09:45 BAUPRAXIS

Zürcher Start-up vermittelt Aushub von Baustelle zu Baustelle

Geschrieben von: Pascale Boschung (pb)
Teaserbild-Quelle: Built Robotics, Unsplash

Auf der einen Baustelle fällt Aushub an, auf der nächsten wird er gebraucht – aber nicht immer findet beides direkt zusammen. Das Zürcher Start-up «SoilTrack» will das mit einer Matching-Plattform ändern und Anbieter und Abnehmer regional miteinander vernetzen.

Ein Bagger legt Aushub ab

Quelle: Built Robotics, Unsplash

Auf der einen Baustelle fällt Aushub an, auf der nächsten wird er gebraucht– das Zürcher Start-up «SoilTrack» will Anbieter und Abnehmer des Materials zusammenbringen.

Allein im Kanton Zürich wurden im Jahr 2020 rund vier Millionen Kubikmeter unverschmutzter Aushub von A nach B transportiert. Das geht aus einer Studie hervor, die das Unternehmen Ernst Basler+Partner AG im Auftrag des Amts für Abfall, Wasser, Energie und Luft (AWEL) des Kantons Zürich erarbeitet hat. Gemäss den erhobenen Daten wurde das unverschmutzte Aushubmaterial grösstenteils zur Auffüllung der Kiesabbaugebiete verwendet.

Die Transporte erfolgten in erster Linie ins Zürcher Unterland, während rund ein Drittel des Materials gemäss der Studie gross­mehrheitlich in den Kanton Aargau, aber auch in den Kanton Zug sowie in geringerem Mass in andere Nachbarkantone und nach Deutschland befördert wurde. Die Aushubtransporte summierten sich dabei für das gesamte Jahr 2020 auf 159 Millionen Tonnenkilometer. Wobei rund 96 Prozent der Transportleistung auf die Strasse entfielen.

Von Baustelle zu Baustelle

Diese Transportwege will das Zürcher Start-up «SoilTrack» verkürzen – mit einer digitalen Plattform, die Anbieter und Ab­nehmer von Aushubmaterial (Untergrundmaterial) regional miteinander vernetzt. «Niemand sieht, wo Aushub anfällt und wo er gerade gebraucht wird», sagt Ardita Shala, Gründerin von «SoilTrack». Die Bauingenieurin ortet die Ursachen für die teils langen Transportwege nicht im fehlenden Willen, sondern in strukturellen Hürden.

Darunter die engen Platzverhältnisse auf Baustellen, besonders im städtischen Bereich: «Aushub muss sofort weg, eine Zwischenlagerung ist kaum möglich.» Hinzu komme der eingespielte Deponie-Weg, der planbar und verlässlich sei. Die direkte Wiederverwendung erfordere unter Zeitdruck mehr Koordination, Abklärung und Timing. Aber auch fehlende Transparenz stelle eine Herausforderung dar: Innerhalb eines Unternehmens lasse sich der Überblick noch herstellen, firmenübergreifend werde die Situation aber schnell unübersichtlich.

«SoilTrack» soll hierbei unterstützen. Die Plattform koordiniert den Transport mit dem Ziel, den kürzesten Weg direkt von Baustelle zu Baustelle zu finden – ohne eine Zwischenlagerung. Dieses Matching erfolgt digital in einer Smartphone-App und basiert auf vier Kriterien: Materialkategorie und Qualität, Menge, Zeitfenster sowie Standort. Findet die Plattform keinen passenden Abnehmer, wird das Material automatisch einer vordefinierten Deponie zugewiesen. «Im Worst-Case-Szenario ist ‹SoilTrack› eine digi­tale Abwicklung des heutigen Prozesses, aber schneller und nachvollziehbarer», erklärt Shala. 

Zuständigkeiten der Akteure bei Soiltrack

Quelle: zvg, SoilTrack

Die Zuständigkeiten der Akteure sind klar verteilt: Der Materialanbieter ist verantwortlich für Bereitstellung und Qualität des Materials, der Transporteur für den Transport und der Abnehmer für die Koordination des Materials am Bestimmungsort sowie die Qualitätskontrolle.

Jede Übergabe wird mit einem digitalen Lieferschein dokumentiert: Abgeber, Transporteur und Empfänger signieren diesen direkt auf dem Mobiltelefon. Der Lieferschein hält fest, wer was, wann und an wen übergeben hat. Er ersetzt dabei aber keine bestehenden Systeme: «Gesetzlich vorgeschriebene Nachweise wie der VeVA-Begleitschein bei belastetem Material er­stellt weiterhin das Bauunternehmen selbst», erläutert Shala. Für notwendige, amtliche Begleitscheine gibt es im Lieferschein ein Referenzfeld.

Neutrale Vermittlungsplattform

Das Start-up versteht sich laut der Bauingenieurin als neutrale Vermittlungsplattform und übernimmt bewusst keine Gewähr für die Materialqualität: «Die Klassifizierung liegt bei der Bauherrschaft, diese ist ge­setzlich verpflichtet, das Material zu deklarieren.» Im Kanton Zürich geschieht das je nach Materialart mit unterschiedlichen AWEL-Formularen: für Untergrundmaterial die «Deklaration Aushub Untergrund», für abgetragenen Ober- und Unterboden die «Deklaration Bodenqualität». 

