Warum Winterthurs Wohnturm ohne Holz in die Höhe wachsen wird
Das Lokstadt-Areal in Winterthur hat eine bewegte Geschichte
hinter sich. Das neuste Kapitel: die Planänderung für das designierte
Wahrzeichen des neuen Stadtteils, das Wohnhochhaus Rocket.
Quelle: zvg
So könnte sich das neue Winterthurer Stadtquartier Lokstadt ab 2030 präsentieren, wenn bis dahin auch der höchste Neubau, das Hochhaus Rocket, steht. In der Visualisierung ist das 100 Meter Hohe Gebäude gemäss den ursprünglichen Plänen dargestellt.
Das Jahr 1871 gestaltete sich hierzulande ereignisreich: Nach dem Ende des Deutsch-Französischen Krieges floh die unterlegene französische Bourbaki-Armee über die Schweizer Grenze. Beinahe 90 000 Mann wurden dabei interniert. Im selben Jahre verkündete die Römisch-Katholische Kirche das Dogma von der Unfehlbarkeit des Papstes, worauf ihr rund 400 000 Schweizerinnen und Schweizer den Rücken kehrten und die Christkatholische Kirche gründeten.
Und in Winterthur wurde die Schweizerische Lokomotiv- und Maschinenfabrik (SLM) gegründet, damals als Dampflokomotiven-Fabrik. Bereits zwei Jahre später verliess die erste Dampf-Zahnradbahn die Hallen: die Lokomotive Nummer 7 der Vitznau-Rigi-Bahn. Sie steht heute im Verkehrshaus Luzern, wo bis vor Kurzem auch das berühmteste SLM-Modell zu bewundern war: das «Krokodil», die erste elektrische Lok für die Gotthard-Strecke. Sie wurde jüngst wieder fahrtüchtig gemacht und soll für Sonderfahrten eingesetzt werden.
Aus Industriebrache wird Grossprojekt
Die Zeiten ändern sich: Die SLM wurde 1961 von der ebenfalls
in Winterthurer gegründeten und ansässigen Sulzer AG übernommen. Doch die Schwerindustrie verliess zusehends die Schweiz, und die SLM wurde ab 1998
veräussert, verselbständigt oder geschlossen. Das Industrieareal und seine
Hallen unweit des Stadtzentrums der Eulachstadt lagen weitgehend brach.
Seit 2017 aber entsteht auf dem ehemaligen SLM- und Sulzer-Areal Werk 1 die Lokstadt: ein neues und vielfältiges Stadtquartier nach den Vorgaben der 2000-Watt-Gesellschaft. Sinnigerweise heisst das zuerst gebaute Gebäude der neuen Lokstadt «Krokodil». Das grosse, bis zu sieben Stockwerke hohe Hofhaus wurde im Herbst 2020 fertiggestellt und basiert weitgehend auf einer Holzbaukonstruktion.
Quelle: Peter Weiss
Schon seit Herbst 2020 bewohnt und belebt: das Hofhaus Krokodil mit 248 Miet- und Eigentumswohnungen, Ladenlokalen im Erdgeschoss und seinem grosszügigen Innenhof.
Zum Blockrand-Bau gehören 248 Wohnungen, Büros und Gewerbeflächen im Erdgeschoss sowie einen grosszügigen, als grüne Oase gestalteten Innenhof. Der Bau des «Krokodils» war der Startschuss für die Entstehung des durchmischten Stadtteils, der dereinst über 750 Wohnungen für rund 1500 Menschen, Büros, Dienstleistungsflächen sowie Bereiche für publikumsintensive Nutzung umfassen soll.
Schwerpunkt Nachhaltigkeit
Auch bei den weiteren Bauten in der Lokstadt stand die Verwendung von Holz im Zentrum- Ausserdem legten die Planenden den Fokus auf ressourcenschonende Bauweisen, Fernwärmenutzung, reduzierten Autoverkehr auf dem Areal sowie auf den Erhalt beziehungsweise die Umnutzung der denkmalgeschützten Industriehallen.
