06:00 BAUPRAXIS

Der Parfümeur, der kein Fan von Raumdüften ist

Geschrieben von: Dora Horvath (dh)
Teaserbild-Quelle: zvg

Eigens erzeugte Wohlgerüche in Innenräumen erfreuen sich zunehmender Beliebtheit. Der Wahlzürcher Till Fiegenbaum kreiert sie auf Wunsch. Wie man bei einem Duftverlauf Spannung erzeugt, hat er als Theaterregisseur gelernt.

Theaterregissseur und Parfümeur Till Fiegenbaum

Quelle: zvg

Till Fiegenbaum während der Olfaktion. Das Erkennen und Auswendiglernen von Substanzen muss ein Parfümeur zeitlebens üben.

«Ich kann mich nahezu von jedem Ort aus meiner Kindheit daran erinnern, wie er gerochen hat», erzählt der Parfümeur Till Fiegenbaum bei einer Tasse Cappuccino im lichtdurchfluteten Café Belmondo in Zürich-Wipkingen. Eigentlich wäre im Anschluss an das Interview ein Atelierbesuch in seiner nahegelegenen Wohnung geplant, doch seine zweijährigen Zwillingssöhne sind krank. Keine gute Idee also. So bleibt man bei ein, zwei weiteren Cappuccini sitzen und unterhält sich über natürliche und synthetische Substanzen, Akkorde und Kompositionen, die Verwandtschaft von Theater, Musik, Architektur, Parfüms sowie darüber, was das Gute vom Schlechten unterscheidet.

Abgehoben? Im Gegenteil! Der 53-Jährige ist weit davon entfernt, viel Aufhebens um seine eigene Person und Arbeit zu machen. Vielmehr erweist er sich als in sich ruhender, feinsinniger, unaufgeregter, vielseitig gebildeter Mensch, der anschaulich und sachlich über seine Arbeit spricht.

Ein gutes Parfüm muss die Neugier wecken

Als freischaffender Nischenparfümeur steht er vielen heutigen Erzeugnissen der kommerziellen Parfümerie eher kritisch gegenüber: «Die meisten aktuellen Duftkreationen sind wie ein Pangasius-Filet, das zwar gefällig ist, nirgends aneckt, zu allem passt, aber nicht durch einen eigenständigen Charakter hervorsticht.» Kein Wunder, denn die stark vom Marketing dominierte Branche schwemmt jährlich die unglaubliche Zahl von 10'000 Neuheiten auf den Markt. Tatsächlich bleibt da für die Parfümeure wenig Freiraum, ihre Kreativität zu entfalten. «Das Marketing vernebelt leider auch die Urteilsfähigkeit der Käufer», konstatiert Fiegenbaum.

Weihrauch steigt aus einem Weihrauchfass auf.

Quelle: Unsplash/Trnava University

Weihrauch zählt zu den dichten, schweren, balsamischen Duftnoten, mit denen Till Fiegenbaum bevorzugt arbeitet.

Globalisierung, Zeit- und Kostendruck hätten zur Folge, dass der Markt heute von Redundanzen, Kopien und der «Berüschung» einiger weniger wiedererkennbarer Standardakkorde geprägt sei, bedauert er die vorherrschende Eintönigkeit in den Regalen der Warenhäuser und Parfümerieketten. Nur noch eine Handvoll Häuser würden das Erbe ihrer alten Meisterwerke mit festangestellten Hausparfümeuren pflegen.

«Den Wagemut, Unbekanntes, Gewagtes, Spannendes zu schaffen, findet man heute glücklicherweise in der Nische», sagt Fiegenbaum, der seit 2018 unter dem Namen Fiegenbaum Scentconcepts im Auftrag von Geschäfts- und Privatkunden insbesondere Parfüms, aber auch Raumbeduftungen und Duftkonzepte für Kunstinstallationen kreiert.

Düfte als Teil der Dekoration

Den Plan, eine eigene Parfümlinie zu schaffen, wird er wohl erst nach seinem zweijährigen Vaterschaftsurlaub in Angriff nehmen, doch ist er bei jeder Auftragsarbeit namentlich als Parfümeur vermerkt. Your Liquid Gold heisst zum Beispiel eine seiner Unisex-Kreationen, die er für das Schweizer Label Fine Spirits Perfumes geschaffen hat. Der Duft ist eine Reise von der schottischen Atlantikküste quer über die Heiden tief hinab in die Keller der Whisky-Destillerien: aquatisch, frisch, salzig, würzig, holzig, ledrig, rauchig, warm. Mit seiner Ambivalenz zwischen Leichtigkeit und Schwere, Transparenz und Dichte sowie der Ausgewogenheit der Akkorde verkörpert er Fiegenbaums Vorstellung eines guten Duftes. «Bei einem guten Parfüm darf man die Absicht dahinter nicht verspüren, das ist im Theater oder allgemein in der Kunst ja nicht anders», erklärt er. «Ein gutes Parfüm erzeugt Spannung, weckt die Neugier, den Impuls, dranzubleiben und wissen zu wollen, was es ist. Das erreicht es durch Präsenz und nicht durch Lautstärke.» 

