07:03 BAUPRAXIS

Leitfaden für kreislauffähigen Holzbau: Vom Abbruchmaterial zur Ressource

Geschrieben von: Pascale Boschung (pb)
Teaserbild-Quelle: Bernhard, unsplash

Jährlich landen Hunderttausende Tonnen Holz aus dem Schweizer Hochbau in der thermischen Verwertung. Das Holzbauingenieurbüro Pirmin Jung will das ändern – mit einem neuen Leitfaden, der zeigt, wie Holzbauten kreislauffähig geplant werden können.

Holstruktur in Scuol GR

Quelle: Bernhard, unsplash

Der Leitfaden bietet Planenden eine fundierte Grundlage und zeigt auf, welche Überlegungen und Massnahmen nötig sind, um ein Neubauprojekt aus Holz kreislauffähig zu planen.

Holz wächst nach, speichert CO2 und ist ressourcenschonend. Doch was passiert mit dem Material, wenn ein Holzbau am Ende seiner Nutzungsdauer steht? In der Schweiz fällt jährlich insgesamt rund 1 Million Tonnen Altholz an, rund 320 000 bis 380 000 Tonnen davon stammen aus dem Hochbau. Anstatt diese Holzabfälle zirkulär zu nutzen, wird ein grosser Teil heute der thermischen Verwertung zugeführt. Dabei ist nicht nur die Chance vertan, das nachhaltige Baumaterial erneut zu nutzen, sondern auch der ökologische Vorteil geht verloren: Das im Holz gespeicherte CO2 wird bei der Verbrennung wieder in die Atmos­-phäre freigesetzt.

Geteiltes Wissen

Re-Use im Holzbau findet heute zwar wieder vermehrt statt, wird teilweise aber ausgebremst. Grund dafür sind nicht mangelndes Interesse, sondern strukturelle, technische und organisatorische Herausforderungen. Dazu zählen etwa die Verfügbarkeit von Bauteilen und Materialien zum benötigten Zeitpunkt, die Bereitstellung von Qualitäts- und Bestandsdaten, rechtliche und wirtschaftliche Unsicherheiten, eine fehlende Standardisierung und Kompatibilität sowie unzu­reichende Infrastruktur und Logistik. In der etablierten Abbruch- und Entsorgungsbranche fehlt es an geeigneten Strukturen für eine systematische Wiederverwendung von Holzbauteilen. Aber auch ein Mangel an Fachwissen und Akzeptanz stellt eine Herausforderung für Re-Use im Holzbau dar.

«Die grösste Hürde ist die Gewohnheit. Es ist einfacher, den bekannten Weg zu gehen, als etwas Neues zu wagen», sagt Daniel Müller, Leitung Bauphysik/Nachhaltigkeit und zirkuläres Bauen bei der Pirmin Jung Schweiz AG. Das Holzbauingenieurbüro aus Sursee hat im Rahmen des Aktionsplans Holz des Bundesamts für Umwelt (Bafu) einen Leitfaden erarbeitet, der aufzeigt, wie sich Holzbauten kreislauffähig planen und bauen lassen. Das Unternehmen beschäftigt sich seit mehreren Jahren mit dem Thema zirkuläres Bauen. Eine Umfrage, die Pirmin Jung im Rahmen einer Bachelorarbeit gemeinsam mit der Hochschule Luzern bei rund 1000 Architekturbüros im deutschsprachigen Raum durchgeführt hat, zeigt: Das Interesse am zirku­lären Bauen ist gross – bei über der Hälfte der befragten Büros fehlen aber noch Erfahrungswerte und Wissen. «Uns geht es darum, den Holzbau gemeinsam vorwärtszubringen», erklärt Müller. «Deshalb möchten wir unseren erarbeiteten Wissensstand teilen.»

