15:58 BAUBRANCHE

Ölpreise sind trotz Eskalation im Nahen Osten stabil

Teaserbild-Quelle: Daniel Olah, Unsplash

Bislang hat der Ölmarkt erstaunlich gelassen auf die Eskalation im Nahen Osten reagiert. Seit Ende Mai kostet Rohöl der Nordseesorte Brent stabil weniger als 100 US-Dollar je Fass (159 Liter). Gegenseitige Angriffe der USA und des Iran aber auch Meldungen über eine Sperrung der für den Ölhandel wichtigen Strasse von Hormus sorgten am Ölmarkt nicht für grössere Preissprünge.

Zum Start des Krieges Ende Februar hatte die faktische Sperrung der Strasse von Hormus den Preis für Rohöl der Sorte Brent noch sprunghaft von etwa 75 Dollar bis auf etwa 120 Dollar je Fass im März nach oben getrieben. Im Vergleich zur Anfangsphase des Iran-Kriegs zeigen sich auf dem globalen Ölmarkt nun aber wichtige Veränderungen. Rohstoffexperten erkennen eine Reihe von Faktoren, die den Anstieg der Ölpreise bremsen.

Seit die Strasse von Hormus für Öltanker faktisch gesperrt ist, setzen wichtige Ölstaaten am Persischen Golf wie Saudi-Arabien zunehmend auf alternative Transportwege. Dabei wird mehr Öl aus den Fördergebieten über Pipelines geliefert. Auf diese Weise fliesst mehr Öl zu Häfen am Roten Meer oder im Golf von Oman. "Saudi-Arabien bedient sich dabei der East-West-Pipeline zum Exporthafen Yanbu am Roten Meer", berichtet Rohstoffexperte Carsten Fritsch von der Commerzbank. Diese Pipeline sei vor der Schliessung der Strasse von Hormus nur zu einem Drittel genutzt worden. Auch die Vereinigten Arabischen Emirate verfügen über eine Pipeline zum Hafen Fujairah am Golf von Oman. Fritsch geht davon aus, dass derzeit etwa vier Millionen Fass pro Tag auf diesem Weg umgeleitet werden können. Zum Vergleich: Vor dem Iran-Krieg wurden täglich etwa 20 Millionen Fass Rohöl durch die Strasse von Hormus transportiert.

Mittlerweile nehmen Experten zudem an, dass trotz der Sperrung der Meerenge mehr Tanker die Strasse von Hormus passieren als die Auswertung von Tracking-Daten vermuten lassen. Analyst Ferdinand Bost vom deutschen Bankhaus Metzler verweist auf Schätzungen, dass bis zu 2,9 Millionen Fass pro Tag den Weg durch die Meerenge finden könnten.

China kauft weniger Öl, USA erhöhen Angebot

Während die Ölpreise auf dem Weltmarkt im März stark zugelegt haben, hat China als einer der wichtigsten Ölimporteure begonnen, verstärkt auf die nationalen Ölreserven zurückzugreifen: Die zweitgrösste Volkswirtschaft der Welt hat über Jahre hinweg systematisch Reserven aufgebaut. Laut Experten der Dekabank dürfte China die inländische Nachfrage derzeit aus dem eigenen Lagerbestand decken. Daher kann das Land vorerst noch auf teure Käufe auf dem Weltmarkt verzichten.

Mit den ausfallenden Lieferungen aus den Fördergebieten am Persischen Golf kam es zu Engpässen auf dem Ölmarkt, vor allem in Asien. Die Folge: Andere Ölproduzenten haben ihre Ölexporte in den vergangenen Monaten deutlich gesteigert. Vor allem die USA haben bei den Liefermengen zugelegt. Zuletzt haben die Vereinigten Staaten täglich etwa fünf Millionen Fass pro Tag an Rohöl exportiert. Im Jahresvergleich ist das eine Steigerung von fast 50 Prozent. Dabei gewinnt das vergleichsweise teure Öl aus den USA, das zu einem grossen Teil mit Fracking-Methode gewonnen wird, an Attraktivität auf dem Weltmarkt. "Das aktuelle Preisniveau macht die USA als globalen Öl-Exporteur wirtschaftlich wettbewerbsfähig", heisst es in einem Kommentar der Dekabank.

Konsumenten setzen stärker auf Elektroautos

Der jüngste Höhenflug der Ölpreise hat bei vielen Verbrauchern zu einem Umdenken geführt. Experten erwarten, dass die Folgen des Iran-Kriegs den Boom bei Elektroautos befeuern werden. Die Internationale Energieagentur (IEA) geht davon aus, dass der weltweit steigende Absatz von Elektroautos durch die anhaltende Blockade der Strasse von Hormus einen zusätzlichen Schub erhalten hat. "Mit Blick auf die Zukunft dürften die gesunkenen Batteriepreise und die möglichen politischen Reaktionen auf die aktuelle globale Energiekrise den Märkten für Elektrofahrzeuge weiteren Schwung verleihen", sagte IEA-Direktor Fatih Birol.

Bereits zu Beginn des Iran-Kriegs hat die Internationalen Energieagentur als Interessenverband von Industriestaaten den Mitgliedsländern die Freigabe einer Rekordmenge an strategischen Ölreserven erlaubt, um die Folgen des Konflikts im Nahen Osten in Grenzen zu halten. Unter anderem haben die USA in grossem Stil auf ihre Ölreserven zurückgegriffen. Rohstoffexperte Fritsch von der Commerzbank geht davon aus, dass die Rohölvorräte der USA seit Ende März um 86 Millionen Fass gesunken sind. Ein Teil dieser Reserven sei dabei in andere Länder exportiert worden.

Während die Freigabe von Ölreserven die Wirtschaft von Industriestaaten vor grösseren Schäden bewahren soll, zeigen die Folgen des Iran-Kriegs bereits negative Folgen für die konjunkturelle Entwicklung. In diesem Jahr wird in vielen Ländern mit deutlich weniger Wirtschaftswachstum gerechnet. Die Folge des gebremsten Aufschwungs: Es wird tendenziell auch weniger Rohöl verbraucht. Eine Perspektive, die den Ölpreis in den kommenden Monaten ebenfalls bremsen dürfte. (awp sda dpa / mai)


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