06:00 BAUBRANCHE

Auf dem Areal Wolf entsteht ein eigener Mikrokosmos

Teaserbild-Quelle: SBB CFF FFS

Nachhaltigkeit und Lebensqualität. Diese Stichworte stehen für das Grossprojekt zur Entwicklung eines neuen Stadtquartiers auf dem Areal des Güterbahnhofs Wolf in Basel. Hier wird alles anders. Eines aber bleibt: der Name «Wolf».

Areal Wolf, Urban Hub (Visualisierung)

Quelle: SBB CFF FFS

So könnte der Urban Hub im Basler Areal Wolf dereinst aussehen. Der so bezeichnete U-förmige Mittelteil ist als lebendiger Ort für Detailhandel, Gastronomie, Sport, Kultur, Medizin und andere Dienstleistungen gedacht.

Die Geschichte des neuen Areals Wolf begann 2013. Damals untersuchten die SBB mehrere ihrer Grundstücke auf ihr Umnutzungspotenzial. Das Areal Wolf war dafür prädestiniert: Durch die kommende Verlegung des internationalen Güterumschlags ins Gateway Basel Nord wird dort eine grosse Parzelle frei, welche die SBB künftig nicht mehr bahnbetrieblich nutzen werden.

Die SBB-Verantwortlichen entschieden, diese freie Fläche für eine Quartierentwicklung mit Vorzeigecharakter zu nutzen. Die Umsetzung federführend voran treibt Samuel Pillichody, der Gesamtprojektleiter Bauherrenvertretung der Schweizerischen Bundesbahnen.

Zusammen geht es besser

Schon Jahre vor dem geplanten Baustart der neuen Wohnsiedlung betrieben die SBB gemeinsam mit dem Kanton Basel-Stadt auf dem Areal das Smart City Lab Basel. «Wir konnten den freien Platz Start-ups, Universitäts-Projekten und anderen Interessenten als ‹Werkstatt› zur Verfügung stellen, um neue Entwicklungen eins zu eins vor Ort im urbanen Umfeld zu testen», erklärt Pillichody. Ausserdem sollte die Entwicklung des Areals Wolf wissenschaftlich begleitet werden. Dafür haben die Universität Basel und das Zürcher Dienstleistungs- und Entwicklungsunternehmen Novatlantis gemeinsam das Modell der «Geschützten Bedürfnisse» entwickelt. Dieses zeigt auf, welche menschlichen Grundbedürfnisse – zum Beispiel Wohnen, Gesundheit oder soziale Teilhabe – zu einem erfüllten Leben in einem Stadtquartier gehören.

Grafik, Bedürfnisse der Bewohner des Areals Wolf

Quelle: SBB CFF FFS

Schaubild des Modells «Geschützte Bedürfnisse», welches die Uni Basel gemeinsam mit Novatlantis entwickelt hat. All das sollen die künftigen Bewohnerinnen und Bewohner im Areal Wolf verwirklichen können.

Das Bauprojekt Wolf wurde von Anfang an partizipativ entwickelt. Alle Interessengruppen und Fachdisziplinen kämen einmal pro Monat in der ‹Werkstatt› zusammen an den grossen Tisch, berichtet Pillichody. «So gibt es keine Fehlplanung, weil eine zuständige Person fehlt. Und durch das gemeinsame Arbeiten kommt man zum besten Ergebnis», kommentiert er. «Das ist intelligente Stadtentwicklung. Ich freue mich, dass sich das Planen und Arbeiten im Team als der richtige Weg erwiesen hat.»

Die erste Entwicklungsetappe startet 2027 im Westen des Areals, das zwischen einer der am meisten befahrenen Strassen der Stadt Basel und einem riesigen Güterbahnhof liegt. Die Siedlung selbst wird die Bewohnerinnen und Bewohner vor den Lärmemissionen schützen: Sie hat die Form eines langgezogenen U. Das Leben im Freien soll sich hauptsächlich im grosszügigen, autofreien Innenhof abspielen. Zu diesem hin sind auch die Balkone und insbesondere die Schlafräume ausgerichtet.

Mehr als nur ein neues Stadtquartier

700 Wohnungen für etwa 1200 Bewohnerinnen und Bewohner soll das Areal Wolf dereinst bieten. Ein Drittel davon realisieren Genossenschaften im preisgünstigen Segment. Parallel dazu ist im U-förmigen Mittelteil der «Urban Hub»  vorgesehen – ein lebendiger Ort für Detaillisten, Gastronomie, Sport, Kultur, Medizin und andere Dienstleistungen. Er soll als Bindeglied zwischen Wohnen und Gewerbe dienen. «Das Areal Wolf wird so zu einer Art Mikrokosmos», sagt Pillichody.

Rendering Areal Wolf und seiner Umgebung

Quelle: SBB CFF FFS

Am Gleisfeld nahe der Einfahrt zum Basler Bahnhof SBB gelegen: das Areal Wolf, im Bild weiss markiert.

