09:39 BAUPROJEKTE

Erweiterung Sekundarschule Hinterzweien in Muttenz BL

Geschrieben von: Manuel Pestalozzi (mp)
Teaserbild-Quelle: Gschwind Architekten

Die Schulanlage Hinterzweien in Muttenz ist ein Gebäudeensemble, bestehend aus drei Trakten mit Jahrgang 1934 und 1966. Nun soll sie wegen der Zusammenführung zweier Schulstandorte durch einen Neubau erweitert und im Bestand punktuell um-, respektive ausgebaut werden. Im Wettbewerb machte ein Neubau mit zwei Volumen das Rennen. Der Landrat steht vor der Ausgabenbewilligung für die Realisierung.

Erweiterung Sekundarschule Hinterzweien Muttenz

Quelle: Gschwind Architekten

Die Schulhauserweiterung besteht sieht einen Klassentrakt und eine in den Bodeneingelassene Doppelturnhalle vor, auf deren Dach sich ein Aussensportplatz befindet.

Die Vorortsgemeinde Muttenz grenzt im Nordwesten direkt an die Stadt Basel. Vom Ortskern am bewaldeten Nordhang des Tafeljuras breitet sich das Siedlungsgebiet des Dorfs in die Ebene des Rheintals aus. Heute reicht diese Agglomeration im Westen bis zum Erholungsgebiet entlang der Birs, das mit Basel geteilt wird. Die beiden Schulareale Hinterzweien und Gründen stehen im Zusammenhang mit dieser Ausdehnung. Sie befinden sich nordwestlich des Dorfkerns in Wohngebieten, die durch Ein- und Mehrfamilienhäuser geprägt sind. Das Areal Hinterzweien wurde in der ersten Hälfte der 1930er-Jahren südlich der Überland-Tramlinie noch auf freiem Feld angelegt. Das weiter nördlich gelegene Areal Gründen besteht seit Mitte der 1950er-Jahre.

Die Tage des Sekundarschulstandorts Gründen sind gezählt: Er liegt im Peri-meter des Polyfeld-Campus, dem sich aktuell entwickelnden neuen Hochschul-, Geschäfts- und Wohnstandort in Muttenz. Dieses Schulareal wird für die Erstellung des im Masterplan des Polyfelds vorge-sehenen Grüngürtels aufgehoben. Das dort stehende Sekundarschulhaus Gründen gilt als stark sanierungsbedürftig und wird deshalb in absehbarer Zeit geräumt und dann abgerissen. Aus diesem Grund entschied sich der zuständige Kanton Basel-Landschaft für die Zusammenlegung der beiden Schulstandorte auf dem Areal Hinterzweien. Die Bau- und Umweltschutzdirektion schrieb 2021 einen offenen Projektwettbewerb in einem einstu-figen, anonymen Verfahren für die Erweiterung des Baubestands aus. Am Standort Hinterzweien sollen künftig 27 Klassen und die kantonale Sportklasse unterrichtet werden.

Erweiterung Sekundarschule Hinterzweien Muttenz Situation

Quelle: Gschwind Architekten

Das Schulareal nimmt zusammen mit einem Kirchenzentrum ein Strassengeviert ein. Die Erweiterung der Anlage erfolgt in der noch unbebauten Westecke.

Komplettierung des Areals

Die Entwurfsteams hatten sich mit einer Schulanlage auseinanderzusetzen, die aus einem Ensemble mit drei verschiedenen Gebäuden besteht: dem L–förmig angelegten Trakt 2 mit Satteldach, der ehemaligen Primarschule aus dem Jahr 1934 (Rudolf Christ), sowie den Trakten 1 und 3 mit Flachdächern von 1966 (G. Belussi + R. Tschudin Architekten). Die drei Trakte sind durch Vordächer miteinander verbunden. Im westlichen Teil des Areals, dem Schulhof West, befinden sich die Aussen- und Freiräume. Der Trakt 2 wurde bis 2016 in Teilen saniert. Die übrigen Gebäude befinden sich in einem technisch ausreichend guten Zustand. Der Projektperimeter für den Erweiterungsbau umfasste den Schulhof West. 

