09:09 BAUBRANCHE

SIG-Geschichte: Vom Drehgelenkwagen zum Milchkarton

Teaser-Quelle: zvg

1853 nahm die Schweizerische Industrie-Gesellschaft (SIG) in Neuhausen am Rheinfall den Betrieb auf. Als Waggonfabrik gegründet, wagte sich das Unternehmen in die Waffenherstellung, die Fertigung von Verpackungsanlagen und in den Automobilbau vor. Von der Geschichte zeugen heute noch die Bauten in Neuhausen am Rheinfall.

Wer ein Unternehmen gründen will, braucht hierfür unter anderem den richtigen Standort. Das gilt heute wie vor 164 Jahren, als die Schweizerische Industrie-Gesellschaft in Neuhausen am Rheinfall ihren Betrieb aufnahm. Die drei Firmengründer, mit Namen Friedrich Peyer im Hof, Heinrich Moser und Johann Conrad Neher wollten 1853 in erster Linie eine Waggonfabrik etablieren, um sich am beginnenden Boom der Eisenbahn zu beteiligen. Als Standort für die «Schweizerische Waggon-Fabrik», wie sie zu Beginn hiess, wählte man Neuhausen, um die Kraft des nahem Rheinfalles zu nutzen. «Die Industriepioniere zogen die Nutzung des ‹grossen Wasserreichtums› den teureren Dampfmaschinen vor», so der Historiker Hans-Peter Bärtschi im Buch «Kilometer Null – Vom Auf- und Abbau der industriellen Schweiz».

Eine gelb-rote Eisenbahn-Legende aus dem Hause SIG: Der Trans Europa Express TEE, hier vor dem Schloss Chillon am Genfersee.

Quelle: zvg

Eine gelb-rote Eisenbahn-Legende aus dem Hause SIG: Der Trans Europa Express TEE, hier vor dem Schloss Chillon am Genfersee.

70 Meter lange Welle

Diese Nutzung des Wassers erfolgte anfangs direkt über eine rund 70 Meter lange schmiedeeiserne Welle, welche die Energie von einer Turbine direkt ins Werk übertrug, mit einer Leistung von etwa 400 PS. Zwei Kegelzahnräder leiteten dann diese Antriebsenergie auf die Haupt-Transmissionswelle der Fabrik weiter, eine rein mechanische Nutzung der Wasserkraft.

Die Waggonfabrik in Neuhausen, neben der Stahlgiesserei Georg Fischer und der Alusuisse einer der drei grossen Arbeitgeber der Region Schaffhausen, startete mit 150 Beschäftigten und war damit von Anfang an ein Grossunternehmen. Ihre Ausrichtung auf Eisenbahnwaggons verdankt die Firma dem Mitbegründer Friedrich Peyer. Der langjährige Nationalrat, Sohn eines verarmten Schaffhauser Tuchhändlers, hatte schon in jungen Jahren für die Eisenbahn geworben und warb eifrig für den Ausbau des Schweizer Eisenbahnnetzes. Peyer sass auch während gut 20 Jahren im Direktorium der Nordostbahn. Für die Wahl des Standorts auch von Bedeutung war Heinrich Moser, der als grosser Förderer der lokalen Industrie gilt. Als Grundstücksbesitzer sorgte er für die Ansiedlung der neuen Fabrik an der Neuhauser Rheinschlaufe und holte auch weitere industrielle Betriebe nach Schaffhausen.

Eine fertiggestellte neue Halle der Waggonfabrik.

Quelle: Stadtarchiv Schaffhausen

Eine fertiggestellte neue Halle der Waggonfabrik. 

Blattfedern und Achslagerbüchsen

Auf Friedrich Peyers betreiben begann man in Neuhausen mit der Herstellung von Drehgelenkwagen, die einen erhöhten Fahrkomfort boten. Die SIG-Gestelle verfügten über Blattfedern und vertikal gleitende Achslagerbüchsen – ein technologischer Fortschritt, der für lange Zeit den Standard im Waggonbau setzen sollte. Das erste SIG-Modell erhielt prompt eine Auszeichnung an der Weltausstellung in Paris 1855. Hergestellt wurden diese Produkte in den langen markanten Sheddach-Hallen, einem der prägenden Elemente der vielen SIG-Bauten. Die ersten SIG-Waggons mussten übrigens mit Pferdefuhrwerken ausgeliefert werden: Das Schweizer Eisenbahnnetz umfasste zur Zeit der Firmengründung gerade mal 23 Kilometer. Einen eigenen Gleisanschluss erhielt die Eisenbahnwagen-Herstellerin SIG erst Jahre später.

