11:12 BAUBRANCHE

Lonza unterschätzt laut Umweltverbänden Schadstoffe in Deponie Gamsenried

Teaserbild-Quelle: AefU

Der Pharmakonzern Lonza unterschätze das Schadstoffpotenzial in seiner Chemiemülldeponie Gamsenried bei Brig VS. So lautet das Fazit eines Gutachtens von Umweltverbänden. Sie fordern eine Sanierung der Deponie bis in spätestens 15 Jahren.

Deponie Gamsenried bei Brig

Quelle: AefU

Chemiemülldeponie Gamsenried bei Brig VS.

Die Wahrscheinlichkeit sei gross, dass die Lonza AG das Schadstoffpotenzial in seiner Chemiemülldeponie Gamsenried bei Brig VS unterschätze, heisst es in einer gemeinsamen Mitteilung der Ärztinnen und Ärzte für Umweltschutz (AefU), der Oberwalliser Gruppe für Umwelt und Verkehr (OGUV), der Pro Natura Oberwallis und des WWF Oberwallis von Donnerstag. Insbesondere die Menge des gefährlichen Benzidins könne weitaus grösser sein, heisst es weiter.

Dies soll ein Gutachten zu einer von Lonza erstellten Gefährdungsabschätzung zeigen, das die Umweltverbände am Donnerstag veröffentlicht haben. Im Zuge dessen fordern die Organisationen eine endgültige Sanierung der Deponie bis in spätestens 15 Jahren. Benzidin sei hochtoxisch und verursache Blasenkrebs. Die Substanz laufe aus der Lonza-Deponie bei Brig ins Grundwasser, verschmutze dies grossflächig und belaste es weit über den Grenzwerten.

Benzidin in minimalen Spuren problematisch

Laut den Umweltverbänden ist es hauptsächlich das Benzidin, das die Deponie ihrer Ansicht nach zu einem Risiko macht. Gemäss der Gefährdungsabschätzung der Lonza sollen dort «nur» 153 Kilo Benzidin liegen, wie aus der Mitteilung hervorgeht. Bei einem Deponieinhalt von zirka 4,5 Tonnen entspreche dies zwar nur 0.0000034 Prozent des Materials, jedoch sei Benzidin hochtoxisch und bereits in minimalen Spuren relevant, heisst es weiter.

Daneben heben die Verbände die «weitgehend unbekannte Verteilung» des Materials hervor, was die Suche in der riesigen Deponie extrem schwierig mache. Bisher seien zudem auch nicht alle Deponiebereiche auf diese Substanz untersucht worden, schreiben die Organisationen. Demnach könne die effektive Menge an Benzidin auch doppelt oder mehrfach so gross sein, wie von Lonza grob geschätzt werde.

Als Grundlage für die Mengenberechnung habe die Lonza bisher im Durchschnitt nur eine Probe pro 7‘550 bis 9‘450 Tonnen Deponieinhalt auf Benzidin analysiert. Die Verbände halten es deshalb für möglich, dass der Konzern teilweise «an der Verschmutzung vorbeisuchte» und noch weiteres Benzidin vorhanden sei. Lonza könnte laut Mitteilung etwa Verschmutzungsnester übersehen, oder sie erst während der Sanierungsarbeiten entdecken. Beides gelte es zu verhindern.

Lonza soll mit grösseren Benzidinmengen rechnen

Die Organisationen fordern die Lonza dazu auf, ein Szenario mit grösseren Benzidinmengen in ihre gesamte Sanierungsplanung zu integrieren und die Konsequenzen für die Arbeiten sowie das begleitende Monitoring aufzuzeigen. Nur so lasse sich das «toxische Risiko» handhaben. Gleiches gelte auch für die weniger ausgeprägte, ebenfalls Krebs auslösende Substanz «4-Aminobiphenyl».

Früher oder später würden praktisch alle Schadstoffe aus der Deponie austreten. Zurzeit seien diese teilweise in Kalkhydrat- und Gipsschichten gebunden, die auch grosse Mengen Quecksilber enthalten. Die Lonza schreibe in ihrer Gefährdungsabschätzung, dass sich diese Schichten langsam auflösen. Auch in diesem Bereich herrsche grosse Unsicherheit, da unklar sei, wohin das Quecksilber bei der Auflösung gelange, heisst es weiter.

All diese Schadstoffe werden das Grundwasser laut den Verbänden früher oder später verschmutzen und zu einer Gefahr für die Trinkwasserfassungen im Rhonetal werden. Deshalb könne auch keine Rede sein von «einer stabilen Situation des Quecksilbers im Deponiekörper», wie die Lonza in ihrem Bericht schreibe.

Sanierung bis in spätestens 15 Jahren gefordert

Lonza wollte sich kürzlich noch über 50 Jahre Zeitlassen bis zur Vollendung einer Sanierung, halten die Verbände fest. In der Gefährdungsabschätzung sei immerhin nur noch von «mehreren Jahrzehnten» die Rede. Die Altlastenverordnung sei aber 1998 in Kraft getreten. Der Konzern verschleppe seitdem die Aufräumarbeiten bei Gamsenried, obwohl er seit 2008 vom problematischen Benzidin in der Deponie wisse.

Die Lonza soll nun «sauber aufräumen» fordern fordern AefU, OGUV, Pro Natura, und WWF. Das Unternehmen soll die rechtlich vorgeschriebene Sanierung schnellstmöglich durchführen, heisst es weiter. Das bedinge eine straffe und transparente Sanierungsplanung, damit die Arbeiten in 10 bis 15 Jahren abgeschlossen seien. Davon profitiere auch die Verursacherin. 

Pumpraten für Benzidin erhöht

In einer Stellungnahme schreibt Lonza, dass sie in den vergangenen fünf Jahren auf der Deponie umfangreiche Untersuchungen durchgeführt habe, von denen einige noch nicht abgeschlossen seien. Konkret habe das Unternehmen unter anderem die Pumpraten für das mit Benzidin verunreinigte Wasser erhöht. Dieses werde anschliessend in der Kläranlage von Visp gereinigt. 

Weiter hält Lonza fest, dass die Sanierung in Etappen geplant sei. Sie werde frühestens 2023-2024 beginnen und mehrere Jahrzehnte dauern. Das Bundesamt für Umwelt habe diese Dauer zur Kenntnis genommen.

Keine zusätzlichen Untersuchungen 

Die Sanierung sei unvermeidlich mit gewissen Unsicherheiten verbunden. «Wir müssen uns auf neue Entdeckungen vorbereiten, wenn die Arbeiten fortschreiten», schreibt Lonza. Die Firma habe keine zusätzlichen Untersuchungen geplant. Solche würden zum jetzigen Zeitpunkt keinen signifikanten Mehrwert bringen. Stattdessen verpflichtet sich das Unternehmen, bei der Fortsetzung des Sanierungsprogramms «flexibel zu bleiben». 

Das krebserregende Benzidin stammt aus Abfällen, die Lonza zwischen 1918 und 1978 in Gamsen, einem Dorf zwischen Brig und Visp, deponiert hat. Nach Angaben von Lonza entstand das Benzidin vermutlich als Nebenprodukt bei der chemischen Produktion. 2011 wurde die Deponie mit insgesamt rund 1,5 Millionen Kubikmetern chemischen Produktionsrückständen geschlossen. 

Lonza hat für die Sanierung 290 Millionen Franken zurückgestellt. Der Konzern geht davon aus, dass der Betrag den Grossteil der gesamten Sanierungskosten abdecken wird. (mgt/pb/sda) 

Zum Gutachten der Umweltverbände geht es hier

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