15:43 BAUBRANCHE

Lokale Elektrizitätsgemeinschaften (LEG): Sauberer Strom aus dem Quartier

Geschrieben von: Peter Weiss (pew)
Teaserbild-Quelle: Malcolm Mittendrin/Unsplash

Seit Anfang des Jahres können private Betreiberinnen von Photovoltaik-Anlagen mit mehr Nachbarn als bisher zusammenspannen. In den Lokalen Elektrizitätsgemeinschaften finden Produzenten in ihrer ganzen Gemeinde Abnehmerinnen für den überschüssigen Strom. Was hinter dem Modell steckt.

Sonne über Winterthur

Quelle: Malcolm Mittendrin/Unsplash

Die strahlende Sonne über Winterthur kurbelt die lokale Stromproduktion in den Lokalen Elektrizitätsgemeinschaften (LEG) an. Die gemessen an der Bevölkerungszahl sechstgrösste Stadt des Landes ist in puncto LEG die Nummer eins.

Der Weg zur Mitgliedschaft in einer Lokalen Elektrizitätsgemeinschaft (LEG) ist schnell und unkompliziert. Auf der Webseite www.leghub.ch finden Interessierte einen LEG-Check. Fällt er positiv aus, das heisst wenn an ihrer Adresse der Anschluss an eine LEG möglich ist, gelangen sie ein paar Klicks und Angaben später zu einem Beitrittsformular. Wer eine Stromrechnung mit der Kunden- und der Messpunkt-Nummer in Griffweite hat, kann dieses rasch ausfüllen. 

Das gilt zumindest für jene, die als blosse Stromkonsumenten der nächsten LEG im Verteilgebiet von Stadtwerk Winterthur beitreten möchten, wie das beim Schreibenden der Fall ist. Nach gut zehn Minuten erhält er schliesslich ein Bestätigungs-Mail: Die Anfrage zum Beitritt in die lokale Elektrizitätsgemeinschaft, die zu seinem grossen Erstaunen wenige Hausnummern weiter in derselben Siedlung ihren Sitz hat, sei eingegangen. Sobald die Anfrage vom LEG-Vertreter und dem lokalen Stromversorger freigegeben sei, werde der angehängte Vertrag zur digitalen Unterzeichnung zugestellt.

Läuft weiterhin alles so reibungslos, so könnte er – stets bei genügend Sonnenschein – bereits ab dem übernächsten Monat Solarstrom direkt aus dem Quartier beziehen. Und womöglich bei der Stromrechnung ein paar Franken sparen. Denn laut der Webseite von Stadtwerk Winterthur erhalten Konsumeniernde einen Rabatt von 40 Prozent auf den Bestandteil Netznutzung ihrer Stromrechnung. Auf den Gesamtpreis des Standard-Stromprodukts bezogen, beträgt die Reduktion 15 Prozent. Jede bei Sonnenschein konsumierte Kilowattstunde Solarstrom aus den LEG sei somit stets günstiger als eine solche mit Netzstrom.

Starke regionale Unterschiede

Womöglich haben diese Kostenvorteile – die nicht überall mit dem neuen Modell verbunden sind – neben den seit längerem fliessenden Informationen seitens des örtlichen Stadtwerks dazu geführt, dass sich die Eulachstadt zu einer Hochburg der LEG zu entwickeln scheint. Laut Angaben des Bundesamts für Energie (BFE) sind aktuell bereits 155 LEG in Winterthur aktiv. Zum Vergleich: Innerhalb des Verteilnetzes des Elektrizitätswerks der Stadt Zürich (EWZ) wurden gemäss BFE 130 LEG gebildet, von denen 108 aktiv sind. Der Berner Energieversorger BKW meldet 28 aktive und 100 geplante LEG. Im Verteilgebiet der Zentralschweizer CKW haben laut BFE 54 LEG den bis zu drei Monate dauernden Prozess zwischen Gründung und Aktivierung abgeschlossen und den Betrieb aufgenommen (Zahlen per April/Mai). 

Grafische Darstellung einer Lokalen Elektrizitätsgemeinschaft

Quelle: zvg/Swissolar

Eine Lokale Elektrizitätsgemeinschaft bringt, wie hier schematisch dargestellt, Produzentinnen mit kleineren und grösseren Solaranlagen mit ihren Nachbarn zusammen, die ihnen den überschüssigen Strom abnehmen.