Das Raumprogramm beinhaltete Unterrichts- und Zusatzräume, eine Sporthalle, Verwaltungs-, Betriebs- und Nebenräume sowie eine Pausenzone, insgesamt eine Nutzfläche von 2877 m2. Sie war innerhalb des Projektperimeters von rund 4000 m2 sicherzustellen. Das Schulareal teilt sich das rechteckige Geviert zwischen Strassen und einem Weg mit der Römisch-Katholischen Kirche Johannes Maria-Vianney vom Architekten Max Schnetz aus dem Jahr 1964. Das Kirchgemeindezentrum wurde 2006 ins Bauinventar des Kantons Basel-Landschaft und später ins kantonale Inventar der geschützten Kulturdenkmäler aufgenommen, seine Prägnanz im Ortsbild war im Wettbewerb zu berücksichtigen. Sowohl das Schulareal Hinterzweien mit dem Hauptbau von 1933 als auch die Kirche sind im Bundesinventar der schützenswerten Ortsbilder der Schweiz von nationaler Bedeutung (ISOS) aufgeführt.

29 eingereichte Beiträge waren zu beurteilen. Das Verfahren endete mit dem einstimmigen Entscheid, das Projekt «hannes» von Gschwind Architekten BSA SIA, Basel, in den ersten Rang zu setzen, mit dem ersten Preis auszuzeichnen und zur Weiterbearbeitung zu empfehlen. Dieser Empfehlung ist der Kanton bis zur Vorlage des Regierungsrats an den Landrat gefolgt.

Erweiterung Sekundarschule Hinterzweien Muttenz

Quelle: Gschwind Architekten

Unter dem Klassentrakt und im Raum zwischen den Neubauten erstreckt sich eine gedeckte Pausenzone.

Erweiterung Sekundarschule Hinterzweien Muttenz Erdgeschoss

Quelle: Gschwind Architekten

Die Bestands- und Ergänzungsbauten fassen den Pausenhof ein, zusammen mit einem neu geplanten Baumhain.

In die Höhe, in die Tiefe

Die neue Anlage in der Westecke des rechteckigen Gevierts vervollständigt die Schulanlage. Sein diagonales Gegenüber in der Ostecke ist das Römisch-Katholische Kirchenzentrum. Das siegreiche Entwurfsteam gliederte sein Projekt in einen niedrigen Hallenbau in der Arealecke und einen südöstlich anschliessenden viergeschossigen Hochbau mit der Schule. Beide Volumen sind im Grundriss beinahe quadratisch und von Südwest nach Nordost ausgerichtet – so wie die Bestandsbauten und auch das Strassenraster der Umgebung. Der Schultrakt ist zum Hallentrakt nach Süden verschoben. So ergibt sich eine hofartige Zugangssituation von Westen her, von wo ein bestehender Fussweg entlang der südwestlichen Arealgrenze verläuft. Das Areal kann hier über einen gedeckten Pausenbereich zwischen den beiden Neubauten betreten werden. Der gemeinsame Eingang sowohl zum Schultrakt wie auch zur Doppelturnhalle be-findet sich in diesem gedeckten Bereich, der sich anschliessend entlang der Südostfassade des Hallentrakts und in einen Laubengang unter der Südostfassade des Schultrakts ausdehnt.

Die Doppelturnhalle wird über das geräumige Treppenhaus der Schule an deren Nordwestfassade erreicht. Sie ist in den Muttenzer Untergrund hineingegraben und liegt zwei Geschosse tiefer als der Schulplatz, in welchen der gedeckte Bereich überleitet. Dieser offene Platz wird nun in der Westecke eingefasst von den beiden Neubauten. Eine weit ausholende Wendeltreppe führt auf das Dach des Hallentrakts, wo zwei Sportfelder Teile der verloren gegangenen Aussenflächen kompensieren. Im Zwischenraum, welcher den neuen Schultrakt und den Trakt 3 in der Südecke des Areals trennt, ist ein Baumhain vorgesehen. Er reicht vom Schulplatz bis zum erwähnten Fussweg. Der chaussierte Freiraum unter den Baumkronen dient unter anderem als Aussensitzplatz für den Mittagstisch, der weite Teile des Erdgeschosses im Schultrakt einnimmt.

Erweiterung Sekundarschule Hinterzweien Muttenz Schnitte

Quelle: Gschwind Architekten

Das Niveau der Sporthalle liegt im zweiten Untergeschoss.

Erweiterung Sekundarschule Hinterzweien Muttenz Wandelbarkeit

Quelle: Gschwind Architekten

Das Konzept des Siegerteams zeichnet sich durch eine «pädagogische Wandelbarkeit» aus.

