10:54 BAUPRAXIS

Holzbautag Biel 2026: Bauen mit Holz, Lehm, Stroh und Hanf

Teaserbild-Quelle: Greg Rosenke, unsplash

Rund 270 Fachleute aus Architektur, Planung und Holzbau haben kürzlich am Holzbautag im Kongresshaus Biel aktuelle Holzbauprojekte und Forschungsthemen diskutiert. Das Motto lautete «adaptiv, hybrid, zukunftsweisend».

Temporäres Hotel auf Lauchernalp bei Blatten

Quelle: Lauchernalp Lodge AG

Als Einstieg in den Holzbautag Biel diente das Bauprojekt «Momentum», mit dem nach dem Bergsturz von Blatten auf der Lauchernalp ein temporäres Hotel entstanden ist.

Den Auftakt machte am Holzbautag der Berner Fachhochschule (BFH) ein Projekt mit dramatischem Hintergrund: «Momentum», ein temporäres Hotel auf der Lauchernalp, das nach dem Bergsturz bei Blatten VS Ende Mai 2025 in Rekordzeit aufgebaut worden ist, um den Hoteliers des verschütteten Orts ihre betriebliche Zukunft zu sichern. Christoph Stahel (Pool Architektur) und Eric Mühlemann (Schäfer Holzbautechnik AG) beschrieben an der Tagung, wie das Unterfangen gelang. Nicht nur musste der Bau in 105 Arbeitstagen bis zum Beginn der Weihnachtsferien bezugsfertig sein, die Baustelle hatte auch mit einem frühen Wintereinbruch zu kämpfen.

Mit dem Wohnhaus Wächselacher in Stans rückte ein Neubau im ländlichen Raum in den Fokus. Das dreigeschossige Gebäude nimmt in seiner Form Bezug auf das viergeschossige Nachbargebäude, ein Holzhaus in ländlicher Tradition, und verbindet Massivholz, Lehmputz und Holz-Beton-Verbunddecken. Pro Geschoss sind vier Wohnungen symmetrisch um den zentralen Erschliessungskern angeordnet, wie Søren Linhart (Seiler Linhart Architekten) den Entwurf beschrieb. Umlaufende Holzbalkone und das weit auskragende Dach schützen die sägerohe Holzfassade vor Verwitterung. Das Holz stammt laut Linhart zu 100 Prozent aus den Wäldern des Kantons. Jonin Frigg (Pirmin Jung Schweiz AG) ergänzte, die Wände seien in Vollholz ausgebildet worden und wie die Brettstapeldecken sichtbar geblieben.

Weitere Vorträge des ersten Blocks widmeten sich der Klinik Arlesheim H4H und dem Quartierhaus Plaines-du-Loup in Lausanne. Yaike Dunselman (9graden architectuur) und Kurt von Felten (Makiol Wiederkehr AG) zeigten auf, wie in der Klinik Arlesheim die Symbiose aus Architektur, Medizin und Holz gelang. Die als «heilende Architektur» bezeichnete Bauweise verbindet mit einem Lichthof das Innen und Aussen, natürliche Materialien und ein Farbkonzept sorgen für eine ruhige Umgebung und Orientierung. Beim Quartierhaus in Lausanne, einem Bau aus vier miteinander verbundenen Kubaturen, spielen Lehm und Holz die Hauptrolle, wie Lorraine Beaudoin und Christophe Joud (Joud Beaudoin Architectes) erläuterten. Die Innenwände des Baus bestehen aus Stampflehm, die Aussenwände aus Holzrahmen mit Hanflehmfüllung und die Fassade aus gestampftem Hanfkalk.

Wolfram Kübler, WaltGalmarini AG, am Holzbautag Biel 2026

Quelle: Matthias Käser

Wolfram Kübler, WaltGalmarini AG präsentierte das Projekt «Campus Biel/Bienne: Komplexität bei Grossbauten reduzieren».

Bildungsbauten in Holzbauweise

Im zweiten Vortragsblock standen mit der Volksschule Weissenbühl Bern, der Kantonsschule Wattwil SG und dem Campus Biel drei Bildungsbauten im Mittelpunkt, die sich teils noch im Bau befinden. Die Volksschule Weissenbühl ist mit 72 Millionen Franken veranschlagt und soll bis 2028 fertiggestellt sein. Der dreiteilige Baukörper beruht laut Leander Walther (GWJ Architektur AG) auf einem Achsmass-Grundraster von 3,54 Metern und bietet hohe Flexibilität für Klassenzimmer, Fachräume und Lernlandschaften. Die Tragwerksstruktur des sechsgeschossigen Schulbaus basiert auf Stützen in gleichen Dimensionen mit unterschiedlichen Festigkeiten sowie tragenden Loggia-Wänden. Die Holz-Beton-Verbunddecken in Kombination mit Brettstapeldecken sowie die HBV-Rippendecken mit Fertigbetonelementen ruhen auf Primärträgern aus Beton, zum Teil auf HBV-Trägern und zusätzlichen Sekundärträgern aus Stahl. «Plant keine exotischen Betonqualitäten und passt auf, wenn ihr den Wasserzementwert anpasst», teilte Urs Füllemann (Solubois) seine Erfahrung aus dem Planungsprozess.

