13:03 BAUPRAXIS

Sozialer Wohnungsbau von Pritzker-Preisträger Alejandro Aravena

Teaserbild-Quelle: Felix Wellisch

Der chilenische Architekt Alejandro Aravena wollte den sozialen Wohnungsbau vom Stigma der Uniformität befreien und die Bewohner miteinbeziehen. 2016 hat er dafür den Pritzkerpreis erhalten. Die Bewohner sind mit den «halben Häusern» unterschiedlich umgegangen.

Villa Verde in Chile

Quelle: Felix Wellisch

Ein Erdbeben zerstörte die chilenische Hafenstadt Constitucion fast vollständig. Als Teil des Wiederaufbaus entstand die Sozialsiedlung «Villa Verde».

VonFelix Wellisch

Vor dem Neuanfang kam für Fabian Fuentes die Katastrophe. An einem Samstag im Februar vor zehn Jahren erschütterte morgens um 3 Uhr 34 ein Erdbeben der Stärke 8,8 ganz Chile. Das Epizentrum lag im Pazifik, kaum 100 Kilometer von Fuentes Heimatstadt Constitucion entfernt. Grosse Teile der Hafenstadt wurden zerstört, darunter das Haus, in dem Fuente mit seiner Familie lebte.

«Es war ein sehr altes Haus aus Lehmziegeln, die Wände haben das nicht ausgehalten und sind eingestürzt», erzählt der 55-Jährige. «Wir haben überlebt, aber in Constitucion sind viele Leute in ihren Häusern gestorben.» Insgesamt 521 Tote und 56 Vermisste zählte die Regierung schliesslich in ganz Chile, etwa 300 000 Wohnungen wurden zerstört.

Beim Wiederaufbau entschied man sich in Constitucion für ein Experiment. Man beauftragte den chilenischen Architekten Alejandro Aravena (52), der einige Jahre zuvor durch ein ungewöhnliches Konzept bekannt geworden war. 2004 hatte er den Auftrag, eine Siedlung mit Sozialwohnungen in Iquique im Norden Chiles zu bauen.

Weil das Budget knapp bemessen war, machte Aravena aus der Not eine Tugend. Er baute bezugsfertige halbe Häuser, welche die Bewohner nach eigenem Geschmack und je nach individuellen finanziellen Verhältnissen ausbauen konnten. So sollten auch Familien mit geringem Einkommen die Möglichkeit erhalten, sich ausreichend Wohnraum zu verschaffen und diesen den sozialen Bedürfnissen entsprechend zu gestalten.

Villa Verde in Chile

Quelle: Felix Wellisch

Das Ergebnis ist mehr als die Summe der Teile, auch weil die Bewohner den Ausbau nach eigenen Bedürfnissen gestalten können.

Gleich und doch anders

Nach drei Jahren in einer Notunterkunft konnte die Familie Fuentes 2013 in ein fertiges Haus auf einem Hügel oberhalb von Constitucion umziehen. In ein halbes Haus, um genau zu sein, denn bezugsbereit war lediglich die eine Hälfte. Villa Verde heisst das Viertel, dem man nicht ansieht, dass es sich um eine Sozialsiedlung handelt. Strasse um Strasse reihen sich rote und graue Häuser mit Satteldächern aneinander.

Jede Familie konnte eine Hälfte des Hauses mit demselben Grundriss beziehen. Links des Dachgiebels gab es im ersten Stock zwei Zimmer sowie im Erdgeschoss eine Küche und ein Bad. Rechts des Giebels standen nur das Dach und die Seitenwand. Der leere Raum dazwischen bot sich an fürs Weiterbauen und die Umsetzung von Gestaltungsideen durch die Bewohner. «Am Anfang war es schon komisch, man konnte von vorne nach hinten durchschauen », erzählt Fabian Fuentes. «Aber heute finde ich das Konzept genial.»

Noch heute ähneln sich die meisten Häuser auf der linken Seite, rechts haben die Bewohner auf ihre Weise den Bau weiterentwickelt. Vor dem Haus von Fabian Fuentes dreht seine Tochter Runden auf dem Fahrrad, im Vorgarten tropfen nasse Jeans an einer Wäscheleine. Drinnen riecht es nach geschmorten Zwiebeln. «Ich habe direkt nach dem Einzug angefangen, auszubauen», sagt Fuentes.