Das Atelier des Parfümeurs Till Fiegenbaum

Quelle: zvg

In Till Fiegenbaums Atelier stapeln sich die Rohstoffe. Er arbeitet sowohl mit natürlichen, als auch synthetischen Substanzen.

Obwohl er Luxusprodukte kreiert, versteht sich Fiegenbaum in erster Linie als Designer und nicht als Künstler  ein Indiz für seine Bodenhaftung. «Ich schaffe mit einem Parfüm ein Produkt, das bestimmte Kriterien erfüllen soll, die nicht nur ästhetisch sind, sondern auch funktional», führt er aus. «Ich begreife ein Parfüm eher als ein dekoratives Element, das sehr schön ist, aber nicht den Anspruch erhebt, eine Skulptur zu sein. Obwohl natürlich bestimmte Parfüms, wie zum Beispiel Mitsouko von Guerlain, für mich Kunstwerke sind.»

Fiegenbaum wagt den Vergleich  mit der Architektur. «Die Struktur eines Parfüms kann man sehr gut mit einer architektonischen Struktur vergleichen. Ich habe tragende, zierende und funktionale Elemente», kommentiert er. «Und die funktionalen Elemente können im guten wie auch im schlechten Sinn sehr wirksam sein.» Er sei ein Freund von allem, was seine Funktion erfülle und dem Ganzen diene, fügt er an.  «Ich finde zum Beispiel in der Architektur den Einsatz von Glas und Stahl, modernen Kunststoffmaterialien oder neuen Technologien hochspannend für eine Gesamtästhetik.»

Vom Regisseur zum Parfümeur

Als Parfümeur ist der 53-Jährige zwar ein Spätberufener, doch rückblickend ergibt sich aus seiner bisherigen Laufbahn und seiner familiären Affinität für luxuriöse Düfte eine fast naturgegebene Folgerichtigkeit für dieses Metier.

Fiegenbaum ist in Freiburg im Breisgau aufgewachsen, wo er auch studiert hat. «Interessanterweise habe ich meine Welt schon immer sehr stark über Geschmack und Geruch wahrgenommen und die Parfüms meiner Familie sehr geliebt»,  erzählt er in Erinnerung an seine Kindheit und Jugend. «Bloss, dass ich selbst das gar nicht so wahrgenommen habe und es mir auch nicht in den Sinn gekommen wäre, diese Leidenschaft einmal zu meinem Beruf zu machen.» Eng mit dieser Sinnesfreude ist Guerlain verbunden. In Fiegenbaums Teenagerzeit erweiterte das 1828 gegründete Parfümhaus seinen Radius stark, sodass man pariserische Noblesse endlich auch im provinziellen Freiburg kaufen konnte. «Und so kam Guerlain in unser Haus. Meine Mutter hat Guerlain getragen, meine Tante hat Guerlain getragen, mein Onkel hat Guerlain getragen. Und eines meiner ersten Parfüms war auch von Guerlain: Vetiver», schwärmt Fiegenbaum über seine olfaktorischen Erweckungserlebnisse.

Theaterregisseur und Parfümeur: Till Fiegenbaum

Quelle: zvg

Till Fiegenbaum kreiert eigenwillige Düfte für den Nischenmarkt. Seine Parfüms sind zugleich schwer und transparent.

Den Kunsthistoriker und Germanisten verschlug es nach dem Studium Ende der 1990er-Jahre für fast zwei Jahrzehnte ans Theater. Zunächst arbeitete er als Regieassistent unter der Intendanz von Frank Baumgartner am Deutschen Schauspielhaus in Hamburg. Dort lernte er Christoph Marthaler kennen und wechselte mit ihm im Jahr 2000 nach Zürich, als dieser ans Schauspielhaus berufen wurde. Nach zweijähriger Marthaler-Assistenz arbeitete Fiegenbaum als freier Regisseur an zahlreichen kleineren Bühnen in der Schweiz und in Deutschland.

