12:05 BAUPRAXIS

Bauwissen aus der Vergangenheit für den Klimawandel

Geschrieben von: Silva Maier (mai)
Teaserbild-Quelle: Yuanhang Luo

Wie baut man für unterschiedliche Klimata und Wetterbedingungen? Und was könnte man dabei von traditionellen Bautechniken lernen? Ideen liefert der Band "Habitat. Traditionelle Bauweisen für den globalen Wandel" und lädt gleichzeitig zu einer faszinierenden Weltreise ein.

Berge, üppig wuchernde Wälder, enge Täler und zahlreiche Flüsse prägen die Landschaft der südwestchinesischen Provinz Fujan. In ihrem subtropischen Klima gedeihen vor allem Tee, Reis und Zuckerrohr. Besonders typisch für die Region sind die sogenannten Tulou (Bild oben): Bauten, die wegen ihren dicken Stampflehm mauern und ihrem kreisrunden Grundriss an kleine Festungen erinnern. Es sind Gemeinschaftswohnhäuser für Grossfamilien. Hinter ihrer beinahe fensterlosen Fassade verbirgt sich jeweils ein grosszügiger Innenhof, um den sich die einzelnen Gebäudebereiche gruppieren. Zudem sind sie mehrgeschossig. Das heisst, in den unteren Stockwerken sind Arbeitsräume wie die Küche untergebracht. Darüber befinden sich etwa Lagerbereiche. Und ganz oben liegen schliesslich die Privatgemächer. Im Gegensatz zur Hülle bestehen die inneren Bauten aus Holz, das gilt für die Rahmen ebenso wie die Ausfachungen.

Die Tulou blicken auf eine Jahrhunderte alte Tradition zurück: Als die Angehörigen der Hakka – eine Volksgruppe der Han-Chinesen – das Gebiet besiedelten, schützten sie sich mit den kleinen burgartigen Anlagen vor Eindringlingen. Gleichzeitig schufen sie damit eine Urform einer kollektiven Wohngemeinschaft. Heute zählen in Fujan 46 Tulou zum Unesco-Weltkulturerbe.

Aus indigenen Wohngebieten lernen

Solche Geschichten erzählt der Band «Habitat. Traditionelle Bauweisen für den globalen Wandel», den Sandra Piesik für den Detail-Verlag herausgegeben hat. Das rund 600 Seiten starke Werk
ist ein ebenso eindrückliches wie faszinierendes Kompendium über beinahe in Vergessenheit geratene Bauweisen aus der ganzen Welt. Die Idee hinter dem umfangreichen Nachschlagewerk ist ambitioniert. Piesik will mit ihm aufzeigen, dass der Mensch die Fähigkeit hat, Architektur zu schaffen, ohne dabei das Gleichgewicht der Ökosysteme zu gefährden. "Diese Geschichte muss dringend erzählt werden, wenn wir unsere sich verändernde Beziehung zu unserem Planeten erfolgreich in die Zukunft steuern wollen", schreibt die Architektin im Vorwort. Die moderne Stadt- planung könne Lehren aus traditionellen Städten ziehen, aus indigenen Wohngebieten und historischen Siedlungsmustern. Denn für Piesik bieten sie Alternativen zu "den modernen Einheitslösungen".

Wer nach Ideen zum baulichen Umgang mit spezifischen klimatischen Bedingungen sucht, wird leicht fündig: Die verschiedenen Bautechniken sind nach Klimazonen gegliedert. Sie werden jeweils separat von einem Experten vorgestellt und mit Beispielen illustriert. Die Grundlage dazu lieferte das Köppen-Geiger-System, das bis heute in der Klimageographie angewandt wird. Es basiert auf dem Gedanken, dass sich das Klima in der jeweiligen Vegetation zeigt und zieht die Klimazonen deshalb anhand der Vegetationszonen. Das System unterteilt die Welt in fünf Hauptklimazonen: in tropische, trockene, gemässigte oder vielmehr feuchte Mittelbreiten mit milden Win-
tern sowie in polare Zonen. Allerdings lässt sich die Art der Zone in bergigen Gebieten oft schlecht ausmachen, weil sie sich durch schnelle Wetterwechsel auszeichnen. Deshalb hat Wladimir Köppen, der Erfinder dieser Klimaklassifikation, die Hauptklimazonen jeweils noch um eine Hochlandzone erweitert.

