13:02 BAUPROJEKTE

Brücke auf Reisen: Historische Eisenbrücke in Wettingen wird saniert

Teaserbild-Quelle: Claudia Bertoldi

Direkt neben dem Kloster Wettingen wird seit Frühjahr 2020 eine der ältesten Brücken im Kanton Aargau restauriert. Im Rahmen der Arbeiten wurde kürzlich die genietete Eisenbrücke der Konstruktion mit einem Kran abmontiert.

So grossen Besucherandrang gab es am Kloster Wettingen wohl lange nicht mehr. Die Demontage des eisernen Brückenteils der historischen Verbindung zwischen dem Kloster und der Gemeinde Neuenhof wurde erst kurz zuvor bekannt gegeben. Denn um den Sondertransport mit dem Pneukran bis zur Einsatzstelle zu transportieren, musste die Zufahrtsstrasse ab dem Parkplatz komplett gesperrt werden. Trotz unangenehmen Wetter mit teilweise starkem Regen harrten die Interessierten über zwei Stunden aus, um das Ereignis mitzuerleben.

Eine der letzten historischen Holzbrücken im Aargau

Die historische Verbindung zwischen Wettingen und Neuenhof befand sich in einem schlechten Zustand. Die gedeckte Holzbrücke und die genietete Eisenbrücke mit untenliegendem Tragwerk stammen aus dem 19. Jahrhundert. Die Holzbrücke wurde 1819 von Blasius Balteschwiler errichtet. Sie ist eine der letzten historischen Holzbrücken im Kanton Aargau. Die Brücke steht unter kantonalem Denkmalschutz und ist zudem im Inventar historischer Verkehrswege der Schweiz (IVS) geführt. Sie wird dort als national bedeutende Verbindung eingestuft.

Eisenbrücke Wettingen Plan

Quelle: zvg

Eine alte Ansicht und die Pläne für die Sanierung der historischen Verbindung zwischen Wettingen und Neuenhof.

Die Renovierung der beiden Brücken muss deshalb nach den Vorgaben der Denkmalpflege ausgeführt werden. Im vergangenen Mai wurde in der ersten Etappe mit der Instandsetzung der Holzbrücke gestartet. Hier sind die Arbeiten fast abgeschlossen. Die Holzbrücke wird ihr ursprüngliches Aussehen wiedererhalten. Neben dem Austausch von Balken, der Instandsetzung des Dachs und Säuberungsarbeiten wurden auch die Schindeln der Aussenverkleidung erneuert. Statt Eternit- kommen Holzschindeln zum Einsatz, wie sie auch am Original zu finden waren.

Zweite Etappe: Eisenbrücke

In einem weiteren Schritt folgt nun die Sanierung der Eisenbrücke, die das Wettinger Ufer mit der Holzbrücke verbindet. Für die weiteren Arbeiten wurde diese letzten Mittwoch mit einem Kran ausgehoben. Die Baugerüste waren gestellt, alles für den Abbau der Brücke vorbereitet. Die Verantwortlichen kontrollierten vor dem Manöver noch ein letztes Mal, bevor sie die Konstruktion in die Hände der Transportspezialisten der Welti-Furrer Pneukran und Spezialtransporte AG übergaben.

Der Aushub der Eisenbrücke im Video. (Aufnahmen: Claudia Bertoldi)

Diese hatten inzwischen in der engen Zufahrtstrasse den Kran installiert. Diese Vorbereitungen nahmen wohl den längsten Teil der Brücken-Demontage in Anspruch. Der Kran kam zwischen zwei Gebäuden zu stehen. Der Maschinenführer musste dabei genau kalkulieren, um noch genügend Abstand für die seitlichen Abstützungen zu haben. Die Eisenkonstruktion musste über das Dach des niedrigeren Gebäudes gehoben werden, um dann auf einem Anhänger neben dem hohen Wohngebäude abgelegt zu werden. Bei den beengten Platzverhältnissen erschien das für einen Laien fast unmöglich.