Im ersten Stock hat das Haus jetzt vier Zimmer, das Erdgeschoss ist eine grosse Wohnküche. Die roten Wände des Wohnzimmers passen gut zum dunklen Holz der Treppe. Die Wand verschwindet fast hinter Fotos seiner drei Töchter. Nur die Aussenfassade verrät den Anbau. «Die graue Farbe, die ich gekauft habe, war etwas dunkler als das Original», erzählt er. Sechs Millionen Pesos, was etwa 7000 Euro entspricht, habe der Ausbau gekostet. «Das meiste habe ich selbst gemacht. Jetzt haben wir unser erstes eigenes Haus und genug Platz für alle.»

Sozialsiedlung Villa Verde in Chile

Quelle: Felix Wellisch

«Wir waren lange unsicher, ob wir uns den Ausbau leisten können», sagt Francisco Rodriquez. Manche Familien in «Villa Verde» wohnen deshalb bis heute in der einen Hälfte des Hauses.

Ausbau funktionierte grösstenteils

Der Vater der halben Häuser, Alejandro Aravena, hat seitdem die wichtigsten Lorbeeren eingesammelt, die sich in der Welt der Architektur gewinnen lassen. 2016 wurde er mit dem Pritzker-Preis geehrt und leitete die Architektur-Biennale in Venedig.

Der Vorsitzende der Stiftung, Thomas Pritzker, sagte bei der Preisverleihung, Aravenas Sozialwohnungen gäben gesellschaftlich Benachteiligten Chancen, beschränkten die Folgen von Naturkatastrophen, reduzierten den Energieverbrauch und würden freundliche öffentliche Räume schaffen. Aravena zeige, dass Architektur im besten Fall das Leben der Menschen verbessern könne.

Ein Spaziergang durch Villa Verde zeigt, wie kreativ die Bewohner beim Ausbau ihrer halben Häuser geworden sind. Manche haben ihre Vorgärten überdacht und in kleine Tante-Emma-Läden verwandelt, andernorts sind wuchernde Gärten entstanden oder Parkplätze. Einige haben lediglich die linke Seite kopiert, andere gleich die gesamte Front mit Naturholz ersetzt. Es gibt Balkone und Erker, einladende Terrassen und abschreckende Zäune.

Doch nicht alle haben es geschafft, ihre Häuser auszubauen. Zwischen den kreativ gestalteten Häuserfronten klaffen Lücken. Häuser, durch deren rechte Hälfte man bis heute hindurchschauen kann. Wer sein Haus nicht ausbauen konnte, fällt in Villa Verde heute auf. Die Lücken stechen zwischen den ordentlich umzäunten Vorgärten hervor.

Doch Aravenas Sozialprojekte werden nicht nur gefeiert. Kritiker werfen ihm vor, dass man mit dem Konzept auch die Hälfte der Verantwortung an die Bewohner abgebe. So müssten arbeitende Menschen mit schlecht bezahlten Jobs in ihrer Freizeit auch noch ihre Sozialwohnung ausbauen. Das nehme dem Staat die Pflicht, das Menschenrecht auf eine würdige Behausung zu erfüllen.

Erdbebensichere Bauten

Franzisco Rodriguez steht vor seinem Haus und zupft an einer Plastikplane, die eine Baustelle verdeckt. «Wir waren lange unsicher, ob wir uns den Ausbau leisten können », erzählt Rodriguez. «Viele, die kein festes Einkommen haben, bekamen keinen Kredit von der Bank. Ich wusste lange nicht, ob ich mich für den Ausbau verschulden soll. Was ist, wenn ich dann meinen Job verliere?» Ausserdem arbeite er zu viel, um den Ausbau selbst zu übernehmen, das mache alles viel teurer. Manche Familien in Villa Verde wohnen deshalb bis heute in einem halben Haus.