Die Kantonsschule Wattwil, ein kompakter dreigeschossiger Baukörper mit Atrium, wurde nach dem Prinzip «Design to Cost» definiert und mit Building Information Modeling (BIM) geplant. Beim Entwurf spielte laut Michael Künzle (Gunz & Künzle Architekten) das Machbare bei einem Holzbau eine grosse Rolle, etwa die Frage, wie tief die Räume ohne Stützen sein können. Insgesamt wurden 3623 Kubikmeter Holz verbaut. Die federführende Blumer-Lehmann AG sah sich gemäss Christoph Zingg bei der Koordination der ARGE und der Subunternehmen, bei der Baustelleninstallation und beim Witterungsschutz gefordert. Hinzu kam die sehr enge Baustelle: Bei der Vorfertigung funktioniere die Montage nur, wenn das richtige Material zum richtigen Zeitpunkt ankomme. Die Kantonsschule wurde im August 2026 fertiggestellt.

Wolfram Kübler (Walt Galmarini AG) stellte den neuen Campus der BFH vor. Mit Baukosten von 340 Millionen Franken, 65'000 Quadratmetern Geschossfläche, rund 80 Unterrichts- und Seminarräumen sowie 140 Laborräumen und Werkstätten, einem Restaurant, einem Werkhof und einer Tankstelle spielt er in einer eigenen Liga. Die Komplexität bei Grossbauten zu reduzieren, sei ihm ein Anliegen. «Das Gebäude muss adaptiv, also anpassungsfähig sein», so Kübler gemäss Mitteilung. Bestenfalls passe es sich selbständig an veränderte Bedingungen an; ob das mit der bisherigen Gebäudetechnik überhaupt möglich sei, stelle er infrage. Ein weiteres Thema, das den Ingenieur beschäftigt, ist die Reduktion des Holzverbrauchs: Rippendecken in Holz-Beton-Verbundbauweise statt flächiger Verbunddecken verringern das Holzvolumen deutlich. 2028 soll der neue Campus Biel bezugsbereit sein.

Holzbautag Biel 2026 der Berner Fachhochschule

Quelle: Matthias Käser

Rund 270 Fachleute aus Architektur, Planung und Holzbau haben am 10. September am Holzbautag im Kongresshaus Biel aktuelle Holzbauprojekte und Forschungsthemen diskutiert.

Aufstockungen, An- und Aufbauten

Zur Überleitung ins Nachmittagsprogramm hielt Sandra Burlet, Direktorin von Lignum Holzwirtschaft Schweiz, fest, der Holzbau stehe punkto Anpassungsfähigkeit dem Massivbau in nichts nach. Danach folgten in zwei parallelen Vortragsreihen zehn Kurzreferate zu den Themen «Aufstockungen, Anbauten und Einbauten» sowie «Neues aus der Holzbauforschung». Zum Thema Aufstockung und innerstädtische Verdichtung gab es unter anderem Einblick in das HIL Townhouse in Basel, die Aufstockung des Pflegezentrums Loogarten in Esslingen ZH unter laufendem Betrieb sowie eine Aufstockung an der Avenue Wendt in Genf. 

In einem weiteren Saal widmeten sich Rednerinnen und Redner der Holzbauforschung und zeigten ein modulares Holzbausystem zur Aktivierung ungenutzter Gebäude, berichteten über das Projekt «Aussteifende Holzrahmenbauwände mit Öffnungen», gingen auf die Grundschwingzeit von Holzbauten im Erdbebenfall ein, stellten eine biaxial tragende Hohlkastendecke vor und präsentierten den Build-in-Wood-Demonstrator – ein Reallabor für modularen DfMAD-Systembau (Design für Manufacturing and Assembly/Disassembly).

Holzbauprojekte aus Skandinavien

Mit einem Blick nach Skandinavien schloss der Holzbautag Biel. Vorgestellt wurde unter anderem das 2026 fertiggestellte Projekt ETC Hyllie in Malmö: Das zwölfstöckige Gebäude verfügt über ein Tragwerk komplett aus Massivholz und gilt als höchstes Gebäude der Welt mit strohgedämmter Aussenwandstruktur. Architektin Maria Orvesten (White Arkitekter) berichtete zudem vom Sara Cultural Centre in Skellefteå und der Wood City bei Stockholm. Der Anlass klang mit einem Netzwerk-Apéro in der Fachausstellung mit 41 Unternehmen aus. (Text: Dorothee Bauland, Verlags- und Redaktionsleiterin Holzbau Schweiz / Bearbeitung: pb)

Zum ausführlichen Nachbericht der Berner Fachhochschule (BFH): www.bfh.ch

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