Vielseitig verwendbare Räume

Die Geschosse des Schultrakts sind jenseits des am Rand des Volumens angeordneten Treppenhauses mit den Toiletten als frei unterteilbare Flächen geplant. Dies gibt ihnen eine «pädagogische Wandelbarkeit»: Im Modus «Lernen im Klassenzimmer» gruppieren sich die Räume entlang der Fassaden um ein quadratisches Foyer beim Treppenhaus, im Modus «Atelierbetrieb» werden alle Trennwände jenseits der Raumschicht mit dem Treppenhaus entfernt, so dass sich eine ausgedehnte Lernlandschaft ergibt. Die einzelnen Obergeschosse gliedert das Entwurfsteam nach Nutzung: im 1. Obergeschoss Bildnerisches Gestalten und Multiraum /Aussensport. Über das Treppenhaus bietet es einen direkten Zugang zu den Sportfeldern auf dem Dach des Hallentrakts.

Im 2. Obergeschoss befinden sich die Bereiche Musik und Textiles Gestalten, im 3. Obergeschoss ist der Raumcluster der Sportklassen untergebracht. «Die Schule rückt immer näher an den Berufsalltag», schrieb die Jury in ihrem Bericht am Ende des Wettbewerbs, «sie erinnert eher an die flexible Arbeitsumgebung eines Grossraumbüros, denn an das vom Frontalunterricht geprägte, auf die Wandtafel ausgerichtete Klassenzimmer.» Diese Erkenntnis bildet das siegreiche Projekt exemplarisch ab.

Erweiterung Sekundarschule Hinterzweien Muttenz

Quelle: Gschwind Architekten

Die Schulzimmer reihen sich im Klassentrakt den Fassaden entlang.Die Decken des Holzbaus bestehen aus einer Lehm-Verbundkonstruktion.

Beton, Holz und Lehm

Rationalität bestimmt in diesem Fall massgeblich die Architektur: Obwohl die beiden Neubauten ein Ensemble bilden, soll ihre Konstruktion ihren Funktionen entsprechend verschieden sein. Die teilversenkte Turnhalle wird in Stahlbeton erstellt. Ihre wasserdicht ausgebildeten Wände tragen über kurze Betonstützen im verglasten, oberirdischen Volumen vorgespannte Stahlbetonbinder. Auf den Bindern lagern vorfabrizierte Betonplatten als Schalung für den Überbeton, der im Verbund mit den Bindern die Tragkonstruktion des Hallendachs vervollständigt. Dies stellt gemäss dem Entwurfsteam die wirtschaftlichste Bauweise für diese Doppelturnhalle mit Sportplatznutzung auf dem Dach dar.

Der neue Klassentrakt wird in einer nutzungsflexiblen Skelettbauweise erstellt. Aus ökologischen Gründen ist hier ein weitgehend vorfabrizierter, reiner Holzbau mit Ausnahme des nicht brennbaren Treppenhauskerns geplant. Geschossdecken in Lehm-Verbundkonstruktion spannen ca. acht Meter über drei Felder mit Schulräumen beidseitig zur Foyerzone. Die Decken sind seitlich an Holzbindern in der Deckenebene angeschlossen. Die Kantholzstützen werden wie die restliche Holzkonstruktion ohne Verkleidung auf Abbrand zur Gewährleistung eines Brandwiderstands R60 dimensioniert.

Erweiterung Sekundarschule Hinterzweien Muttenz

Quelle: Gschwind Architekten

Die historische Turnhalle wird zu einer zentralen Mediathek umgebaut.

Lüftung und Nachtauskühlung der Schulräume erfolgen mittels automatisierter Fensterlüftung. Diese wurde anhand von Simulationen im Rahmen des Vorprojekts hinsichtlich ihres Wirkungsgrads und der Ökologie geprüft. Bei Hochtemperaturen im Sommer kann das Gebäude zusätzlich über ein Erdregister unter der neuen Turnhalle gekühlt werden. Die geplante Photovoltaikanlage auf dem Dach des Erweiterungsbaus wird zur Reduzierung des Bedarfs an Primärenergie beitragen. Sämtliche Elemente des Neubaus sind auf eine Zertifizierung (SNBS Gold und Minergie-P-Eco Standard) hin ausgebildet.