Geeignet für Spezialaufträge

Der dafür eingesetzte «Demag AC 250» ist ein Fünfachser und weist beachtliche Ausmasse auf: 14,49 Meter lang, bis 70 Meter Standardauslegerlänge, 45 Meter maximalen Klappausleger und maximal 250 Tonnen Traglast. Trotz dieser Ausmasse ist der Pneukran im Strassenverkehr aber sehr agil und wendig. Er kann bis zu 85 Kilometer in der Stunde fahren und bleibt selbst mit bis zu 550 Kilogramm Zuladung unterhalb der Zwölf-Tonnen-Achslastbegrenzung. Deshalb benötigt er für viele Einsätze weniger Begleittransporte.

Eisenbrücke Wetttingen 1

Quelle: Claudia Bertoldi

Aufbau des Pneukrans Demag AC 250.

Millimeter genaues Manövrieren

Vor Ort war der Kran schnell gerüstet, weil er alles dabei hatte, was gebraucht wurde. Für die Abmontage der Eisenbrücke musste er auf Abstützungen aufgelagert werden. Deren stabile Aufstellung auf Unterlagen war nötig, um zu verhindern, dass der Kran während des Hebevorgangs verrutschte oder gar kippte. Der Maschinist prüfte alles genau. 

Danach ging es in die Höhe. Nach und nach fuhr der Teleskopausleger auf die maximale Länge aus. Abschliessend wurden noch die Anschlagketten eingehängt. An vier Punkten wurde die Brückenkonstruktion mit ihnen fixiert, um die gesamte Struktur gleichmässig hochheben zu können. 

Dann ging alles ziemlich schnell. Erst waren es kaum zu bemerkende Zentimeter, um die sich die schwere Eisenkonstruktion langsam hob. Die Monteure mussten darauf achten, dass das Dach der anschliessenden, bereits sanierten Holzbrücke dabei nicht touchiert wurde. Hierfür wurde die Brücke zunächst langsam horizontal verschoben, bis sie komplett freilag.

Die «schwebende» Eisenkonstruktion

Dank einer Motorleistung von 405 Kilowatt, konnte der «AC 250-5» das enorme Gewicht problemlos anheben. Langsam drehte sich der Kranarm seitlich über das angrenzende Gebäude. In einem Winkel von fast 180 Grad schwebte die tonnenschwere Last durch die Luft. Danach wurde die Eisenkonstruktion langsam abgesenkt und auf einem bereitstehenden Anhänger aufgelagert. Auch hier wurde genau ausgelotet, denn die Last musste gleichmässig verteilt aufliegen, um sicher transportiert werden zu können. 

Brücke kehrt in drei Monaten zurück

Gut gesichert ging es dann zur Werkstatt der Moritz Häberling AG in Uerzlikon. Dort wird die alte Eisenbrücke in den kommenden Wochen komplett auseinandergenommen, gereinigt und repariert. Im Anschluss wird das Material versiegelt und die komplette Konstruktion wieder zusammengenietet.

In rund drei Monaten wird sich das Schauspiel an der Wettinger Brücke wiederholen. Dann jedoch in umgekehrter Reihenfolge. Die sanierte Stahlbrücke kehrt wieder zurück und wird mit gleicher Technik wieder eingehoben. Zuvor werden die Werkleitungen unter der Holz- und Eisenbrücke erneuert. Die Fertigstellung ist für Juni geplant.

Die Wettinger Brücke ist ausschliesslich Fussgängern und Radfahrern vorbehalten. Nach dem Einbau des Belags wird sie voraussichtlich im September wieder in Betrieb genommen. Für die Planung und Bauleitung der Arbeiten wurde von der Bauherrschaft, den Einwohnergemeinden Wettingen und Neuenhof, das Büro Staubli, Kurath & Partner AG in Zürich beauftragt. 

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