12:07 BAUBRANCHE

Schweizer Tageslicht-Symposium: Raus aus dem Schattendasein

Autoren: Stefan Gyr (stg)
Teaserbild-Quelle: Stefan Gyr

Gebäude mit genügend Sonnenlicht erhöhen das Wohlbefinden der Menschen. Doch in der Architektur wird die natürliche Beleuchtung als Gestaltungsmittel oft vernachlässigt. Eine neue Norm soll die Tageslichtverhältnisse in Innenräumen verbessern. Ein Hindernis ist aber die verdichtete Bauweise.

Er will das Tageslicht aus seinem Schattendasein befreien: Björn Schrader, Leiter der Themenplattform «Licht@hslu» an der Hochschule Luzern. «Das Licht der Sonne ist wichtig für unser Wohlbefinden und unsere Gesundheit, kostenlos und CO2-neutral», sagt er.

Aber Schrader weiss: «Tageslicht hat keine Lobby – man kann damit kein Geld verdienen.» Um das Thema wieder mehr in das Bewusstsein der Fachwelt zu rücken, veranstaltete die Hochschule Luzern das erste Schweizer Tageslicht-Symposium. Über 100 Teilnehmer fanden sich auf dem Technik- und Architektur-Campus in Horw ein.

Laut Schrader verbringen wir heute 90 Prozent unserer Zeit in geschlossenen Räumen – meistens bei Kunstlicht. «In unserer 24-Stunden-Gesellschaft leben wir schon lange nicht mehr im natürlichen Zyklus von Tag und Nacht wie unsere Vorfahren», so Schrader. «Wir haben Licht im Überfluss – auch dann, wenn wir es nicht brauchen, und oft auch nicht das richtige Licht.»

Der Taktgeber im Gehirn

Licht ist nicht nur für das Sehen notwendig. Bei einer Reihe von Körperfunktionen spiele das Tageslicht eine zentrale Rolle, erklärt Anna Wirz-Justice, emeritierte Professorin am Zentrum für Chronobiologie der Universitären Psychiatrischen Kliniken Basel.

Der Wechsel von Tag und Nacht liess auf der Erde in vielen Lebewesen – von Bakterien bis zum Menschen – biologische Uhren entstehen, die ihre physiologischen Rhythmen mit dem Tageslicht takten. Diese inneren Uhren regulieren fast die Hälfte aller Gene im Körper. Fast jede der Billionen von Zellen im Körper erfüllt ihre Aufgaben zu bestimmten Zeiten.

Die Synchronisation findet direkt über das Auge und das Gehirn statt. So weisen beispielsweise die Körpertemperatur und einige Hormone typische 24-Stunden-Verläufe auf, sogenannte circadiane Rhythmen. Geraten die Zahnräder der Zellen aus dem Takt, kann dies zu Schlafstörungen, psychischen Störungen, Diabetes oder Herz-Kreislauf-Erkrankungen führen.

Erst 2002 wurden lichtempfindliche Zellen in der Netzhaut des Auges entdeckt, die nicht dem Sehvermögen dienen, sondern direkt mit dem Taktgeber im Gehirn verbunden sind. Sie sind besonders empfindlich gegenüber kurzwelliger Strahlung, dem blauen Licht, dem eine aktivierende Wirkung zugeschrieben wird.

Die natürlichen Morgen- und Abendlichtsignale, aber auch eine hohe Lichtdosis am Tag und Dunkelheit in der Nacht sind entscheidend für präzise laufende innere Uhren, so Wirz-Justice. Kunstlicht kann nicht mit dem Tageslicht mithalten, was die Intensität und das Spektrum anbelangt.

Wenig Licht am Tag und künstliche Beleuchtung mit hohen Blauanteilen nach dem Sonnenuntergang wie auch das Licht von Tablets, Bildschirmen und Smartphones können die innere Uhr durcheinander bringen.

Anwalt des Tageslichts: Björn Schrader leitet die Plattform «Licht@hslu» an der Hochschule Luzern.

Quelle: zvg

Anwalt des Tageslichts: Björn Schrader leitet die Plattform «Licht@hslu» an der Hochschule Luzern.

Visuelle und nicht-visuelle Wirkungen

Tageslicht wirkt sich auch auf die Stimmung aus. In der Psychiatrie werden zum Beispiel Depressionen mit Lichttherapien behandelt. In Altersheimen wird mit mehr natürlicher Beleuchtung der Schlaf-Wach-Rhythmus der Bewohner ins Gleichgewicht gebracht, womit auch die kognitiven Fähigkeiten von Demenzkranken verbessert werden können.

Und in Spitälern führt besseres Tageslicht auch bei Herzkrankheiten zu rascherer Erholung und geringerer Mortalität. Das sogenannte «Human Centric Lighting» erfahre seit einigen Jahren einen regelrechten Boom, so Wirz-Justice. Es berücksichtigt neben den visuellen auch die nicht-visuellen Wirkungen von Licht, also die emotionale und die biologische Wirkung auf Prozesse in unserem Körper.

Depressionen und Schlafstörungen sind gemäss Wirz-Justice heute viel weiter verbreitet als vor 50 oder 60 Jahren. Möglicherweise störe die gebaute Umgebung die natürlichen Illuminationsmuster des solaren Tag-Nacht-Zyklus. Die klassischen Meister der Architektur hätten immer auf das Licht der Sonne gebaut. Doch in den heutigen Gebäuden würden die Räume nicht genügend mit Tageslicht ausgeleuchtet.

Die Architektur müsse sich ändern: «Es braucht sonnige Zimmer für eine sonnige Stimmung, das Sonnenaufgangssignal in den Schlafzimmern und Morgenlicht in Schulen und an Arbeitsplätzen. Und auch die Spitäler brauchen mehr Licht, auch Licht-Dunkel-Zyklen, zum Beispiel in der Neonatologie und der Intensivmedizin.»

Dem natürlichen Licht wieder zu mehr Beachtung verhelfen will die «Daylight Academy», ein Spin-off der Velux-Stiftung mit Sitz in Zürich. Auf dieser internationalen Plattform tauschten sich Wissenschaftler, Architekten und andere Fachleute seit fünf Jahren auf verschiedensten Gebieten der Tageslichtforschung aus, sagt Wirz-Justice, die dem Lenkungsausschuss angehört.

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