Santiago Calatrava: Am Anfang ist die Zeichnung
Mit zwei Bahnhofbauten in Luzern und Zürich begann die Karriere von Santiago Calatrava. Zum 75. Geburtstag des Stararchitekten hat der Taschen-Verlag einen Bildband über dessen Werk herausgegeben, worin sich auch der Entstehungsprozess seiner oft spektakulären Bauten nachvollziehen lässt.
Quelle: Palladium Photodesign/Oliver Schuh + Barbara Burg
Wie ein Insekt wirkt der Pavillon der Vereinigten Arabischen Emirate, den Calatrava für die Expo 2020 in Dubai realisierte.
Der erste Bau in der Werkliste von Santiago Calatrava wurde 1985 in Deutschland realisiert: das Verteilzentrum eines Kleiderladens. Danach folgte eine Reihe von Projekten in der Schweiz, wo der Architekt 1980 sein Büro eröffnet hatte. Dort, an der ETH Zürich, hatte er nach seinem Architekturstudium in seiner Geburtsstadt Valencia zudem Bauingenieurwesen studiert.
Nach ein paar kleineren Aufträgen gelang dem gebürtigen Spanier mit zwei Bahnhofsbauten der Durchbruch, bei denen er sein gestalterisches Können und sein Ingenieurswissen unter Beweis stellen konnte: 1989 wurde nach sieben Jahren Bauzeit die neue Schalterhalle des Bahnhofs Luzern eröffnet. Der Bau besteht im Wesentlichen aus einer über hundert Meter langen Glaskonstruktion, die auf eleganten, organisch geformten Betonstützen ruht. Solche Betonstützen sind auch ein Merkmal des 1990 eröffneten, umgebauten Bahnhofs Stadelhofen in Zürich, den Calatrava als Teil einer lokalen Architektengemeinschaft entwarf.
Quelle: Santiago Calatrava
Für den Pavillon der Expo 2020 in Dubai liess sich der Architekt wie immer von natürlichen Formen – hier von einem Vogelflügel – inspirieren.
Kein Wurf für Basel
Im selben Jahr hätte sich auch Basel einen Infrastrukturbau von Calatrava leisten können: Dieser hatte, von Privaten gesponsort, einen spektakulären und filigranen Entwurf für die Sanierung der Wettsteinbrücke eingereicht. Doch das Stimmvolk entschied sich damals gegen seine Pläne; realisiert wurde dafür ein grundsolides, aber architektonisch nicht erwähnenswertes Projekt. Die Stadt hat leider die Tradition, vor grossen architektonischen Würfen zurückzuschrecken. So wurden sowohl das neue Stadtcasino von Zaha Hadid als auch das privat finanzierte Ozeanium von Roger Boltshauser vom Volk abgelehnt. Immerhin: 1987 hatte Calatrava die Sanierung des Kleintheaters Tabourettli am Spalenberg realisieren können.
Im Jahr darauf wurde für die Swissbau ein frühes, experimentelles Projekt des Architekten umgesetzt; ein Pavillon wiederum aus organisch geformten Betonelementen, mit dem die Branche die Möglichkeiten des dynamischen, hochfesten Betongusses vorführen wollte.
Quelle: Hufton + Crow
"The Oculus" - der unterirdische Bahnhof bei Groud Zero in New York, der doppelt so teuer wurde wie geplant.
Statik als geronnene Sequenz
Ausserhalb Basels aber wurde Santiago Calatrava zu einem weltweit gefeierten Stararchitekten, dessen Werkliste heute eine Reihe von spektakulären Grossprojekten vor allem im Infrastrukturbereich umfasst, allen voran der 2016 eröffnete World Trade Center Transportation Hub, kurz «The Oculus» genannt, der sich, obwohl unterirdisch angelegt, durch seine Tageslichtnutzung auszeichnet.
Allerdings hatten sich die Kosten des Baus von geplanten zwei auf vier Milliarden Franken verdoppelt, was für Kritik sorgte. Das Markenzeichen des Stararchitekten, der dieses Jahr seinen 75. Geburtstag feiert, sind Gebäude mit markanten, oft wie Skulpturen wirkenden Trägern und spektakulären statischen Lösungen. Calatrava prägte denn auch eine viel zitierte Definition der Statik als Zustand perfekten Gleichgewichts: «Statik ist Ausgleich und Gleichgewicht, eine geronnene Sequenz; ein von zeitlichen Zwängen befreiter Moment.»
Quelle: Palladium Photodesign/Oliver Schuh + Barbara Burg
Schwebendes Dach: Das 2011 fertiggestellte Konferenz- und Ausstellungszentrum in Oviedo (Spanien).
Flügel und Skelette
Die Tragwerke von Calatrava-Bauten erinnern oft an Flügel oder Skelette. Diese Orientierung an natürlichen Formen hat der Architekt schon in seiner Masterarbeit an der ETH vorweggenommen, die den Untertitel «Natura mater et magistra» (die Natur ist Mutter und Lehrerin) trägt. Dieses Konzept findet sich in den meisten seiner Bauwerke umgesetzt, deren statische Lösungen aus Beobachtungen biologischer Systeme entwickelt werden. Aus diesem Biomimikry entwickelte der Architekt die elegante und unverwechselbare Formsprache seiner Bauten, an deren Anfang oft eine von Hand gefertigte Skizze steht. Diese Skizzen werden ebenfalls veröffentlicht und sind im neuen, üppig bebilderten Bildband des Taschen Verlags zu sehen (siehe Kasten «Buchtipp» unten).
Der Bahnhof Stadelhofen in Zürich bleibt im übrigen Calatrava-Terrain: Letztes Jahr erst eröffnete gleich neben den Gleisen das «Haus zum Falken», ein Geschäftshaus mit – wie es sich gehört – skulpturaler Glasfassa-de, das stark an einen Schiffsrumpf erinnert. Und der Stararchitekt wurde auch für die Erweiterung des Bahnhofs um ein viertes Gleis hinzugezogen: Sein Büro erarbeitete eine gesamtheitliche Studie zum Projekt, die das zusätzliche Gleis integriert, dabei weitgehend mit Tageslicht auskommt und weder eine Belüftung noch eine mechanische Brandentrauchung benötigt. Einmal mehr konnte der Architekten davon profitieren, dass er zugleich Bauingenieur ist.
Quelle: Palladium Photodesign/Oliver Schuh + Barbara Burg
Als studierter Bauingenieur schuf Calatrava auch viele Brückenbauten, hier die Brücke über die Hoofdvaart in den Niederlanden, 2004 vollendet.
Buchtipp
Quelle: Taschen Verlag
Cover Calatrava
Santiago Calatrava, Philip Jodido: «Calatrava. Complete Works 1979 – Today». (Mehrsprachige Ausgabe: Englisch, Französisch, Deutsch).
688 Seiten, 200 Euro. ISBN 978-3-8365-8709-9