Die unterzeichneten Dokumente hinterlegt die Bauherrschaft bei «SoilTrack», noch bevor das erste Matching stattfindet. Ab mehr als 200 Kubikmetern unverschmutztem Aushub gilt die Deklaration als Entsorgungskonzept und ist der zuständigen Behörde vor Baufreigabe einzureichen; bei kleineren Mengen wird sie zuhanden der Annahmestelle ausgefüllt.

«Die Verantwortung für die korrekte Deklaration liegt in beiden Fällen bei der Bauherrschaft», erklärt die Start-up-Gründerin. Die weiteren Zuständigkeiten der einzelnen Akteure sind klar verteilt: Der Materialanbieter ist verantwortlich für die Bereitstellung und die Qualität des Materials, der Transporteur für den siche­ren Transport und der Abnehmer für die Koordination des Materials am Bestimmungsort sowie die Qualitätskontrolle.

Und was geschieht mit belastetem Aushubmaterial? Dieses wird gemäss Shala nicht zur Wiederverwendung vermittelt: «Es wird auf der Plattform erfasst und regelkonform dem vordefinierten Entsorgungs- oder Behandlungsweg zugeführt.» Die zuständige Deponie oder Abfallanlage wird beim Eröffnen des Bau­vorhabens im System hinterlegt. Ziel sei es, den gesamten Materialfluss eines Projekts über dasselbe System abzubilden – sauberes wie belastetes Material –, damit für die Nutzer kein Bruch entsteht. Shala: «In erster Linie arbeiten wir heute mit Aushubmaterial.» Das System sei jedoch so aufgebaut, dass es künftig auch auf weitere Material­arten erweitert werden könne.

Pilotphase ab Herbst 2026

Die Pilotphase für die Matching-Plattform startet im Herbst 2026. Erste messbare Resultate, etwa zu vermittelten Materialmengen oder eingesparten Transportkilometern, werden frühestens im ersten Halbjahr 2027 erwartet. Als ersten Praxispartner nennt Shala den Fachverband IG Lehm, über den geeigneter Aushub direkt für den Lehmbau weiterverwendet werden soll. Dabei soll die Plattform neben dem Matching anhand geotechnischer Daten auch automatisch prüfen, ob das Material lehmbautauglich ist, und den Verband bei einem positiven Befund benachrichtigen. Der Lehmbau-Abnehmer entscheidet anschliessend, ob er das Material annimmt. Mit weiteren Bauunternehmen, Bauherrschaften und Transporteuren aus dem Raum Zürich laufen laut Shala konkrete Gespräche. Darüber hinaus sollen auch öffentliche Bauherren in die Pilotphase miteinbezogen werden.

Screenshots der SoilTrack-Plattform

Quelle: zvg, SoilTrack

Das Matching erfolgt digital in einer Smartphone-App und basiert auf vier Kriterien: Materialkategorie und Qualität, Menge, Zeitfenster sowie Standort. Findet die Plattform keinen passenden Abnehmer, wird das Material automatisch einer vordefinierten Deponie zugewiesen.

Plattform zunächst kostenlos

Die Finanzierung der Plattform erfolgt über ein transaktionsbasiertes Modell. Geplant sind ein Abonnement für den Zugang sowie eine Matching-Gebühr pro erfolgreich vermitteltem Kubikmeter, aufgeteilt zwischen Anbieter und Abnehmer. Optional sollen auch Zusatzleistungen wie ein CO2-Reporting oder erweiterte Auswertungen hinzugebucht werden können. «Die Plattformgebühr soll aber deutlich unter den Einsparungen liegen, die durch kürzere Transportwege und die digitale, telefonlose Abwicklung entstehen», so Shala.

In der Pilotphase ist die Nutzung der Plattform kostenlos. «Wir wollen zuerst unter realen Bedingungen zeigen, dass das System funktioniert und einen echten Mehrwert bringt.» Das endgültige Preismodell soll dann auf dieser Basis finalisiert werden. Für die Akzeptanz des Systems setzt die Bauingenieurin auf den Austausch mit den kantonalen Fachstellen und den Branchenverbänden. Das Start-up stehe so bereits mit dem Tiefbauamt des Kantons Zürich sowie der Fachstelle Naturschutz des Amts für Landschaft und Natur (ALN) in Kontakt.

«Letztlich ziehen alle am gleichen Strang: weniger unnötige Transporte, weniger Deponievolumen, mehr Kreislaufwirtschaft», sagt Shala. Ein bestehendes Problem sieht die «SoilTrack»-Gründerin noch beim Ober- und Unterboden, der gemäss den gesetzlichen Vorgaben in die Rekultivierung geht und nicht deponiert wird. «Innerhalb der Bauzonen, wo die Zuständigkeit bei den Gemeinden liegt, ist oft nicht nachvollziehbar, wo dieser wertvolle Boden wieder eingebaut wurde.»

Weitere Informationen zum Start-up und zur Matching-Plattform unter: soiltrack.ch

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Redaktorin Baublatt

Zeichnet, schreibt und kreiert gerne. Themenbereiche: Bauprojekte sowohl international als auch regional, News aus Wissenschaft, Forschung, Technik, Architektur und Design.

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