Das Theater sei für ihn immer noch das spannendste Medium unter den Künsten, wie er sagt. Doch am Ende seiner Dreissiger habe er sich das ständige Nomadisieren nicht mehr vorstellen können und sesshaft werden wollen. «Ich musste die ganze Zeit dem Geld hinterherrennen, und familienfreundlich ist dieser Beruf auch nicht. So ist in mir im Laufe der 2010er-Jahre die Idee gereift, Parfümeur zu werden, obwohl ich den Gedanken überhaupt erst zulassen musste», erzählt Fiegenbaum. Das Fundament dazu war gegeben: «Das dramaturgische Verständnis, also Spannung im Raum entlang einer Zeitachse zu erzeugen, ist nicht nur fürs Theater, sondern auch für die Kreation eines Parfüms essenziell.»

Die Begegnung mit Bibi Bigler

Nun, Parfümeur zu werden, ist nicht so einfach, wie man es sich gemeinhin vorstellen mag. Ausserhalb der Industrie gib es kaum eine offizielle Ausbildung. Wie Till Fiegenbaum ausführt, seien zudem die Aufnahmekriterien an den renommierten Parfümerieschulen, wie beispielsweise jener von Givaudan, äusserst restriktiv. Auch wenn heute nicht mehr ausschliesslich Chemiker, Biochemiker oder Biologen aufgenommen werden. «Dazu kommt, dass sie Kandidaten mit Mitte 20 bevorzugen, die man noch formen kann. Ich war damals aber schon 40.» Trotz dieser Hürden wollte er sich unbedingt bei Givaudan bewerben. Doch dazu sollte es nicht kommen. Denn es kam viel besser.

Die javanische Patschuli

Quelle: Yercaud Elango/CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

Die javanische Patschuli, eine Pflanze aus der Familie der Lippenblüter, ist ein bedeutender Rohstoff für die Gewinnung von Patschuli-Öl.

Ab 2014, mit einem Bein noch im Theater stehend, arbeitete Fiegenbaum in einer 50-Prozent-Anstellung als Verkaufsberater und Store Manager in der Nischenparfümerie Süskind, die etwas versteckt in einer der schmalen Gassen zwischen Limmatquai und Oberdorf in der Zürcher Altstadt zu finden ist. Ein purer Glücksfall, wie sich bald erweisen sollte, denn Fiegenbaum besuchte 2015 im zürcherischen Aathal zur Weiterbildung einen Workshop bei der freischaffenden, bei Givaudan ausgebildeten Parfümeurin Beatrice «Bibi» Bigler.

Die beiden tauschten sich mehr und mehr aus, und schliesslich beschloss Bigler, Fiegenbaum auszubilden. Lehrerin und Schüler hatten sich gefunden. Es wurde ein erstmaliges und einmaliges Experiment für beide. Nach vier Jahren beschlossen sie gemeinsam, dass der Lernende flügge geworden ist und in die Selbständigkeit entlassen werden muss.

Die 600 wichtigsten Substanzen

«Vieles in diesem Beruf ist Handwerk», sagt Till Fiegenbaum. «Voraussetzung ist aber eine sehr durchlässige Assoziationsfähigkeit sowie ein strukturiertes und stark kreativ vernetztes Denken.» Dennoch ist man als Laie ganz baff zu erfahren, dass für die Ausbildung eine ganz normale Riechfähigkeit reicht. «95 Prozent der Fähigkeiten eines Parfümeurs beruhen auf reinem Training. Ich vergleiche dies gerne mit dem Erlernen einer asiatischen Sprache mit ihren komplizierten Schriftzeichen, wie zum Beispiel Chinesisch», kommentiert er. «Dazu muss man ein sehr abstraktes Zeichen vom Laut und vom Begriff kennen und muss dessen Bedeutung innerhalb der Spracheinbindung lernen. Das Lernen von olfaktorischen Zeichen, ihrer Bedeutung und Einbindung in die Komposition ist ein sehr ähnlicher Vorgang.»

Zu Beginn seiner Ausbildung musste Fiegenbaum die 400 bis 600 wichtigsten Substanzen auswendig lernen, in der sogenannten Olfaktion, die man zeitlebens weiterüben muss. Ein sehr erfahrener Parfümeur kann gut 2000 Substanzen unterscheiden. «Man riecht an mehreren, in verdünnte Riechstoffe getauchte Papierstreifen, und versucht blind zu sagen, welche Substanzen es sind. Zum Memorieren hilft es, sich Eselsbrücken zu bauen, indem man die Substanzen mit einem spezifischen Erlebnis oder Ort verbindet. Die ersten Hundert sind einfach zu lernen. Danach beginnt das Hirn, bereits Gelerntes zu verdrehen und zu verwechseln.»

Till Feigenbaum im Porträt

Quelle: Heinz Dolderer

Till Fiegenbaum kam im Jahr 2000 als Assistent des Intendanten Christoph Marthaler am Zürcher Schauspielhaus in die Schweiz.