Von den Anden in die Sahelzone

Und so versammelt das Kapitel zur trockenen Zone ebenso Bauweisen aus der Sahelzone wie Techniken aus den Anden. Beispielsweise die Hütten der Chipaya: Die Chipaya gehören zu Boliviens indigenen Andenvölkern und zählen zu den ältesten Völkern Amerikas, ihre Anfänge liegen rund 4000 Jahre zurück. Der gleichnamige Ort, wo sie ursprünglich zu Hause waren, liegt auf rund 3700 Meter über Meer. Die von extremen Temperaturunterschieden zwischen Tag und Nacht, von starken Winden und heissem, sonnigem Wetter geprägte Region gibt wenig her. Einzige Ressourcen sind das Wasser und salzhaltiger Boden. Dennoch haben es die Chipaya über die Jahrtausende geschafft, in diesem harschen Umfeld zu überleben. Auf dem kargen Grund betrieben sie mit Lamas, Schafen und Schweinen Weidewirtschaft und bauten Quinoa an. Dabei halfen ihnen nicht nur ausgeklügelte Bewässerungssysteme, sondern auch die Wallichi Koya und die Walucha: Häuser, die mit aus dem Boden gestochenen Blöcken errichtet werden. Mit ihrem kreisrunden Grundriss und der sich nach oben verjüngenden Form erinnern sie an Kegel. Während die Wallichi Koya ein gemauertes Dach aufweisen, haben die Walucha ein Strohdach. Mit einem Durchmesser von drei bis vier Metern sind die Häuser oder vielmehr Hütten relativ klein. Ihr Vorteil: In einem Gebiet, wo es kaum Bäume gibt, kommen sie ohne Holzbalken aus. Zudem halten sie wegen ihrer konischen Form dem Wind besser stand, und die Temperaturen sind im Innern auch bei sengender Hitze verhältnismässig angenehm.

Auch im Tschad und in Kamerun in der Sahelzone liefert der Grund das Baumaterial: Hier errichtete das Volk der Musgum Lehmbauten. Sie kommen ebenfalls ohne Holz aus und haben auch ein Kuppeldach. Allerdings werden die Teleuk nicht gemauert, sondern «getöpfert»: Sie werden mit einer Spiralwulsttechnik hochgezogen. Ähnlich wie bei den Chipaya besteht ein Anwesen aus mehreren Häusern. Allerdings werden die kleinen Bauten sowohl in den Anden als im Tschad kaum mehr bewohnt. In Chipaya leben noch rund 800 Einwohner. Derweil fehlt es im Tschad an Maurern, die das traditionelle Handwerk beherrschen aber auch an Geld. Immerhin sind die Teleuk für die Musgum ein wichtiges Symbol. Die Tradition werde wiederbelebt, wird dazu in «Habitat» vermerkt.

Eine völlig andere Klimazone, in der es an Holz als Baumaterial mangelt, ist Island: Während Jahrhunderten bestanden die Häuser aus Torf. Dieser isoliert gegen den kalten Winter der polaren Zone zwar gut, aber kann nur wenig Gewicht tragen. Holz wurde darum in erster Linie nur für den Dachstuhl verwendet und je nachdem für die Fassade.

Solche Beispiele legen nahe, dass der Mensch unabhängig von seiner Kultur für ähnliche Probleme vergleichbare Lösungen findet. Sie machen «Habitat. Traditionelle Bauweisen für den globalen Wandel» spannend und sie verleiten zum Schmökern. Aber sie regen auch zum Nachdenken an.

"Habitat. Traditionelle Bauweisen für den globalen Wandel", Hrsg. Sandra Piesik, Verlag: Detail, 600 Seiten, ISBN 978-3-95553-393-9, 129 Franken

Geschrieben von

Chefredaktorin Baublatt

Ihre Spezialgebiete sind Architekturprojekte, Kultur- und Wissenschaftsthemen sowie alles Schräge, was im weitesten Sinn mit Bauen zu tun hat.

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