Zürcher Start-up vermittelt Aushub von Baustelle zu Baustelle
Auf der einen Baustelle fällt Aushub an, auf der nächsten wird er gebraucht – aber nicht immer findet beides direkt zusammen. Das Zürcher Start-up «SoilTrack» will das mit einer Matching-Plattform ändern und Anbieter und Abnehmer regional miteinander vernetzen.
Quelle: Built Robotics, Unsplash
Auf der einen Baustelle fällt Aushub an, auf der nächsten wird er gebraucht– das Zürcher Start-up «SoilTrack» will Anbieter und Abnehmer des Materials zusammenbringen.
Allein im Kanton Zürich wurden im Jahr 2020 rund vier
Millionen Kubikmeter unverschmutzter Aushub von A nach B transportiert. Das
geht aus einer Studie hervor, die das Unternehmen Ernst Basler + Partner
AG im Auftrag des Amts für Abfall, Wasser, Energie und Luft (AWEL) des Kantons
Zürich erarbeitet hat. Gemäss den erhobenen Daten wurde das unverschmutzte
Aushubmaterial grösstenteils zur Auffüllung der Kiesabbaugebiete verwendet.
Die Transporte erfolgten in erster Linie ins Zürcher
Unterland, während rund ein Drittel des Materials gemäss der Studie
grossmehrheitlich in den Kanton Aargau, aber auch in den Kanton Zug sowie in
geringerem Mass in andere Nachbarkantone und nach Deutschland befördert wurde.
Die Aushubtransporte summierten sich dabei für das gesamte Jahr 2020 auf 159
Millionen Tonnenkilometer. Wobei rund 96 Prozent der Transportleistung auf die
Strasse entfielen.
Von Baustelle zu Baustelle
Diese Transportwege will das Zürcher Start-up «SoilTrack»
verkürzen – mit einer digitalen Plattform, die Anbieter und Abnehmer von
Aushubmaterial (Untergrundmaterial) regional miteinander vernetzt. «Niemand
sieht, wo Aushub anfällt und wo er gerade gebraucht wird», sagt Ardita Shala,
Gründerin von «SoilTrack». Die Bauingenieurin ortet die Ursachen für die teils
langen Transportwege nicht im fehlenden Willen, sondern in strukturellen
Hürden.
Darunter die engen Platzverhältnisse auf Baustellen,
besonders im städtischen Bereich: «Aushub muss sofort weg, eine
Zwischenlagerung ist kaum möglich.» Hinzu komme der eingespielte Deponie-Weg,
der planbar und verlässlich sei. Die direkte Wiederverwendung erfordere unter
Zeitdruck mehr Koordination, Abklärung und Timing. Aber auch fehlende
Transparenz stelle eine Herausforderung dar: Innerhalb eines Unternehmens lasse
sich der Überblick noch herstellen, firmenübergreifend werde die Situation aber
schnell unübersichtlich.
«SoilTrack» soll hierbei unterstützen. Die Plattform
koordiniert den Transport mit dem Ziel, den kürzesten Weg direkt von Baustelle
zu Baustelle zu finden – ohne eine Zwischenlagerung. Dieses Matching erfolgt
digital in einer Smartphone-App und basiert auf vier Kriterien:
Materialkategorie und Qualität, Menge, Zeitfenster sowie Standort. Findet die
Plattform keinen passenden Abnehmer, wird das Material automatisch einer
vordefinierten Deponie zugewiesen. «Im Worst-Case-Szenario ist ‹SoilTrack› eine
digitale Abwicklung des heutigen Prozesses, aber schneller und
nachvollziehbarer», erklärt Shala.
Quelle: zvg, SoilTrack
Die Zuständigkeiten der Akteure sind klar verteilt: Der Materialanbieter ist verantwortlich für Bereitstellung und Qualität des Materials, der Transporteur für den Transport und der Abnehmer für die Koordination des Materials am Bestimmungsort sowie die Qualitätskontrolle.
Jede Übergabe wird mit einem digitalen Lieferschein dokumentiert:
Abgeber, Transporteur und Empfänger signieren diesen direkt auf dem
Mobiltelefon. Der Lieferschein hält fest, wer was, wann und an wen übergeben
hat. Er ersetzt dabei aber keine bestehenden Systeme: «Gesetzlich
vorgeschriebene Nachweise wie der VeVA-Begleitschein bei belastetem Material
erstellt weiterhin das Bauunternehmen selbst», erläutert Shala. Für
notwendige, amtliche Begleitscheine gibt es im Lieferschein ein Referenzfeld.
Neutrale Vermittlungsplattform
Das Start-up versteht sich laut der Bauingenieurin als neutrale Vermittlungsplattform und übernimmt bewusst keine Gewähr für die Materialqualität: «Die Klassifizierung liegt bei der Bauherrschaft, diese ist gesetzlich verpflichtet, das Material zu deklarieren.» Im Kanton Zürich geschieht das je nach Materialart mit unterschiedlichen AWEL-Formularen: für Untergrundmaterial die «Deklaration Aushub Untergrund», für abgetragenen Ober- und Unterboden die «Deklaration Bodenqualität».