In diesem Zusammenhang kommt die Rede automatisch auf die in den einschlägigen Social-Media-Kanälen als das Nonplusultra gehypten natürlichen Substanzen. Fiegenbaum räumt hier mit vielen Vorurteilen auf: «Natürliche Substanzen, und das ist auch die Schuld des Marketings, gelten vielerorts als der ‚Heilige Gral’ der Parfüm-Kompositionen. Alles andere, insbesondere synthetische Substanzen, seien schlecht oder billig. Aber synthetische Moleküle ermöglichen uns überhaupt erst das, was wir seit 120 Jahren ‚Moderne Parfümerie‘ nennen. Natürliche Duftmaterialien sind sehr dynamische Bausteine mit einem komplexen Eigenleben. Man muss sie deshalb sehr gut in der Formel einbinden. Ich arbeite mit beiden Paletten, aber die synthetischen Stoffe sind für mich in der Komposition wichtiger.»

Die Jean-Carles-Methode

Aufbauend auf den Substanzen folgt in der Ausbildung das Erlernen der Akkorde, die – vergleichbar mit der Musik – aus zwei oder mehreren miteinander abgestimmten Substanzen zusammengesetzt sind. Je nach Flüchtigkeit kommen diese dann im zeitlichen Ablauf einer Komposition zum Tragen. Der kompositorische Aufbau über Akkorde besteht aus viel Handwerk, wie man von Fiegenbaum erfährt. Die meisten Parfümeure arbeiten mit der sehr bewährten Kompositionsmethode des Parfümeurs Jean Carles (1892-1966), welcher die Parfümerieschule bei Roure Bertrand et fils gegründet hat, die später ein Teil von Givaudan wurde. Er gilt unter anderem auch als der Erfinder der Duftpyramide.

Mit der Technik von Jean Carles erstellt der Parfümeur aus wenigen Substanzen zuerst eine Grundstruktur, der er Schritt für Schritt weitere einzelne Substanzen hinzufügt, bis die Komposition von den eröffnenden Noten (Kopfnoten) bis zur Basis die richtige Balance hat. Jeder Schritt wird dabei penibel dokumentiert. Fiegenbaum sagt: «Damit eine Komposition in sich stimmig ist und ein gutes Parfüm entsteht, braucht es das Herz eines Künstlers und den Verstand eines Buchhalters. Dazu braucht es viel Praxis. Erfahrene Parfümeure, wie zum Beispiel Jean-Claude Ellena, können bereits mit sehr wenigen Substanzen sehr stimmige Parfüms kreieren.

Weihrauch in einem

Quelle: Pedro J. Pacheco/CC BY-SA 4.0 (via Wikimedia Commons)

Weihrauch zählt zu den bevorzugten Noten von Till Fiegenbaum. Der Parfümeur möchte sie trotzdem lieber nicht als Duft in einem Raum wahrnehmen.

Fiegenbaum arbeitet sehr gerne mit dichten, schweren, balsamischen Noten, die aber gleichzeitig sehr transparent wirken können, wie Weihrauch, Patschuli oder Ambermaterialien. «Es gibt nichts Spannenderes als ein Parfüm, das einen im Unklaren darüber lässt, ob es eigentlich schwer ist oder leicht, und in welchem das Bekannte mit dem Unbekannten auftritt», befindet er. «Ein Parfüm, bei dem ich das Gefühl habe, ja, da erkenne ich etwas und eigentlich sagt es mir etwas, aber ich weiss nicht genau was. Dieses Unwägbare und Ambivalente finde ich das spannendste Moment. Das ist wie in der Kunst: Nur Schönheit alleine ist langweilig, Brüche sind wirklich schön.»

Eine Herzensangelegenheit

Till Fiegenbaum bietet auch Raumdüfte an. Er kreiert sie relativ ausgewogen und viel weniger komplex als ein Parfüm. Damit der Duft im Raum einem nicht über die Dauer auf die Nerven geht, wie er sagt. Er gesteht der Schreibenden jedoch, dass er kein Fan von Raumdüften ist, da unsere Welt ohnehin schon zu stark beduftet sei.

Gerne hingegen arbeitet Fiegenbaum zusammen mit einer Künstlerin an einem Projekt an der Schnittstelle zur «Olfactive Art». Es ist sein Herzensprojekt. Dabei sollen sich in einem geschlossenen Raum sehr filigrane mechanische Objekte bewegen, die in unterschiedlichen Sequenzen Duft abgeben, was eine sich verändernde Duftatmosphäre im Raum erzeugen soll. Das Projekt ist noch in Entwicklung und wird voraussichtlich 2027 zum Abschluss kommen.

 

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