Quelle: Peter Weiss
Zentraler Begegnungsort in der Lokstadt: der Dialogplatz mit seinem Pavillon. Links im Bild ist das Haus Krokodil, rechts das 50 Meter hohe Hochhaus Bigboy zu sehen.
Entwickelt wurde das Gesamtprojekt ursprünglich von der Ina Invest AG, einem Ableger der Implenia, in Zusammenarbeit mit der Stadt Winterthur. Inzwischen hat die Ina AG mit der Immobiliengesellschaft Cham Group AG fusioniert, die nun Cham Swiss Properties AG heisst. Als Investoren fungieren eine Anlagestiftung sowie zwei Winterthurer Genossenschaften.
Vieles ist schon fertig
Das Lokstadt-Areal ist in mehrere Baufelder aufgeteilt, deren
Projekte zeitlich versetzt realisiert werden und inzwischen mehrheitlich
bereits fertiggestellt sind.
- Baufeld 1 umfasst «Bigboy» und «Tender»: zwei 2023 fertiggestellte, 50 und 35 Meter hohe Hochhäuser mit 125 Miet-, respektive 85 Eigentumswohnungen sowie einem Verbindungsbau zwischen ihnen. Ausserdem gehört dazu «Draisine», die denkmalgeschützte, ehemalige Shedhalle aus dem Gründungsjahr der SLM. In einem Teil von ihr werden seit 2023 je zwei Kindergarten- und eine Primarschulklasse unterrichtet, im anderen ist ein Eventlokal vorgesehen.
- Baufeld 2, «Elefant»: ein Gebäudekomplex, ebenfalls 2023 fertiggestellt, mit denkmalgeschützter Backstein-Fassade zur Zürcherstrasse hin sowie angebauten, neuen Büroräumlichkeiten, die an eine Winterthurer Krankenversicherung vermietet sind.
- Baufeld 3 besteht alleine aus dem eingangs beschriebenen «Krokodil».
- Baufeld 4a, «Habersack» und «Rapide»: zwei geschützte Industriehallen, die für eine öffentliche, publikumsintensive Nutzung vorgesehen sind. In der «Rapide» hat Mitte Dezember 2025 ein Spielcasino mit 2600 Quadratmetern Spielfläche und 200 Spielautomaten eröffnet.
- Baufeld 5 b/c: 17 Stadthäuser mit teilweise historischen Fassaden und einem Mix aus Wohneigentum und Mietwohnungen. Ihre Sanierung und grossflächige Erweiterung wurde 2023 abgeschlossen.
Zu den Bauten gesellt sich eine Fläche von rund 21 000
Quadratmetern öffentlicher Freiraum. Er wird nach Fertigstellung des Projekts an
die Stadt abgegeben. Noch nicht begonnen haben die Arbeiten am Baufeld 4b: Hier
ist mit dem 100 Meter hohen Wohnhochhaus «Rocket» das eigentliche Wahrzeichen
des Projekts vorgesehen, zusammen mit drei benachbarten Sockelgebäuden mit
Wohnnutzung, Sonderwohnformen und dem Namen «Tigerli».
Bewilligung mit Auflagen
Nachdem die während der Baueingabe im Herbst 2024 ausgesteckten, 100 Meter hohen Profilstangen weit um die Lokstadt herum Aufsehen erregt hatten, erteilte die Stadt Winterthur Anfang April 2025 die Baubewilligung. «Mit teils gewichtigen Auflagen», wie die Bauherrin, die Cham Swiss Properties AG, in einer Medienmitteilung schrieb. So wurde es für die Immobilienentwicklerin nichts mit dem ursprünglich für 2025 angepeilten Baustart. Stattdessen galt es, das Projekt anzupassen. Im Herbst gab die Gesellschaft die Änderungen bekannt.
Quelle: Peter Weiss
Das Baufeld 4b während der Baueingabe-Phase im vergangenen Winter: Die 100 Meter hohen Profilstangen für «Rocket» gaben damals in Winterthur viel zu reden.
Anstelle eines Hotels sind demnach nun auf rund 5000 Quadratmetern zusätzliche Wohnungen vorgesehen. 30 Prozent davon sollen im preisgünstigen Segment liegen und für junge Menschen in Ausbildung geeignet sein. Das Hochhaus und die drei angrenzenden Gebäude werden somit insgesamt rund 300 Mietwohnungen, darunter 30 Prozent preisgünstige, umfassen.
