13:07 BAUPRAXIS

Verlassene Kobaltmine in fast unberührtem Zustand in England entdeckt

Geschrieben von: Pascale Boschung (pb)
Teaserbild-Quelle: National Trust Images/Paul Harris

Höhlenforscher stiessen in der englischen Gemeinde Alderley Edge auf eine Kobaltmine, die in der Zeit stehen geblieben ist. Der um 1810 aufgegebene Stollen befindet sich in fast unberührtem Zustand und ist ein faszinierendes Fenster in die Vergangenheit der Bergleute. 

Ein Video führt durch das 3D-Modell der Mine. (Quelle: Christians Survey & Inspection)

Entdeckt wurde die historische Mine von Mitgliedern des Derbyshire Caving Club, die im Besitz einer Sondergenehmigung der Denkmalschutz-Organisation National Trust für die Erkundung der Minen in Alderley Edge sind. Der Club hat so bereits zahlreiche stillgelegte Minen in der Region erforscht. Viele davon sind im Laufe der Jahre aber mit Schutt aufgefüllt oder von starken Regenfällen mit Sand überschwemmt worden, so dass diese gar nicht mehr zugänglich waren. 

Seltener Fund

Vor diesem Hintergrund ist die Entdeckung der Kobaltmine eine Besonderheit. Es sei sehr selten, ein Bergwerk in einem solch unberührten Zustand zu finden, erzählt der Höhlenforscher Ed Coghlan vom Derbyshire Caving Club in einer Mitteilung des National Trust. Die Mine sei ein faszinierendes Fenster in die Vergangenheit – und in den letzten Tag, an dem die Minenarbeiter ihre Arbeit unter Tage einstellten. 

Auf die historische Kobaltmine waren die Höhlenforscher bereits im vergangenen Herbst gestossen. Seither war das Team mit der Erforschung des riesigen Stollennetzes beschäftigt und hat dabei verschiedene Funde gemacht, die nun bekanntgegeben wurden. 

Holzstütze in Kobaltmine bei Alderley Edge

Quelle: National Trust Images / Paul Harris

Jamie Lund, Archäologe beim National Trust und Ed Coghlan vom Derbyshire Caving Club, vor einer Holzstütze.

Tonschale in Kobaltmine bei Alderley Edge

Quelle: National Trust Images/Paul Harris

Auch eine Tonschale wurde freigelegt, die in einer Wand eingebaut war. Vermutlich wurde diese von den Bergleuten im Rahmen einer abergläubischen Praxis in der Minenwand integriert – als Dank für eine gute Mineralader.

Grosse Seilwinde in Mine zurückgelassen 

Zu den Fundstücken in der Mine zählen gemäss Mitteilung unter anderem Lederschuhe, Tonpfeifen, ein Metallknopf einer Jacke sowie mit Kerzenruss geschriebene Inschriften und zurückgelassene Bergwerksmaschinen. Auch eine Tonschale wurde freigelegt, die in einer Wand eingebaut war. Laut den Forschern wurde diese vermutlich von den Bergleuten im Rahmen einer abergläubischen Praxis in der Minenwand integriert – als Dank für eine gute Mineralader. 

Das Team stiess ausserdem auf klar definierte Fingerabdrücke im Ton,  der als Kerzenhalter gedient hat, sowie auf einen Kordsamt-Abdruck an einer Wand von der Kleidung eines Arbeiters, der sich dort wohl einst angelehnt hatte. Zu den grösseren und etwas eigenartigen Funden zählt eine grosse Seilwinde. Laut dem National Trust ist dies das erste Mal, dass ein solches Gerät in Alderley Edge gefunden wurde. 

Seilwinde in Kobaltmine bei Alderley Edge

Quelle: Ed Coghlan, Derbyshire Caving Club

Zu den grösseren und etwas eigenartigen Funden zählt eine zurückgelassene Seilwinde, die zum Bewegen von grossen Gewichten und Rohstoffen verwendet wurde.

Eigenartig ist die Entdeckung deshalb, weil ein so wichtiges Bergwerksgerät im Normalfall für ein anderes Bergwerk abtransportiert worden wäre. Dass die Winde zurückgelassen wurde, deute darauf hin, dass die Arbeiter nach der Erschöpfung des Kobalts ohne grosse Vorwarnung aufgefordert wurden, ihre Werkzeuge einzusammeln und weiterzuziehen, erklärt Ed Coghlan in der Mitteilung. «Das ist aber nicht verwunderlich, da damals Tageslöhne gezahlt wurden.» 

Gegenstände an Ort und Stelle gelassen 

Der Kobaltabbau hatte in Alderley Edge eine sehr kurze Geschichte. Sie begann während der Napoleonischen Kriege, als die Kobaltquellen auf dem europäischen Festland zur Herstellung von blauem Glas und Töpferglasur allmählich versiegten. Daraufhin verlegte sich die Kobaltgewinnung nach Alderley Edge. Nach der endgültigen Niederlage Napoleons 1815 brach der englische Kobaltmarkt jedoch ein, und die Minen von Alderley Edge wurden 1817 geschlossen.

Lederschuh in Kobaltmine bei Alderley Edge

Quelle: Ed Coghlan, Derbyshire Caving Club

Ein zurückgelassener Lederschuh, der in der Kobaltmine gefunden wurde.

Wie Jamie Lund, Archäologe beim National Trust, ausführt, hilft die Entdeckung dabei, ein weniger bekanntes Kapitel in der Geschichte des Bergbaus in Alderley Edge zu verstehen. Die Organisation will der Öffentlichkeit nach eigenen Angaben die Möglichkeit bieten, das industrielle Erbe der Region, respektive die Minen selbst zu erforschen.

3D-Modell der Mine

Dafür bietet der Caving Club vor Ort etwa Führungen in gut zugängliche Minen an. Für Bereiche, die im Stollennetzwerk aber schwer zugänglich sind, geht die Organisation neue Wege: Sie hat mittels 3D-Scan-Technologie ein Video erstellt, das Interessierte durch ein originalgetreues, digitales Modell der Mine führt. 

Die gefundenen Gegenstände wurden fotografiert und katalogisiert und an Ort und Stelle belassen. Dies, damit die Funde unter den Bedingungen unter Tage erhalten bleiben. Damit sei das Bergwerk wie eine «Zeitkapsel», für einen Ort, in dem einst reges Treiben herrschte und der nun für künftige Generationen bewahrt bleibe. 

Digitales Modell der Kobaltmine bei bei Alderley Edge

Quelle: Screenshot Vimeo

Blick in das 3D-Modell der Kobaltmine: Laut dem Höhlenforscher Ed Coghlan ist es sehr selten, ein Bergwerk in solch unberührtem Zustand zu finden.

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Redaktorin Baublatt

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