Rodriguez lebt zusammen mit seiner Frau Nicola und zwei Kindern in zwei Zimmern. «Wir haben die letzten Jahre gespart und erst vor ein paar Wochen angefangen zu bauen», erzählt er. Trotzdem gefällt ihm sein halbes Haus, vor allem, weil er sich darin keine Sorgen mehr um Naturkatastrophen machen müsse. «Das ganze Haus ist aus Holz gebaut», erklärt Rodriguez. Das mache es widerstandsfähiger gegen Erdbeben als die alten Lehmhäuser, in denen sie früher gewohnt hätten. «Ausserdem sind wir hier auf dem Berg sicher vor Tsunamis.»

Gute Idee, nicht die Lösung

Damit passt das Projekt im Grunde gut nach Chile, wo beinahe alle Wirtschaftsbereiche privatisiert sind, von Bildung über Gesundheit bis hin zur Wasserversorgung. Strenggenommen sind die Häuser in Villa Verde eher ein Eigenheimprogramm als sozialer Wohnungsbau im klassischen Sinne. Sie werden den bedürftigen Familien nicht vermietet, sondern verkauft. Einige Kritiker sagen, Aravena schaffe mit seinem Ansatz eine marktkonforme Lösung, die am eigentlichen Problem, der Privatisierung und der sozialen Ungleichheit, nichts ändert.

Ein pikantes Detail in diesem Zusammenhang: Aravenas Architekturbüro «Elemental» gehört zu 40 Prozent dem chilenischen Ölkonzern «Antar- Chile», dessen Tochterunternehmen der grösste Arbeitgeber in Constitucion ist, wie die französische Zeitung «Le Monde diplomatique» berichtete. Aravena musste sich deshalb die Kritik gefallen lassen, das soziale Aushängeschild eines neoliberalen Wirtschaftssystems zu sein.

Seit Oktober 2019 protestieren die Chilenen für mehr soziale Gerechtigkeit. Für Ricardo Tapia, Experte für sozialen Wohnungsbau an der Universität von Santiago, haben die Proteste mit verfehlter Stadtplanung zu tun. Und er hält Aravenas Ansatz mit den halben Häusern zwar für eine gute Idee, aber nicht für die Lösung des Problems (siehe «Nachgefragt» unten).

Die Bewohner Villa Verdes klagen derweil eher über kaputte Dachrinnen, billige Wasserleitungen und über den Umstand, dass einige Häuser sehr eng aneinander gebaut sind. «Aber das sind Kleinigkeiten», sagt Francisco Rodriguez. «In unserem eigenen Haus zu wohnen, das ist wie ein Traum. Ich glaube, jedes Lebewesen will ein Zuhause haben, wo man sicher sein kann, dass niemand einen rausschmeissen kann.»

Nachgefragt ... bei Ricardo Tapia

Felix Wellisch

Ricardo Tapia, Experte für sozialen Wohnungsbau

Baublatt: Herr Tapia, was hat die Wohnsituation der Chilenen mit den Protesten zu tun, die das Land seit Oktober in Atem halten?

Ricardo Tapia: Wenn wir schauen, wer aktuell in Chile protestiert, sehen wir bei den Demonstrationen viele Menschen aus armen Vorstadtvierteln. Dabei ist die Lage auf den ersten Blick gar nicht schlecht. In Chile fehlen heute rund 400 000 Wohnungen, das ist eigentlich eine gute Zahl und im südamerikanischen Vergleich nicht viel. Man hat nach dem Ende der Pinochet-Diktatur 1990 ganze Stadtviertel aus Sozialwohnungen errichtet wie beispielsweise das Viertel Bajos de Mena in der Vorstadt von Santiago. Dort leben heute etwa 120 000 Menschen. Das Problem dabei ist, dass die Qualität dieser Wohnungen sehr schlecht ist. Auf einer Fläche von 45 Quadratmeter wohnen oft Familien mit mehreren Kindern. Und Qualität hört ja nicht an der Haustüre auf. Es reicht nicht, nur ein Dach über dem Kopf zu haben. Im Viertel gibt es kaum Zugang zu öffentlichen Einrichtungen, keine guten Schulen und kaum Anbindung an den öffentlichen Nahverkehr. Bajos de Mena ist dabei nur ein Beispiel von vielen in Chile.

