Aufstockung im Zürcher Binz-Quartier: «Re-Use-Bauteile sind wie Rüebli»
Wie funktioniert das konsequente Wiederverwenden von Bauteilen? Welche Möglichkeiten bietet das Weiterbauen im Bestand? Die Erweiterung eines über 90-jährigen Gebäudes im Zürcher Binzquartier liefert dazu Antworten. This Alder, Architekt beim Baubüro in Situ, gibt Einblick in das Projekt.
Quelle: Michael Staub
Die neue Aufstockung des gut 90-jährigen Gewerbebaus sticht dank der blauen Bleche sofort ins Auge.
Ein grosser Teil des Binz-Quartiers befindet sich auf dem Areal einer ehemaligen Lehmgrube. Hier entstand nach dem Ersten Weltkrieg eine bunte Mischung von Industrie- und Gewerbebetrieben (siehe Kasten «Lehmabbau und Kleingewerbe» unten rechts). Seit den späten 1990er-Jahren hat der Aufwertungsdruck zugenommen. Wo früher kleinteilige Industrie- und Gewerbebauten sowie vereinzelte Fabriken standen, wachsen heute grosse Bürogebäude in die Höhe. Doch die an vielen Orten übliche Entwicklung vom günstigen Gewerbe- zum teuren Wohnquartier hat in der Zürcher Binz nicht stattgefunden. Denn die städtische Bau- und Zonenordnung (BZO) erlaubt im Quartier keine Wohnnutzungen. Mit dieser Massnahme will die Stadt Zürich sicherstellen, dass produzierende und kleingewerbliche Betriebe immer noch einigermassen verkehrsgünstige und bezahlbare Flächen finden.
Himmelblaue Stahlblechfassade
Wer von der Uetlibergstrasse in die Grubenstrasse einbiegt, die bis zum westlichen Rand der alten Lehmgrube führt, sieht deshalb nicht nur Neubauten, sondern auch ältere, windschiefe Schuppen und kleinmassstäbliche Fabrikgebäude. Das Gebäude mit der Nummer 29 ist gut 90 Jahre alt und diente unter anderem als Produktionsbetrieb für Drahtgeflechte, Stützpunkt einer Malergenossenschaft und schliesslich als Lagerfläche. Über der bewitterten Fassade erhebt sich eine neue Aufstockung, die mit himmelblauem Stahlblech verkleidet ist.
Dahinter verbirgt sich eine raffinierte, zweigeschossige Holzständerkonstruktion. Diese wurde mit Strohballen gedämmt und mit Lehm verputzt. Für diese Materialisierung gebe es zwei gute Gründe, sagt This Alder, zuständiger Architekt beim Baubüro in Situ: «Dieser leichten Holzbauweise wurde durch Stroh und Lehm mehr Speichermasse zugefügt. Im Sommer hilft dies gegen die Erwärmung, ist aber im Vergleich zum Massivbau viel leichter. So kann das alte Gebäude die neuen Lasten tragen. Zudem sind natürliche Baumaterialien wie Holz, Lehm und Stroh beim Rückbau problemlos. Sie können entweder umweltverträglich entsorgt oder nochmals verwendet werden.»
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