08:00 BAUBRANCHE

Ingenieure: Unverzichtbar, aber unsichtbar?

Geschrieben von: Corinne Pitsch-Obrecht (cpo)
Teaserbild-Quelle: Engineers' Day

Brücken, Tunnel, Wohnhäuser und Verkehrsnetze prägen unseren Alltag. Doch wer dahintersteht, wissen viele nicht. Der Engineers’ Day will das ändern – und einen Beruf ins Rampenlicht rücken, der zwar dringend gebraucht wird, dessen Bedeutung jedoch häufig unterschätzt wird.

Engineers' Day

Quelle: Engineers' Day

Bauingenieurin oder Bauingenieur von morgen? Zu hoffen wäre es, denn die Branche ist dringend auf Nachwuchs angewiesen. Mit Experimenten wie diesem Statik-Versuch macht der Engineers’ Day den Ingenieurberuf für Kinder und Jugendliche erlebbar.

Vier Minuten, ein persönlicher Einblick und ein seltenes Bild: Ingenieurinnen und Ingenieure erzählen von ihrer Arbeit – nicht in Plänen und Berechnungen, sondern am Mikrofon, während exakt vier Minuten. Organisiert wurde die 4-Minuten-Challenge von der Basys AG im Rahmen des jährlich stattfindenden Engineers’ Day. Dieser macht jeweils am 4. März mit schweizweiten Aktionen auf den Ingenieurberuf aufmerksam. Denn trotz ihrer zentralen Bedeutung kämpft die Branche mit einem hartnäckigen Problem: fehlendem Nachwuchs. Gemäss aktuellen Zahlen sind Tausende Stellen unbesetzt. Erschwerend kommt hinzu: In den nächsten Jahren gehen viele langjährige Fachkräfte der Babyboomer-Generation in Pension.

Mit Veranstaltungen in der ganzen Schweiz will der Engineers’ Day dem Inge­nieurberuf die Aufmerksamkeit geben, die er verdient. Formate wie die 4-Minuten-Challenge geben Einblick in den Berufsalltag und zeigen an konkreten Beispielen, welchen Beitrag Ingenieure tagtäglich leisten. Denn obwohl sie zentrale Infrastrukturen planen und realisieren, bleibt ihre Arbeit oft im Hintergrund – mit Folgen für die Wahrnehmung und den Nachwuchs.

Wenig sichtbar, stark gefragt

Entstanden ist der Engineers’ Day aus der Beobachtung heraus, dass Ingenieurinnen und Ingenieure trotz ihrer zentralen Rolle in der Gesellschaft oft kaum wahrgenommen werden. «Die Ingenieure sind immer unter dem Radar», sagt Co-Gründer Daniel Löhr. Während andere Berufsgruppen selbstbewusst aufträten und entsprechend wahrgenommen würden, bleibe der Ingenieurberuf häufig im Hintergrund – nicht zuletzt, weil viele Fachleute stärker auf Lösungen als auf Selbstdarstellung fokussiert seien.

Diese Zurückhaltung hat System. Inge­nieurinnen und Ingenieure seien analytisch geprägt, arbeiteten problemorientiert und gingen nach einer gefundenen Lösung rasch zum nächsten Thema über, erklärt Löhr. Was im Arbeitsalltag eine Stärke ist, erweist sich in der öffentlichen Wahrnehmung als Nachteil. Es entstehe ein Kreislauf: Mangelnde Sichtbarkeit schwäche das Selbstbewusstsein – und umgekehrt.

Dabei ist der Bedarf an qualifizierten Fachkräften in der Branche ein vieldiskutiertes Thema. Allerdings zeigt sich vor Ort ein differenziertes Bild. «Wir hören das oft, spüren selber aber nichts davon», sagt Clément Gutzwiller, Geschäftsführer und VR-Präsident der Basys AG, die Spezialarmierungen für anspruchsvolle Bauprojekte entwickelt und produziert. Das innovative Unternehmen, das heuer sein 30-jähriges Bestehen feiert, habe bislang stets die passenden Mitarbeitenden gefunden. Die Einschätzungen gehen damit auseinander – ein Hinweis darauf, dass der Fachkräftemangel je nach Region, Spezialisierung und Unternehmen unterschiedlich stark ausgeprägt ist. Tatsächlich zeigen jedoch aktuelle Zahlen, dass Ingenieure vielerorts fehlen: So kamen gemäss einer Studie von «Get In Engineering» im dritten Quartal 2025 auf 100 arbeitssuchende Ingenieure 306 offene Stellen. Je nach Branche und Berufsfeld würden auf einen Ingenieur sogar bis zu sechs offene Stellen kommen.

Berufsbild unbekannt

Während die Nachfrage also weiterhin gross bleibt, sinken die Studierenden- und Absolventenzahlen seit Jahren kontinuierlich, und dies sowohl an der ETH als auch an den Fachhochschulen. In den vergangenen 20 Jahren haben sich die Studierendenzahlen teilweise halbiert. Besonders frappant sei dieser Umstand auch im Bereich der Bauingenieurwissenschaften zu beobachten, wie eine vom Staatssekretariat für Bildung, Forschung und Innovation SBFI in Auftrag gegebene Studie von 2024 zeigt. So hätten gerade Bauingenieure oftmals mit veralteten Vorstellungen zu kämpfen, und viele wüssten gar nicht, was ein Bauingenieur eigentlich macht. Hinzu komme die zunehmende Konkurrenz durch andere, neuere Studiengänge wie beispielsweise Robotik.