«In Zürich und Winterthur sind hohe Aktivitäten festzustellen», kommentiert Sandrine Klötzli, Fachspezialistin Kommunikation vom BFE, auf Anfrage. «Bern scheint nachzuziehen. In der Romandie und in Basel ist die Entwicklung langsamer.» Grundsätzlich könnten LEG bei allen Verteilnetzbetreibern angemeldet werden. Belastbare Zahlen zur Stromproduktionsleistung der bereits aktiven Verbünde könne das BFE so kurze Zeit nach deren Einführung noch nicht nennen. Im Zuge des Monitorings zur Energiestrategie 2050 würden diese aber erhoben. Eine diesbezügliche Zielvorgabe gebe es seitens des Bundes nicht, auch das zukünftige Potenzial sei schwer abzuschätzen. Dennoch setzt das BFE Hoffnungen in das neue Modell. «Es soll zu einer erhöhten Bürgerbeteiligung beim Photovoltaik-Ausbau führen», schreibt Klötzli, «in Österreich wird es als effektiv eingeschätzt, dort gibt es auch höhere Netzentgeltreduktionen und grössere LEG.»

Solarbranche fordert mehr

Bedeutsamer als für die lokalen Verbraucher sind die Vorteile der LEG für die Stromproduzentinnen. Sie profitieren nicht nur vom Rabatt auf die Netznutzung, sondern vor allem von garantierten Abnahmepreisen, die in der Regel höher ausfallen, als wenn sie ihren überschüssigen Strom ins öffentliche Netz einspeisen. Dieser Vorteil dürfte im kommenden Jahr noch grösser werden. «Tendenziell sinkt die Abnahmevergütung für den ins Netz eingespeisten Strom», schreibt David Stickelberger, Senior Politikberater des Branchenverbands Swissolar, auf Anfrage. «Ab dem nächsten Jahr ist dafür der stündliche Strommarktpreis massgeblich. Da gewinnen lokale Absatzmöglichkeiten für Strom stark an Bedeutung.»

Durch die neuen Anreize für potenzielle Solarstromproduzenten erhoffe sich der Verband einen zusätzlichen Nachfrageschub. «Ob dieser schon da ist, können wir im Moment noch nicht beurteilen», fügt Stickelberger an. Das Potenzial sei jedenfalls hoch. 

Um es noch besser auszunützen, fordert er zweierlei: Erstens müsse der Rabatt bei der Netznutzungsgebühr erhöht werden, um das Instrument auch für private Anbieter attraktiv zu machen. Heute liege der Abschlag bei 40 Prozent, respektive bei 20 Prozent, wenn der Strom über einen Transformator gehe. Dieser Rabatt werde durch den administrativen Aufwand jedoch gleich wieder aufgefressen, kritisiert Stickelberger. «Wir verlangen eine Anhebung auf 60 Prozent (gesetzliches Maximum), beziehungsweise 40 Prozent», fordert er. Zweitens brauche es die Möglichkeit, Strom von der Netzebene 7 auf Netzebene 5 zu liefern oder umgekehrt. «Das erlaubt den Stromhandel zwischen Gewerbebetrieben und Privathaushalten, was aufgrund der unterschiedlichen Nutzungsprofile interessante Synergien schaffen würde», führt Stickelberger aus. Derzeit sind LEG lediglich innerhalb derselben Netzebene möglich.«Wenn die Rahmenbedingungen gemäss unserem Vorschlag attraktiver werden, dann wird das Instrument sehr wichtig», fügt er bezüglich der Bedeutung als Anreiz für den Ausbau der Solarstrom-Nutzung an.

Wachsendes Interesse

Bereits ohne diese zusätzlichen Massnahmen ist das Interesse am neuen Modell gross. Swisspower, die strategische Allianz von 20 Schweizer Stadtwerken und regionalen Versorgungsunternehmen, lancierte die Plattform LEG-Hub, der inzwischen über 50 Energieversorger im Land angeschlossen sind. Seit Juli 2025 sind dort diverse Funktionen rund um die LEG nutzbar. 3500 Besuche pro Monat verzeichnete die Webseite seither im Durchschnitt, gibt Anne Wolf bekannt, die als Director Public Affairs und Communication der Geschäftsleitung von Swisspower angehört.

ZEV oder LEG?

Cinzia Battaglia von EKZ

Quelle: zvg/EKZ

Cinzia Battaglia berät als Business-Development-Managerin «Gemeinsamstrom» bei EKZ Gemeinden und grosse Produzentinnen in Sachen Lokale Elektrizitätsgemeinschaften.