Der Leitfaden richtet sich an Planende, Ausführende und Entscheidungsträgerinnen und -träger und macht deutlich: Kreislauffähigkeit entsteht nicht beim Rückbau, sondern bereits in der Planungsphase. Wer Bauteile später wiederverwenden will, muss das von Anfang an in der Konstruktion berücksichtigen. Laut Müller sollten sich Planer dabei zwei zentrale Fragen stellen:

  • Gelingt es mir, bereits vorhandene Materialien sinnvoll einzusetzen?
  • Und wie kann ich die neuen Materialien sortenrein und mit möglichst geringem Aufwand wieder trennen?
Gesteckte Zapfen-Holzverbindungen

Quelle: DGJ Architektur GmbH

Der Leitfaden definiert eine Hierarchie nach Rückbaubarkeit: Gesteckte Verbindungen wie Zapfen (Bild oben) oder Schwalbenschwanz sind am besten lösbar, gefolgt von geschraubten und genagelten Verbindungen.

«Es gibt viele Möglichkeiten zur Lösungsfindung», sagt der Holzingenieur. Oftmals lohne sich auch ein Blick zurück zu traditionellen Zimmermannsverbindungen. Denn eine Schlüsselrolle spielt die Wahl der Verbindungsmittel. Der Leitfaden definiert dazu eine Hierarchie nach Rückbaubarkeit: Gesteckte Verbindungen wie Zapfen oder Schwalbenschwanz sind am besten lösbar, gefolgt von geschraubten und genagelten Verbindungen. Geklammerte und geklebte Verbindungen hingegen machen einen sortenreinen Rückbau oft unmöglich. Besonders im Fokus stehen dabei die materialintensiven Geschossdecken: Balkendecken und Brettstapeldecken mit mechanischen Verbindungen lassen sich gut in ihre ursprünglichen Elemente zerlegen. Holz-Beton-Verbunddecken mit Ortbeton hingegen sind weniger gut rückbaubar – diese werden als gesamtes Deckenelement wiederverwendet oder sie müssen mit maschinellen Trennwerkzeugen in Stücke zerteilt werden.

Schlaue Köpfe im Holzbau

Wirtschaftlich lohne sich kreislauffähiges Bauen vor allem beim Neubau, sagt Müller. Bei frühzeitiger Planung sei der Kostenfaktor nicht relevant. «Wir haben schlaue Köpfe in der Holzbaubranche und sind es gewohnt, mitzudenken.» Anders sehe es aber bei der Wiederverwendung von bestehendem Material aus: «Da spielt der Markt derzeit noch zu wenig mit und die Anreize für die Wiederverwendung fehlen», sagt Müller. Dabei zeigt die Praxis, dass Re-Use funktioniert – wenn die Voraussetzungen stimmen. So konnte Pirmin Jung kürzlich bei einem Projekt in Basel Holz aus einer temporären Tribüne für den Bau von Decken nutzen. «Wiederver­wendung wird wieder vermehrt gemacht», so der Holzingenieur. «Was früher üblich und notwendig war, ging in den letzten Jahren etwas vergessen. Die Nachfrage ist aber klar zunehmend.»

Damit sich kreislauffähiges Bauen im Holzbau dauerhaft durchsetzt, braucht es laut Müller aber weitere Rahmenbedingungen. «Nicht nur für den Holzbau, sondern generell für Re-Use.» Es müsse für Bauherrschaften attraktiver werden, bestehendes Material erneut zu verwenden und damit Ressourcen zu schonen. Regulatorisch bewegt sich zwar bereits einiges: Seit dem 1. Januar 2025 setzt die Schweiz schrittweise Gesetzesänderungen um, die Grundsätze der Ressourcenschonung gesetzlich verankern, darunter auch Grenzwerte für graue Energie im Bauwesen. Für Müller reicht das aber noch nicht. Es gelte auch, biobasierte, nachwachsende Rohstoffe stärker von nicht biobasierten zu unterscheiden – ein Aspekt, der laut dem Holzingenieur aktuell noch zu kurz greift. 

Publikation

Der Leitfaden «Kreislauffähiger Holzbau» kann in der Forschungsdatenbank der Bundesverwaltung abgerufen werden: www.aramis.admin.ch

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Redaktorin Baublatt

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