Im Zuge der Arealentwicklung gab es bereits mehrere Wettbewerbe – je nach geplanter Funktionalität der verschiedenen Gebäude. Da sie am Ende aber ein Ganzes ergeben werden, ist die Baubewilligung jeweils abgestimmt auf die gesamte Überbauung einzuholen. «Schlussendlich profitieren alle von der Heizung und anderer gemeinsamer Infrastruktur», sagt Pillichody dazu. Für die Gestaltung des Aussenbereichs wurde erstmals ein Varianzverfahren gewählt. Dieses setzt die Landschaftsarchitektur als einen Teil des Generalplanes mit Entscheidungsbefugnis auf Stufe Gesamtprojektleitung fest. Das schafft Voraussetzungen dafür, dass qualitative Interessen sowie der Umweltschutz in hohem Mass gesichert und nicht durch die schiere Masse an notwendiger Infrastruktur und Technik negativ beeinflusst oder gar verunmöglicht werden.

Strom gewinnen und speichern 

Wo immer möglich, setzt man im Areal Wolf auf die neusten Standards in Sachen Nachhaltigkeit, versucht etwa, Kreisläufe zu nutzen und sie zu schliessen. So wird nicht nur mittels der Energie aus Erdsonden gewärmt, sondern auch mit jener, die sich aus dem in den Haushalten gebrauchten Wasser entziehen lässt. Das Speichern, beziehungsweise die Rückgewinnung der derart gewonnenen Energie ist wie vielerorts ein noch ungelöstes Problem. Wärmeüberschüsse werden im Areal Wolf je nach Jahreszeit zurück ins Erdreich geleitet, während Strom in möglichst hohem Mass direkt vor Ort genutzt oder gegebenenfalls in einer Batterie gespeichert wird.

Schema Areal Wolf (Grafik)

Quelle: SBB CFF FFS

Smart ist Trumpf im künftigen Areal Wolf: Schematische Darstellung diverser Charakteristika, durch die sich das neue Basler Stadtquartier auszeichnen soll.

In Zukunft soll das Areal Wolf zur Schwammstadt werden (siehe Box): Das bedeutet, einen grossen Teil der versiegelten Flächen zu entsiegeln.

Quartier-Zusammenhalt planen  

Ein zentrales Thema ist für Samuel Pillichody der im Modell «Geschützte Bedürfnisse» eruierte Punkt «Miteinander». Ob im Laden, Treppenhaus, Restaurant oder beim Sport – überall werden aktiv Begegnungspunkte für die Quartierbewohner geschaffen. Das zeigt sich etwa in der Anordnung von Vordächern, Haus-Eingängen mit Sitzbänken, Treppenhäusern mit schallabsorbierenden Elementen bis hin zu Toilettenanlagen für die Gemeinschaft. So können Nachbarinnen miteinander ins Gespräch kommen. «Wir haben das im ‹Smart City Lab› gesehen: Räume zu schaffen, in denen sich Leute – wenn auch nur kurz – treffen und austauschen, ist enorm wichtig, damit ein Quartier kein anonymes Nebeneinander bleibt», führt Pillichody aus.

Historische Aufnahme des Basler Güterbahnhofs Wolf, auf dessen Areal nun ein neuer Stadtteil entsteht.

Quelle: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_FC04-4000-417

Viel Platz für den Warenumschlag: das Areal des Güterbahnhofs Wolf in einer Aufnahme aus dem Jahr 1988. Das langgestreckte bräunliche Gebäude gehörte damals der Umschlags AG.

Dass das alles nicht ganz billig zu haben ist, weiss der Gesamtprojektleiter Bauherrenvertretung der SBB. «Nachhaltigkeit kostet anfangs mehr, doch wir messen mit den falschen Instrumenten», erklärt Pillichody. «Liegt der Fokus auf dem finanziellen Gewinn, ist ein Objekt noch lange nicht lebenswert oder umweltfreundlich. Wir müssen vom rein kurzfristigen Gewinndenken wegkommen und ein Gleichgewicht finden.» Dafür sei es nötig, dass die am Projekt Beteiligten bereit sind, eine Extrameile zu gehen. Wird der Zusatzaufwand nicht freiwillig geleistet, brauche es Vorgaben. «Die jüngere Vergangenheit zeigt: Immer, wenn ein neues Gesetz für mehr Nachhaltigkeit in Kraft tritt, geht es vorwärts.»

Die Schwammstadt-Idee

Dass durch den Klimawandel vermehrt mit Wetterextremen wie Starkregen oder Dürre gerechnet werden muss, zeigen die Modelle der Klimawissenschaftlich auf. Da in urbanen Gebieten der Grossteil der Flächen versiegelt ist, wird das meiste Niederschlagswasser via Kanalisation abgeleitet und geht verloren. 

Doch die Kanalisation hat Grenzen: Längere Starkregen-Perioden können zu Überlastung und überfluteten Strassen führen. In der warmen Jahreszeit wiederum entstehen durch die Versiegelung urbane Hitzeinseln. Hier könnte verdunstendes Wasser Kühlung bringen, wenn es nicht in der Kanalisation verschwindet.

Dieser Teufelskreis lässt sich durchbrechen, indem man Wasser verdunsten und somit zur Kühlung der Stadt beitragen lässt. Das ermöglichen versickerungsfähige (Verkehrs-)Flächen, urbane Grünzonen und Feuchtgebiete sowie eine grüne Infrastruktur mit Bäumen, Fassaden- und Dachbegrünung. Ein Teil des kostbaren Nasses versickert und wird zu Grundwasser. Oder es füllt ober- und unterirdische Zisternen für die nächste Trockenperiode. (sma)


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