Die unterzeichneten Dokumente
hinterlegt die Bauherrschaft bei «SoilTrack», noch bevor das erste Matching
stattfindet. Ab mehr als 200 Kubikmetern unverschmutztem Aushub gilt die
Deklaration als Entsorgungskonzept und ist der zuständigen Behörde vor Baufreigabe
einzureichen; bei kleineren Mengen wird sie zuhanden der Annahmestelle
ausgefüllt.
«Die Verantwortung für die korrekte Deklaration liegt in
beiden Fällen bei der Bauherrschaft», erklärt die Start-up-Gründerin. Die
weiteren Zuständigkeiten der einzelnen Akteure sind klar verteilt: Der
Materialanbieter ist verantwortlich für die Bereitstellung und die Qualität des
Materials, der Transporteur für den sicheren Transport und der Abnehmer für
die Koordination des Materials am Bestimmungsort sowie die Qualitätskontrolle.
Und was geschieht mit belastetem Aushubmaterial? Dieses wird
gemäss Shala nicht zur Wiederverwendung vermittelt: «Es wird auf der Plattform
erfasst und regelkonform dem vordefinierten Entsorgungs- oder Behandlungsweg
zugeführt.» Die zuständige Deponie oder Abfallanlage wird beim Eröffnen des
Bauvorhabens im System hinterlegt. Ziel sei es, den gesamten Materialfluss
eines Projekts über dasselbe System abzubilden – sauberes wie belastetes
Material –, damit für die Nutzer kein Bruch entsteht. Shala: «In erster Linie
arbeiten wir heute mit Aushubmaterial.» Das System sei jedoch so aufgebaut,
dass es künftig auch auf weitere Materialarten erweitert werden könne.
Pilotphase ab Herbst 2026
Die Pilotphase für die Matching-Plattform startet im Herbst
2026. Erste messbare Resultate, etwa zu vermittelten Materialmengen oder
eingesparten Transportkilometern, werden frühestens im ersten Halbjahr 2027
erwartet. Als ersten Praxispartner nennt Shala den Fachverband IG Lehm, über
den geeigneter Aushub direkt für den Lehmbau weiterverwendet werden soll. Dabei
soll die Plattform neben dem Matching anhand geotechnischer Daten auch
automatisch prüfen, ob das Material lehmbautauglich ist, und den Verband bei
einem positiven Befund benachrichtigen. Der Lehmbau-Abnehmer entscheidet
anschliessend, ob er das Material annimmt. Mit weiteren Bauunternehmen,
Bauherrschaften und Transporteuren aus dem Raum Zürich laufen laut Shala
konkrete Gespräche. Darüber hinaus sollen auch öffentliche Bauherren in die
Pilotphase miteinbezogen werden.
Quelle: zvg, SoilTrack
Das Matching erfolgt digital in einer Smartphone-App und basiert auf vier Kriterien: Materialkategorie und Qualität, Menge, Zeitfenster sowie Standort. Findet die Plattform keinen passenden Abnehmer, wird das Material automatisch einer vordefinierten Deponie zugewiesen.
Plattform zunächst kostenlos
Die Finanzierung der Plattform erfolgt über ein
transaktionsbasiertes Modell. Geplant sind ein Abonnement für den Zugang sowie
eine Matching-Gebühr pro erfolgreich vermitteltem Kubikmeter, aufgeteilt
zwischen Anbieter und Abnehmer. Optional sollen auch Zusatzleistungen wie ein
CO2-Reporting oder erweiterte Auswertungen hinzugebucht werden können. «Die
Plattformgebühr soll aber deutlich unter den Einsparungen liegen, die durch kürzere
Transportwege und die digitale, telefonlose Abwicklung entstehen», so Shala.
In der Pilotphase ist die Nutzung der Plattform kostenlos.
«Wir wollen zuerst unter realen Bedingungen zeigen, dass das System
funktioniert und einen echten Mehrwert bringt.» Das endgültige Preismodell soll
dann auf dieser Basis finalisiert werden. Für die Akzeptanz des Systems setzt
die Bauingenieurin auf den Austausch mit den kantonalen Fachstellen und den
Branchenverbänden. Das Start-up stehe so bereits mit dem Tiefbauamt des Kantons
Zürich sowie der Fachstelle Naturschutz des Amts für Landschaft und Natur (ALN)
in Kontakt.
«Letztlich ziehen alle am gleichen Strang: weniger unnötige
Transporte, weniger Deponievolumen, mehr Kreislaufwirtschaft», sagt Shala. Ein
bestehendes Problem sieht die «SoilTrack»-Gründerin noch beim Ober- und
Unterboden, der gemäss den gesetzlichen Vorgaben in die Rekultivierung geht und
nicht deponiert wird. «Innerhalb der Bauzonen, wo die Zuständigkeit bei den
Gemeinden liegt, ist oft nicht nachvollziehbar, wo dieser wertvolle Boden
wieder eingebaut wurde.»
Weitere Informationen zum Start-up und zur
Matching-Plattform unter: soiltrack.ch