen neuen eingeschossigen Zwischenbau in das direkt dahinter liegende Foyer der Erweiterung. Der Zwischenbau dient auch als neuer Eingang zur Schulanlage von der nördlich verlaufenden Heinrichstrasse her. Ein breiter Fussweg führt dorthin, vorbei an Veloabstellplätzen. Nach Süden erlaubt der Zwischenbau Zutritt zum bestehenden Pausenhof. Die «Andockungsstelle» dient somit als Kreuzungspunkt zwischen den Hauptbauten und den Freiräumen. Sie lockert die Hierarchie zwischen dem Ursprungsbau und der Erweiterung auf und lässt die beiden Teile als gleichwertig erscheinen.
Das Erdgeschoss des Ergänzungsbaus nimmt die stark frequentierten Nutzungen wie Cafeteria und Mehrzweckraum, das Lehrpersonenzimmer sowie sämtliche Räume für die Schulleitung auf. Darüber folgen drei Geschosse mit Unterrichtsräumen beidseits eines zentralen Längskorridors, der über die Glaswände der Gruppenräume mit Tageslicht versorgt wird. Dank der geringen Geschossfläche lassen sich die Unterrichtsgeschosse effizient mit nur einer Treppe erschliessen.
Im ersten Obergeschoss erstreckt sich eine Lernlandschaft über die ganze Breite der Südfassade. Sie verfügt über eine vorgelagerte Balkonterrasse, eine elegante Spindeltreppe verbindet sie direkt mit dem Pausenhof. Zuoberst im Erweiterungsbau ordnete das Entwurfsteam die Sporthalle mit den übrigen Sporträumen an. Der südliche Bereich des Hallenbaus ist zweigeschossig, mit Garderoben und Duschen in der unteren und einem Gymnastikraum in der oberen Ebene.
Quelle: nuar
Das Tragwerk des Erweiterungsbaus soll weitgehend aus gebrauchten Bauelementen bestehen.
Innovatives Tragsystem
Das Entwurfsteam schlägt ein innovatives Tragsystem aus wiederverwendeten Bauteilen vor. Das Deckensystem entspricht dem Hourdis-Prinzip aus geviertelten und sortenrein ausgegossenen Schienen- und Rohrprofilen. Die von der Hightech-Ikone Centre Georges Pompidou in Paris entlehnte Idee, mit Wasser gefüllte Stahlstützen anzuwenden, angedacht aus wiederverwendeten Stahlrohren, bilden in den Augen des Preisgerichts eine sinnhafte Hommage an den architektonischen Geist der bestehenden Schulanlage. Das Tragwerk wird sichtbar bleiben.
Die Überlegungen zur Wiederverwendung von Bauteilen und der damit einhergehenden CO2-Reduktion der Erstellung wurden von der Jury ausdrücklich gewürdigt – auch in Bezug auf die ursprüngliche Innovationskraft des Bestandsbaus. Für die Fassade ist eine Verkleidung mit handelsüblichen Photovoltaik-Elementen vorgesehen. Sie sollen zu Schuppen mit unterschiedlichen Formaten und Winkeln gefügt werden. Diese Anordnung der stromproduzierenden Fassadenelemente stellt in den Worten der Jury «ein eigentümlich anmutiges Kleid» in Aussicht.
Das Preisgericht sah im Siegerprojekt einen eigenständigen und innovativen Projektvorschlag, der sich konsequent aus den Vorgaben des schulischen Betriebs, der Ökologie und der Ökonomie entwickelt. Seine Geradlinigkeit und Konsequenz schaffe einen sinnhaften Bezug zum Denkmalschutzobjekt von Paillard Leemann. Er biete einen architektonisch überzeugenden Erweiterungsbau sowie einen grosszügigen offenen Raum mit vielfältigen Nutzungsmöglichkeiten.
Nachgefragt …bei Michael Müllener
Quelle: Kanton Zürich
Michael Müllener ist Gesamtprojektleiter beim Hochbauamt des Kantons Zürich.
Das Entwurfsteam des Siegerprojektes schlägt eine Tragkonstruktion aus Second-Hand-Bauelementen vor. Ist das nicht riskant? Gibt es einen «Plan B»?
Natürlich bringt die Verwendung von Second Hand-Bauteilen
Risiken mit sich,
die wir frühzeitig im Projekt kontrollieren müssen. Unsere Rückfallebene – der
«Plan B» – ist dabei definiert: Sollten spezifische gebrauchte Komponenten
nicht verfügbar sein, kommen neu hergestellte Bauteile zum Einsatz. Wichtig
ist: Das Siegerprojekt überzeugt auch ohne die Wiederverwendung von Bauteilen
mit seiner ökologischen Bauweise. Wir haben dazu im Rahmen der Vorprüfung des
Wettbewerbs alle Beiträge der engeren Auswahl auf Basis von neuen Bauteilen
durchgerechnet, so dass die Machbarkeit und die Kosten in jedem Fall gesichert
sind.
Wie konnte das Entwurfsteam das Preisgericht überzeugen,
dass die vorgeschlagene Konstruktion machbar und praxistauglich ist?
Das Entwurfsteam fokussiert sich beim Einsatz von
wiederverwendeten Elementen auf wenige, standardisierte Bauteile, die eine hohe
Marktverfügbarkeit aufweisen. Dank dem erfolgreich durchgeführten, bereits
erwähnten Vorprüfungsverfahren können wir gemeinsam mit den Planenden ein
derart ambitioniertes und innovatives Projekt seriös abwickeln.
Wer wird die Herausforderung übernehmen, die Second
Hand-Bauelemente zu suchen und für ihre statische Verwendbarkeit zu bürgen?
Dies ist die Aufgabe des Generalplaners. Wo sinnvoll oder
notwendig zieht er ausgewiesene Spezialisten zur Suche, Beurteilung und Prüfung
bei.
Wo steht das Projekt aktuell? Der Bezugstermin war auf
Anfang des Schuljahres 2030 geplant und für die Beteiligten verpflichtend. Kann
er eingehalten werden?
Der Kanton Zürich hat im letzten Jahr sämtliche Bauvorhaben
überprüft und priorisiert. Infolgedessen wurde der Projektierungskredit für
dieses Vorhaben ein Jahr später bewilligt. Wir starten nun im Mai 2026 mit der
Projektierung. Die Empfehlungen des Preisgerichts wie beispielsweise jene zur
Dimensionierung und Aufenthaltsqualität des Allwetterplatzes werden in die
Projektierung einfliessen. Aufgrund des um ein Jahr verzögerten Projektstarts
ist der Bezugstermin nun auf den Anfang des Schuljahres 2031 terminiert. (Interview:
Manuel Pestalozzi)