Parterre und Dach zugänglicher
Mit dem Verzicht auf das Hotel werde, wie von der Stadt
gefordert, die Zugänglichkeit der Flächen im Erdgeschoss verbessert. Statt
eines weitgehend automatisierten Hotel-Check-Ins sind dort nun öffentlich
zugängliche Verkaufs- und Gastronomieflächen geplant.
Das überarbeitete Projekt beinhaltet ausserdem eine umfassendere öffentliche Nutzung des Dachgeschosses. Mit einem Aussichtsraum sowie einer Fläche für Event- und Gastronomienutzung soll dieses attraktiver werden. «Wir sind zuversichtlich, eine gute Lösung umsetzen zu können, sodass die gesamte Bevölkerung die Aussicht aus 100 Metern Höhe geniessen kann», lässt sich Thomas Aebischer, CEO der Cham Swiss Properties, in der Medienmitteilung zu den aktuellen Plänen zitieren.
Von Risiko und Kosten
Eine wichtige Änderung erfuhr das Projekt gemäss dem Communiqué auch in Sachen Baumaterial. «Rocket», nach der 1829 weltweit ersten in Serie gefertigten Lokomotive benannt, war eigentlich als höchstes Wohnhochhaus der Schweiz in Holz-Hybrid-Bauweise konzipiert. Doch davon sieht die Bauherrschaft mittlerweile ab. «Schliesslich haben wir uns aus Risikoüberlegungen und wirtschaftlichen Gründen für eine andere Bauweise entschieden, die dank der rasanten Fortschritte in der Bau- und Materialtechnologie ebenso innovativ und nachhaltig ist», äussert sich Aebischer.
Quelle: Cham Swiss Properties AG
Das Hochhaus «Rocket» in der Visualisierung des ursprünglichen Projekts, damals noch gemäss Bauherrin als - weltweit höchstes - Wohngebäude in Holz-Hybrid-Bauweise geplant.
Heute stünden CO₂-äquivalente Alternativen zum Holz-Hybridbau zur Verfügung, heisst es in der Mitteilung weiter. Für eine nachhaltige Bauweise sorgen demzufolge die optimierte Statik, die dünnere Decken und damit höhere Räume mit mehr Wohnqualität ermöglicht, sowie die Verwendung von CO₂-reduziertem Beton. Angestrebt wird weiterhin das Gold-Label des Standards Nachhaltiges Bauen Schweiz (SNBS). Dieses ist mit den Vorgaben der 2000-Watt-Gesellschaft eng verknüpft.
Baustart 2027 angepeilt
Konkret sollen anstelle von Holz nun mehrheitlich Stahl und Beton zum Einsatz kommen. Baumaterialien, die in den Dimensionen eines Hochhauses einfacher verfügbar sind. Das verbessere die Planbarkeit, zumal die Nachfrage nach Holzelementen seit dem Planungsbeginn stark gewachsen, die Anzahl möglicher Lieferanten für tragende Massivholzelemente jedoch begrenzt geblieben sei. Die konventionelle Bauweise führe nicht zu einem höheren Investitionsvolumen. Dieses schätzt die Bauherrschaft nach wie vor auf rund 160 Millionen Franken.
Quelle: Peter Weiss
Auf dieser Fläche, die derzeit für den Baustellenverkehr genutzt wird, sollen bis 2030 das Hochhaus Rocket und seine Sockelbauten Tigerli entstehen.
Zum weiteren Vorgehen gibt die Cham Swiss Properties AG bekannt, dass sie den Rekurs, den sie aus formellen Gründen im Juni 2025 getätigt habe, nach dem Abschluss der Auflagenbereinigung zurückziehen werde Mit einer rechtskräftigen Baubewilligung rechnet die Immobiliengesellschaft im Laufe des kommenden Jahres. Per Mitte 2027 solle der Baustart erfolgen. Die Fertigstellung von «Rocket & Tigerli» ist für das Jahr 2030 geplant.