Schon seit 1. Januar 2018 sind in der Schweiz Zusammenschlüsse zum Eigenverbrauch (ZEV) möglich. In diesen nutzen mehrere Parteien gemeinsam die Energie einer Solaranlage, zum Beispiel die Mieterschaft eines Mehrfamilienhauses. Als Gründer eines ZEV kommen die Grundeigentümer infrage, der Beitritt erfolgt freiwillig. Gegenüber dem lokalen Energieversorger tritt der ZEV als eine einzige Kundin auf. (Quelle: Webseite Energie Wasser Bern, www.ewb.ch). Die per 1.1.2025 eingeführte virtuelle Variante der ZEV (vZEV) erweitert den Teilnahmekreis. Gemäss der Webseite der Elektrizitätswerke des Kantons Zürich (www.ekz.ch) kann eine vZEV auch über mehrere Hausanschlüsse zum Stromnetz verfügen, dementsprechend können auch mehrere Stromzähler innerhalb des vZEV miteinander verrechnet werden. Wie beim ZEV erstellt die oder der Verantwortliche die Stromrechnungen der Teilnehmenden. Die wichtigste technische Voraussetzung beider Modelle ist, dass die Leistung der Produktionsanlage mindestens zehn Prozent der Anschlussleistung betragen muss.

Zur Frage, ob eine ZEV/vZEV oder eine LEG das bessere Verbrauchsmodell darstellt, schreibt Cinzia Battaglia, die für die LEG zuständige Business-Development-Managerin der EKZ: «Die Auswahl folgt dem Kaskadenprinzip und ist keine Entweder-oder-Entscheidung. Als Grundregel gilt: Als erstes sollte immer der Eigenverbrauch optimiert werden – ob im eigenen Haus oder innerhalb einzelner benachbarter Liegenschaften mit einem (v)ZEV.» Danach noch übrig bleibender Solarstrom könne anschliessend in eine LEG eingespeist werden. Dieses Vorgehen empfiehlt sich nur schon aus finanziellen Gründen. So wird in einer LEG zwar ein reduziertes Netznutzungsentgelt verrechnet. Beim Eigenverbrauch entfällt es aber gänzlich. «Das heisst: Für Produzenten ist Eigenverbrauch in der Regel wirtschaftlicher als die Lieferung von Überschuss-Strom in eine LEG», stellt Battaglia klar. (pew)

Seit mit dem Inkrafttreten des neuen Energiegesetzes per 1. Januar die ersten LEG aktiv wurden, wuchs gemäss Wolf die Zahl auf 5200 Besuche pro Monat. 496 davon führten dazu, dass eine Besucherin oder ein Besucher ein Formular zur Bildung einer LEG ausfüllte.

In den Verteilgebieten der LEG-Hub-Partner sind bereits 508 LEG entstanden. 1186 Konsumenten gehörten ihnen gemeinsam mit 470 Produzentinnen an sowie 465 sogenannten Prosumern (Zahlen per 12. Mai 2026). Unter Letzteren sind Mitglieder zu verstehen, die sowohl Strom in die LEG liefern, als auch ihn daraus beziehen. 

Vorteile für regionale Versorger

Doch warum engagieren sich die Versorgungsunternehmen so sehr für dieses neue Modell der Stromversorgung, mag der eine oder die andere sich verwundert fragen. Fördern die Elektrizitätswerke damit auf den ersten Blick doch, dass ihre Kundschaft einen potenziell wachsenden Teil ihres Stroms nicht mehr direkt von ihnen beziehen, sondern von den Photovoltaikanlagen-Betreibern in der Nachbarschaft? Danach gefragt, stellt Anne Wolf zuerst klar, dass der LEG-Hub primär die administrative Abwicklung für Stadtwerke effizienter gestalte, aber noch keine aktive Förderung sei. Doch die Plattform helfe, die Möglichkeiten des Modells zu nutzen.

Photovoltaik-Anlage auf einem Hausdach

Quelle: Roy Buri/Pixabay

Hohes Potenzial für Photovoltaik-Anlagen auf den Hausdächern: LEG können den Anreiz für mögliche Produzentinnen und Produzenten des Solarstroms erhöhen.

So ermöglichten es lokale Produktion und Verbrauch, die Netzinfrastruktur zu entlasten und Engpässe besser zu managen. Ausserdem böten LEG die Chance, die Abhängigkeit vom volatilen Grosshandelsmarkt zu reduzieren, kostspielige Ausbauten zu reduzieren und die Digitalisierung zu beschleunigen. Letzteres aufgrund des hohen Bedarfs an Energiedaten in Echtzeit sowie Systemen zum Management der Flexibilitäten (Produktion und Verbrauch). Schliesslich nähmen die Energieversorger weiterhin Netznutzungsgebühren ein. Zudem erschlössen Serviceleistungen zur Unterstützung der LEG neue Einnahmequellen, wie zum Beispiel Gebühren für die Abrechnung oder die Bildung einer LEG.