Wieso hat man die Viertel nicht mit entsprechender Gesundheitsversorgung und Anbindung geplant?

Dazu muss man Chiles Geschichte betrachten. Mit dem Militärputsch von 1973 wurde das Land zum Versuchslabor des Neoliberalismus. Der Markt sollte alles regeln, auch den Bau der Sozialwohnungen. Unternehmen begannen, tausende billige Häuser zu errichten. Weil sich Grünflächen und Gemeinschaftsräume aber nicht rechnen, achteten die Firmen nicht weiter darauf, ob die Stadtviertel lebenswert waren. In einem privatisierten Gesundheitssystem macht zudem kaum jemand ein Krankenhaus in einem armen Viertel auf, das kann sich ja dort niemand leisten. Ein Viertel wie Bajos de Mena ist das Ergebnis von 40 Jahren Stadtplanung durch den freien Markt. Diese räumliche Trennung von Arm und Reich prägt Chile bis heute. Wir müssen lernen, sozialen Wohnungsbau und Stadtplanung wieder zusammen zu denken.

Wie kann das funktionieren?

Chile braucht eine neue Verfassung und darin muss eine menschenwürdige Wohnung als Grundrecht verankert sein. In der alten Verfassung aus der Zeit der Diktatur gibt es kein solches Recht. Dort heisst es nur, dass der Staat das Privateigentum schützen muss. Das heisst, wenn man eine sehr schlechte Wohnung besitzt, schützt der Staat das Eigentum, interessiert sich aber nicht dafür, unter welchen Bedingungen man darin wohnt. Um die Herausforderungen der Zukunft zu regeln wie die Auswirkungen des Klimawandels, brauchen wir einen gemeinsamen Plan. Der Staat muss sich wieder mehr in die Stadtplanung einmischen.

Bei den Protesten in Santiago haben Architekturstudenten Grundrisse von Wohnungen auf einen zentralen Platz in Santiago gemalt. Warum?

Die Aktion sollte die unterschiedlichen Lebensrealitäten der Chilenen anhand der Grundrisse ihrer Wohnungen deutlich machen. Konkret ging es um das Vorhaben eines Unternehmens, das Miniwohnungen für Immigranten baut. In Chile arbeiten viele Einwanderer aus Haiti oder Kolumbien für sehr geringe Löhne, um Geld zu ihren Familien nach Hause zu schicken. Diese Menschen brauchen zum Wohnen nur einen Ort, an dem sie nachts schlafen können. Also haben Unternehmen entdeckt, dass man mit diesen Leuten Geld verdienen kann und 17 Quadratmeter grosse Apartments geplant, die nur mit dem Nötigsten ausgestattet sind. Die verkaufen sie dann an Migranten, die keine Wahl haben. Indem sie die Grundrisse dieser Wohnungen auf den Platz gemalt haben, wurde einer breiteren Öffentlichkeit klar, was 17 Quadratmeter eigentlich bedeuten und warum das kein angemessener Wohnraum ist.

Alejandro Aravena hat mit seinen halben Häusern versucht, den sozialen Wohnungsbau in Chile zu verändern. War er auf dem richtigen Weg?

Ich denke, Aravena hat im Rahmen des Möglichen einen guten Ansatz gefunden. Vielen Staaten Südamerikas fehlen schlicht die Mittel, um mehr in den sozialen Wohnungsbau investieren zu können. Auf ähnliche Ideen kamen vorher aber schon andere. Der britische Architekt John Turner entwarf in den 60er-Jahren in Peru ein ähnliches Projekt. Das Verdienst Aravenas ist es, die soziale Rolle der Architektur auf einer globalen Bühne wieder in den Vordergrund gerückt zu haben. Was mich stört, ist die Ansicht, dass es für die Bekämpfung der Armut eine einfache Lösung gibt. Doch Armut ist kein technisches Problem, sie ist die Folge eines Wirtschaftssystems, dass extreme soziale Ungleichheit schafft. Daran ändern die halben Häuser nichts, sie behandeln lediglich die Symptome. (fw)

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