In der Folge machte das Unternehmen «alle Phasen des Waggonbaus durch, vom Holzwagenkasten bis hin zur leichten, geschweissten, selbsttragenden Stahl- und Leichtmetallkonstruktion», so die Jubiläumsausgabe der SIG-News zum 150. Geburtstag des Unternehmens. Ab etwa 1930 entwickelte die SIG ein neuartiges gefedertes Drehgestell, mit einer so genannten Torsionsstabfederung, welche den Reisekomfort für Zugspassagiere erheblich verbesserte. Weniger bekannt ist die Tatsache, dass das Unternehmen auch den vielseitigen Bereich des Innenausbaus der Waggons abdeckte. Je komfortabler die Züge wurden, desto anspruchsvoller diese Aufgabe für die SIG, die eigene HLK-Anlagen für die Waggons produzierte. Dazu gab es auch eine eigene Sattlerei und ein Möbeldesign-Büro.

In den 1940er Jahren entstanden prägenden SIG-Bauten: Ein Verwaltungsgebäude...

Quelle: Stadtarchiv Schaffhausen

In den 1940er Jahren entstanden prägenden SIG-Bauten: Ein Verwaltungsgebäude...

Waffenlieferant der Armee

Nur wenige Jahre nach Firmengründung nutzte man das erworbene Knowhow in der Metallverarbeitung für die Herstellung von ersten Gewehren. Hier gelang 1868 der Durchbruch, als man einen vom Bundesrat ausgeschriebenen Auftrag zur Neubewaffnung der Armee ergattern konnte. Das legendäre Vetterli-Repetiergewehr diente während rund 20 Jahren als Ordonanzwaffe und war noch im Ersten Weltkrieg bei Sekundärtruppen im Einsatz. «Als Neuheit kam das noch heute gültige Prinzip ‹Munition in Metallhülse› erstmalig serienmässig zum Einsatz», so die Festschrift der SIG-News.

Die Herstellung von Waffen blieb lange ein zweites Standbein der Schweizerischen Industrie-Gesellschaft, die zum Hauptlieferanten der Armee avancierte, mit dem «Sturmgewehr 57» und später dem «Sturmgewehr 90», das heute die Standardbewaffnung der Schweizer Armee darstellt. Zusammen mit seiner zivilen Variante, bei Sportschützen sehr beliebt und wiederholt bei Olympischen Spielen in Einsatz, wurde es bis heute gegen eine Million Mal verkauft. Sehr erfolgreich war man auch bei den Pistolen, wo die SIG 210 als Rolls Royce unter den Faustfeuerwaffen gilt.

...und ein mit viel Tageslicht ausgestatteter Werkstattflügel.

Quelle: Stadtarchiv Schaffhausen

...und ein mit viel Tageslicht ausgestatteter Werkstattflügel.

SIG-Bohrer im Gotthardtunnel

Über den Bau von Gewehren und Handfeuerwaffen kam die SIG in den Bereich der Material- und Werkzeugmaschinen. Bald begann man am Rheinfall Bergbaumaschinen zu konstruieren, dank dem erworbenen Wissen über präzise und robuste Mechanik. Der Druckluftbohrer kam erstmals 1861 zum Einsatz und bedeutete einen enormen Fortschritt im Tunnelbau. Er war auch ab 1875 beim Bau des Gotthard-Scheiteltunnels im Einsatz. Gegen Ende des Jahrhunderts brachte man den Lafetten-Bohrhammer und die Schnellschlag-Bohrmaschine auf den Markt.

Doch bei solchen Bergbaumaschinen handelte es sich eher um Nischenprodukte. Und da sowohl der Bereich Waggons wie auch der Bereich Waffen starken konjunkturellen Schwankungen unterworfen waren, erarbeitete sich die SIG schon Anfang des letzten Jahrhunderts ein weiteres Standbein: den Markt für Verpackungsmaschinen. «Kerngebiete waren Schokolade und Suppenwürfel, später kamen Gebäck und Butter hinzu», so die SIG-Jubelschrift. In der Folge entwickelt sich der Bereich Verpackungen zum zentralen Pfeiler des Konzerngeschäfts. Heute existiert die SIG sogar nur noch in diesem Marktsegment.

Ein Foto aus den 1970er Jahren, als die Produktion von Eisenbahnwagen noch auf Hochtouren lief.

Quelle: Stadtarchiv Schaffhausen

Ein Foto aus den 1970er Jahren, als die Produktion von Eisenbahnwagen noch auf Hochtouren lief.