Neben den beiden Neubauten sind auch bedeutende Massnahmen im Bestand geplant. So soll die historische Turnhalle zu einer zentralen Mediathek umgebaut werden. Gleichzeitig werden die Schulleitungs-, die angrenzenden Lehrpersonen-bereiche sowie verschiedene Unterrichtsräume den neuen betrieblichen Anforderungen angepasst. Auf mehreren Geschossen des bestehenden Klassentrakts entstehen heute fehlende Gruppenräume. Das Foyer der Aula wird hindernisfrei erschlossen, unter anderem durch den Einbau eines zentralen Lifts. Alt und neu wird durch diese Massnahmen zu einer Gesamtschulanlage verbunden.


Nachgefragt… bei Marco Frigerio

Marco Frigerio

Quelle: Kanton Basel-Landschaft

Marco Frigerio ist der Kantonsarchitekt des Kantons Basel-Landschaft. Er hatte im Wettbewerb den Vorsitz des Preisgerichtes.

Mit der neuen Schulhauserweiterung findet auf dem Areal eine substanzielle Verdichtung satt. Welches sind die städtebaulichen Implikationen für das Quartier?

Es handelt sich um eine Verlagerung der Schulräume innerhalb derselben Quartierstruktur. Die Schüler bewegen sich wie bisher mit dem ÖV und auf Zweirädern. Die entsprechende Infrastruktur ist bereits vorhanden. Die Anordnung und die Ausrichtung der Bau-körper sind so gewählt, dass sie sich möglichst dezent in den Quartierbestand einfügen. Die Aussensportanlage auf dem Turnhallendach ist ausschliesslich für den Schulbetrieb konzipiert und bleibt ausserhalb der Schulzeiten geschlossen. Für die Öffentlichkeit verbessert sich das Areal dank der räumlichen Durchlässigkeit bezüglich Hindernisfreiheit und Mikroklima.

Kann das Neubauprojekt zum Leuchtturm werden für den flexiblen, nachhaltigen Schulhausbau?

Wir sind überzeugt, dass dieses Projekt in verschiedenen Bereichen vorbildliche Lösungen anbietet. Es ist ein nachhaltig geplanter Holzbau, äusserst kompakt und mit optimaler Flächennutzung. So können zum Beispiel die Flächen vor dem Treppenhaus vollumfänglich genutzt werden.

Beeindruckend ist die Möglichkeit, im Schulhaustrakt die räumliche Konfiguration zu verändern. Das Preisgericht empfahl dem Auftraggeber die Sicherstellung der natürlichen Belichtung der Foyers in den einzelnen Geschossen. Wie reagierten Sie darauf?

Die natürliche Belichtung ist immer gewährleistet. Im Falle eines geschlossenen Foyers beispielsweise über Teilverglasungen der Trennwände zu den fassadenseitigen Räumen hin. Im Fall von aktiver Schulraumnutzung, etwa durch Lernateliers, besteht ein direkter räumlicher Anschluss an die Fassaden.

Auffallend ist, dass beim überarbeiteten Wettbewerbsprojekt im Schulhaustrakt neu Geschossdecken als Lehm-Verbundkonstruktion vorgesehen sind. Was führte zu diesem Entscheid? Handelt es sich um das neuartige Gewölbedecken-System, das auch beim Experimentalbau «Hortus» in Allschwil (BL) zum Einsatz kommt?

Die Wahl des Materials ist eine Konsequenz des gewählten Tragwerks. Lehm hat für das Raumklima und aus ökologischen Gründen grosse Vorteile gegenüber anderen Materialien wie zum Beispiel Holzkassetten oder Beton. Das System mit Tonhourdis ist nicht neu, wird jedoch erst seit Kurzem bautechnisch wieder als attraktiv gewertet. «Hortus» in Allschwil (BL) als Pionierbau diente als Vorbild. Mittlerweile gibt es aber auch andere Hersteller verwandter Deckensysteme.

Anfang April 2025 beantragte der Regierungsrat dem Landrat eine Ausgabenbewilligung von rund 36 Millionen Franken für dieses Projekt. Welches ist der aktuelle Stand des Geschäfts? Darf man davon ausgehen, dass der Erweiterungsbau, wie geplant, bis im Jahr 2030 fertig-gestellt ist?

Das Geschäft wird nach der Sommerpause im Landrat behandelt. Zurzeit können wir davon ausgehen, dass der Neubau 2030 fertiggestellt ist. (Interview: Manuel Pestalozzi)

Geschrieben von

Freier Mitarbeiter für das Baublatt.

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