16:23 BAUPRAXIS

Der Riese von Cerne-Abbas wird saniert

Teaserbild-Quelle: Kyle Glen, Unsplash

Englands berühmtestes Scharrbild wird instandgesetzt: Freiwillige lassen den Riesen von Cerne-Abbas wieder kreideweiss leuchten, sie versehen seine Linien mit neuer Kreide. Im Zuge der wärmeren Temperaturen setzt auch der Regen dem Riesenbild zu. Es braucht weitere Massnahmen. 

Cerne Abbas-Riese

Quelle: National Trust / Steve Sayers

Freiwillige und Mitarbeiter des National Trust verpassen dem Riesen eine Auffrischung.

Seine genaue Herkunft lag lange im Dunkeln: der Riese, der sich auf einem Kreidehügel oberhalb Cerne Abbas, einem Dorf im Südwesten Englands, ausgebreitet hat. Das Scharrbild gilt als bekanntestes seiner Art in Grossbritannien. 

Es war unklar, ob er bereits vor rund 2700 Jahren in den Grund gegraben worden war, oder aber erst im 11. Jahrhundert. Eine vor rund zwei Jahren veröffentlichte britisch-norwegischen Studie zeigte jedoch: Bei dem 55 Meter langen Scharrbild handelt es sich nicht etwa um ein Werk von Kelten, sondern um ein Abbild des Herkules aus dem frühen Mittelalter. Es dürfte westsächsischen Kriegern als Versammlungsplatz gedient haben. Dies zeigten Untersuchungen des Bodens respektive des Bildes im Rahmen einer norwegisch-britischen Studie. (Mehr dazu in untenstehender Box)

So oft wie das Bild neu gedeutet worden ist, so oft veränderte sich wohl auch sein Aussehen. Es wurde im Laufe der Zeit angepasst und immer wieder instandgesetzt. Aktuell ist es wieder so weit. Denn der Riese wird etwa alle zehn Jahre saniert, damit seine Umrisse stets von Weitem zu sehen sind. Zurzeit frischen Mitarbeiter und Freiwillige des National Trust, der britischen Denkmalschutz-Organisation, die Linien mit 17 Tonnen Kreide wieder auf. 

Hügel und Riese vor Erosionen schützen

Giant of Cerne-Abbas

Quelle: Kyle Glen, Unsplash

Die Zeichnung wird etwa alle zehn Jahre wieder aufgefrischt.

Das Nachkreiden des Riesen sei «ein seltener und hochqualifizierter Vorgang», schreibt die Denkmalschutzorganisation National Trust in ihrer Medienmitteilung. Denn der steile Hang des Kreidehügels  – mit einer Neigung von etwa 1:3 – ist laut der Organisation anfällig für Erosion. Damit Unkraut die Linien nicht überwuchert oder sie der Regen nicht völlig auswäscht, muss die Kreide von Hand festgedrückt werden. «Das Nachkreiden des Riesen basiert auf Techniken, die sich seit Generationen nicht verändert haben – das sorgfältige Ausgraben von altem Material und das von Hand Einpressen von neuer Kreide», erklärt Luke Dawson, leitender Ranger des National Trust in der Region.  Auf diese Weise habe man den Riesen über Jahrhunderte sichtbar gehalten.

Daneben braucht es wegen der zunehmend wärmeren Temperaturen häufigere Massnahmen, um die Figur weiterhin sichtbar zu halten: In den letzten Jahren zeigte sich laut Dawson, dass Algenwachstum die leuchtend weissen Linien des Riesen allmählich trüben. «Wir können nicht mit Sicherheit sagen, was die Ursache dafür ist. Aber wärmere, feuchtere Bedingungen könnten ein Faktor sein, das klären wir weiter ab», sagt der Ranger. «Wir beobachten auch stärkere Regenfälle, die den Wasserabfluss erhöhen und die Kreide allmählich abtragen können. Daher planen wir zusätzliche Überwachungsmassnahmen, damit wir die Auswirkungen besser verstehen und herausfinden können, was wir verändern müssen – etwa häufigeres Nachkreiden.» 

Ausserdem will man auch versuchen, mehr Wasser in der Landschaft zurückzuhalten. Zum Beispiel in dem das Wachstum von Gebüsch oder Grasflächen gefördert wird. (mai)


Der Riese von Cerne Abbas, vom Herkules zum Heiligen

Das gigantische Scharrbild bei Cerne Abbas sollte einmal Herkules darstellen, später diente es Mönchen als Abbild des Heiligen Edwold. Das zeigt eine vor rund zwei Jahren publizierte Studie von Thomas Morcom von der Universität von Oslo und von Helen Gittos von der Universität von Oxford.

Das südwestenglische Cerne stand spätestens im 10. Jahrhundert unter der Herrschaft der Gefolgsmänner der angelsächsischen Könige im Südwesten des heutigen Englands. Die Lage des Riesen – von hier aus bot sich nicht nur ein weiter Blick auf die Umgebung, sondern auch Anschluss an wichtige Verkehrswege – ist laut den Studienautoren charakteristisch für besondere Versammlungsplätze jener Zeit: Der Ort dürfte den westsächsischen Armeen als Treffpunkt gedient haben. Nicht nur weil Wikinger in der Nähe ihre Angriffe führten, sondern auch weil hier reichlich Süsswasser vorhanden war und ein Anwesen, mit dessen Vorräten sich die Truppen versorgen liessen. Der gigantische Herkules bot dazu die passende Kulisse.

Im 11. Jahrhundert wurde der Herkules zum Heiligen: Die Mönche des Klosters am Fuss des Hügels, sahen in ihm ein Abbild des Heiligen Eadwold. Sie huldigten ihm an seinem Festtag mit Lesungen, in denen von dem Riesenbild die Rede war. Der Riese wandelte sich im Laufe der Jahrhunderte immer wieder: «Die Identität des Riesen war schon immer offen für Neuinterpretationen», sagt Studienautor Tom Morcom von der Universität Oslo. Laut dem Postdoktoranden hätten die Mönche, die einst im Kloster zu seinen Füssen beteten, ihren Schutzheiligen nicht nackt dargestellt, wenn sie ihn von Grund auf neu geschaffen hätten. «Aber sie waren zufrieden damit, ihn für ihre eigenen Zwecke als Eadwolds Abbild zu vereinnahmen», so der Wissenschaftler. Schon lange sei der Riese gehegt und gepflegt worden, resümiert Morcom. Damit setzten sich Umdeutungen bis in die Gegenwart fort. (mai/mgt)

Die Studie lesen:  www.journals.uchicago.edu

Artikel auf dem Newsportal der BBC zur Studie: www.bbc.com

Mehr zum Thema Scharrbilder und Geolyphe auf Wikipedia https://de.wikipedia.org/wiki/Geoglyphe

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