Wohnmobil für den Maharadscha

Mit all dem nicht genug: 1919 wagte das Unternehmen sich auch noch an den Bau von kleineren und grösseren Automobilen. Wieder die SIG-News: «Der Einstieg wurde mit der Fertigung eines luxuriösen Wohnmobils für einen indischen Fürsten gewagt. Das Fahrzeug diente als Transportmittel für vier Haremsdamen.» Es verfügte über Liegestätten, einen Salon, eine Küche, Toilette und Dusche (mit warmem Wasser), elektrisches Licht, eine Klimaanlage und eine Dunkelkammer zur Entwicklung von Fotos. Der Maharadscha und sein Harem reisten mit dem Gefährt durch Europa und besuchten die Schauplätze des Ersten Weltkriegs.

Der Bau von eigenen Fahrzeugen, etwa Feuerwehrautos oder LKW, hatte indes im Markt wenig Erfolg, weshalb man in eigenen «Think Tanks» an neuen Produkten tüftelte, die mit dem firmen-eigenen Know-how an Fertigungstechnologie hergestellt werden konnten. Es waren vor allem diverse Elektrofahrzeuge, aber auch Baumaschinen wie der Raupentraktor «Uranus» oder die elektrisch angetriebenen Handwagen, die bei der damaligen PTT in grossen Stückzahlen im Einsatz waren. Die Sparte Lastwagen wurde ab 1928 massiv ausgebaut durch die Zusammenarbeit mit einheimischen LKW-Herstellern wie FBW oder Saurer. Diese lieferten Komponenten nach Neuhausen für die Fertigung von diversen LKW-Typen oder auch Postauto-Bussen.

Die vielseitigen Tätigkeitsfelder verhalfen der SIG zu flexiblen Produkten, die den Schlüssel zum Erfolg des Unternehmens darstellten, wie Historiker Bärtschi schreibt. «Das lange Bestehen der SIG beweist hohe Kunst im Abfedern von Krisen.» So produzierte man in Neuhausen unter anderem Segelflugzeuge und Flugzeugteile, Mobilkranwagen, Bugstrahl-Schrauben für Schiffe, später auch Druckmaschinen, Kläranlagen, Gleisbaumaschinen, Luftseilbahn-Gondeln und Billettautomaten. Sogar Leiterwagen und Veloanhänger wurden zwischenzeitlich hergestellt.

Eine SIG Werkbahn.

Quelle: zvg

Eine SIG Werkbahn.

Ende der Epoche Eisenbahn

Die drei Hauptpfeiler des Umsatzes blieben aber Waggons, Waffen und Verpackungen. Noch 1969 lieferte man in Neuhausen den 25 000sten Eisenbahnwaggon aus, und 1998 gewann die SIG in einem Joint Venture mit Fiat den internationalen Wettbewerb für die SBB-Neigezüge. Doch das war zugleich der letzte Höhepunkt der Sparte Eisenbahn der SIG. «Konzentrationsprozesse in der Rollmaterialindustrie» konstatierten die SIG-Hofhistoriker und vermelden lapidar: «Im Jahre 2000 wurden alle Anteile an die französische Alstom-Gruppe verkauft, 2005 endete die Herstellung der hochkomfortablen SIG-Drehgestelle endgültig. Die Epoche Eisenbahn mit der die Geschichte der SIG begonnen hatte, ging damit unwiderruflich zu Ende.»

Etwa zur selben Zeit wurde der gesamte Waffenbereich mit dem Markennamen «Swiss Arms» an eine deutsche Holding verkauft. Somit blieb vom Unternehmen nur noch der Bereich Verpackungen übrig. In Neuhausen war man aber wild entschlossen, zumindest hier zu einem Global Player aufzusteigen. «In unglaublich kurzer Zeit kaufte oder gründete die SIG neben vier schon bestehenden Firmen 20 Unternehmen», schreibt Hans-Peter Bärtschi.

Das SIG Areal Neuhausen zwischen 1918 und 1937.

Quelle: zvg

Das SIG Areal Neuhausen zwischen 1918 und 1937.

Von 150 auf 233 Arbeitspläte

Heute ist das Unternehmen unter dem Namen SIG Combibloc Group im Besitz kanadischer Investoren, die dafür 2014 immerhin 3,75 Milliarden Franken bezahlten. Der Verpackungsspezialist, der zu den Weltmarkt-Führern gehört, wies im Jahr darauf einen Umsatz von knapp 2 Milliarden Franken aus. Er beschäftigt weltweit nach neuesten Zahlen 5100 Mitarbeitende. Am Hauptsitz der Gesellschaft, der sich nach wie vor in Neuhausen befindet, arbeiten gerade noch 233 Personen. Also rund 80 mehr als zur Zeit der Unternehmensgründung. (Ben Kron)

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