Puzzlestück der Energiewende

Überhaupt handle es sich bei den LEG im Gegensatz zu den schon länger bestehenden Zusammenschlüssen zum Eigenverbrauch (ZEV) nicht um ein Modell für den solchen, sondern um eines für den lokalen Stromhandel. Das heisst: Die Konsumenten beziehen den Strom immer vom Verteilnetz, die Verrechnung erfolge durch die LEG. Dabei werde ermittelt, welcher Anteil aus der Produktion innerhalb der LEG und welcher Anteil durch den Energielieferanten bereitgestellt worden sei. Dies ist dann der Fall, wenn die Stromproduktion in der LEG nicht genügt, um den Bedarf zu decken. «Für die Verbraucherinnen ist der Übergang nahtlos und unsichtbar», erklärt Anne Wolf.

Rickenbach im Kanton Zürich, an der Grenze zum Thurgau

Quelle: Caroline Fink/EKZ

Über dem zürcherischen Rickenbach scheint die Sonne. Davon profitiert seit 1. Mai nicht nur die Wegmüller AG, sondern auch die Nachbarschaft in der Gemeinde, die überschüssigen Strom von der Photovoltaik-Anlage auf dem Dach des Verpackungsunternehmens (Bildmitte) bezieht.

Die Elektrizitätswerke des Kantons Zürich (EKZ) gehören der Allianz Swisspower nicht an, unterstützen mit ihrem eigens geschaffenen Produkt «Gemeinsamstrom» neben den Produzenten und Konsumentinnen aber auch Gemeinden aktiv, die LEG-Projekte vorantreiben wollen. «Der Mehrwert der LEG liegt in erster Linie darin, dass sie die Nutzung von lokal produzierter, erneuerbarer Energie fördern – und damit ein wichtiges Puzzlestück in der Energiewende sind», schreibt Cinzia Battaglia, Business-Development-Managerin «Gemeinsamstrom» bei EKZ. «Als kantonaler Energieversorger verstehen wir es als unseren Auftrag, den Kanton und die Gemeinden auf ihrem Weg in die dekarbonisierte Energiezukunft zu begleiten.» Die EKZ-Verantwortlichen seien überzeugt, «dass LEG ein zukunftsfähiges Modell sind».

Idealerweise mit Grossproduzent

Laut der zuständigen Business-Development-Managerin Cinzia Battaglia werden im Netzgebiet der Elektrizitätswerke des Kantons Zürich (EKZ) aktuell etwa 30 gemeindeweite LEG umgesetzt, monatlich kommen drei bis sechs hinzu. Während sich die meisten noch in der Aktivierungsphase befinden, sind bereits sechs «Gemeinsamstrom»- LEG aktiv: in Mettmenstetten, Dachsen, Neftenbach, Seuzach, Stammheim und Rickenbach. In der letztgenannten Gemeinde an der Kantonsgrenze zum Thurgau produzieren eine Grossanlage auf dem Dach des Verpackungsunternehmens Wegmüller AG sowie mehrere kleine Photovoltaik-Anlagen den Strom für die LEG. Dieser gehören aktuell insgesamt rund 40 Parteien an. 

Diese Art der Zusammensetzung, sprich mit der Teilnahme einer Grossproduzentin, gilt als Idealfall. «Um den optimalen Nutzen aus einer LEG zu ziehen, müssen Produktion und Verbrauch von lokalem Solarstrom möglichst gut zusammenpassen, also zum Beispiel in Gemeinden mit grösseren Photovoltaik-Anlagen auf Gewerbe- und Landwirtschaftsbauten, kombiniert mit umliegenden Wohnquartieren», führt Battaglia aus. «Solche Anlagen können als Ankeranlagen dienen und genügend überschüssigen Solarstrom in die LEG liefern, damit ein relevanter Teil des lokalen Strombedarfs damit gedeckt werden kann.»

Doch auch Gemeinden mit vielen kleinen Anlagen könnten eine LEG bilden, betont Battaglia. «Entscheidend ist weder die Grösse noch die Anzahl der einzelnen Anlagen, sondern die Summe des verfügbaren Überschussstroms – und dass Produktion und Verbrauch zeitlich möglichst gut zusammenpassen.» (pew)

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