Unbestritten ist hingegen, dass die An­forderungen an den Beruf steigen. «Man baut heute an Orten, an denen man früher nicht gebaut hat», sagt Marc Freiburghaus, stellvertretender Geschäftsführer der Basys AG und ETH-Ingenieur. Komplexere Projekte, steigende Anforderungen an Nachhaltigkeit und zunehmend anspruchsvolle architek­tonische Konzepte verlangten nach inno­vativen Lösungen. Gleichzeitig wachse der administrative Aufwand. «Bis man den Passierschein A38 erhält, geht es ewig», sagt Freiburghaus schmunzelnd – mit Verweis auf den legendären Film «Asterix erobert Rom», durch den sich der Begriff als Synonym für langwierige Bewilligungsverfahren und zunehmende Regulierungen etabliert hat.

Auch aktuelle Untersuchungen bestäti­gen diese Entwicklung. So beauftragte der Schweizerische Verband freier Berufe Ende 2025 eine Studie zum Fachkräftemangel. Die Ergebnisse weisen auf zwei zentrale Herausforderungen hin: mangelnde Sichtbarkeit und fehlenden Nachwuchs.

Sinnhaftigkeit ja, Lohn naja

Ausserdem zeigt sich ein enormes Paradox: Einerseits birgt der Beruf viel Verantwortung und eine hohe Arbeitsbelastung mit oftmals vielen Überstunden, andererseits fallen die Einkommen im Vergleich zu anderen aka­demischen Berufen – etwa in der Betriebswirtschaft oder im Finanzbereich häufig weniger dynamisch aus.

Dies sieht auch Daniel Löhr so. Neben strukturellen Fragen spiele die Attraktivität des Berufs eine zentrale Rolle. Dazu gehöre nicht zuletzt die Entlöhnung. «Die Sinnhaftigkeit ist da, das Monetäre muss optimiert werden», fordert er deshalb. Tatsächlich zeigen verfügbare Daten, dass Ingenieurinnen und Ingenieure in der Schweiz zwar solide verdienen, die Löhne jedoch oft hinter jenen anderer akademischer Berufsgruppen zurückbleiben. So liegen die Einstiegsgehälter im Ingenieurwesen teilweise unter jenen von Absolventinnen wirtschaftsnaher Studiengänge, während sich die Differenz im wei­teren Karriereverlauf zum Teil noch ver­grössert.

Gemäss der jährlichen Salärumfrage von Swiss Engineering lag der Medianlohn bei Ingenieuren 2025 bei 122 000 Franken und damit unter jenem von Angestellten der öffentlichen Verwaltung (143 074 Franken) und der Finanzbranche (139 000 Franken). Für Löhr ist klar: Die Branche müsse lernen, betriebswirtschaftlicher zu denken und ihren Wert besser zu vertreten – sowohl gegenüber Auftraggebern als auch im eigenen Selbstverständnis.

Sichtbarkeit als Zukunftsaufgabe

Neben den strukturellen Rahmenbedingungen verändert auch die Digitalisierung den Beruf. Neue Technologien und der Einsatz von Künstlicher Intelligenz können Prozesse beschleunigen und die Effizienz steigern. Gleichzeitig wächst die Verantwortung der Fachleute. «Man muss trotzdem wissen, was man macht», betont Löhr. Auch Freiburghaus warnt davor, sich blind auf digitale Werk­-zeuge zu verlassen: Entscheidend bleibe die Fähigkeit, Ergebnisse kritisch zu hinterfragen. Vor diesem Hintergrund versteht sich der Engineers’ Day als Plattform, um den Beruf sichtbarer zu machen und den Austausch zu fördern. Unterschiedliche Formate – von Fach­veranstaltungen bis hin zu kurzen Bühnenauftritten – sollen aufzeigen, welchen Beitrag Ingenieure leisten. «Tue Gutes und sprich darüber», bringt es Löhr auf den Punkt. Sichtbarkeit sei keine Nebensache, sondern eine Voraussetzung dafür, dass die Bedeutung des Berufs auch ausserhalb der Fachwelt wahrgenommen werde.

Ob ein einzelner Aktionstag ausreicht, um das Image zu verändern, bleibt offen. Klar ist jedoch: Die Branche steht vor der Herausforderung, nicht nur Lösungen zu entwickeln, sondern diese auch zu vermitteln. Denn die gebaute Umwelt ist ohne Ingenieurinnen nicht denkbar – auch wenn ihre Arbeit oft unsichtbar bleibt. Leider, denn: Wer sonst schafft Dinge, die Jahrzehnte überdauern? 

Engineers’ Day

Symboldbild_engineersday

Quelle: Engineers' Day

Jedes Jahr am 4. März findet schweizweit der Engineers’ Day statt. Mit Aktionen im ganzen Land wollen Unternehmen und Hochschulen das Interesse am Ingenieurwesen fördern und dessen Bedeutung für die Gesellschaft deutlich machen. 

Ins Leben gerufen wurde der Engineers’ Day 2018 von den Ingenieuren Daniel Löhr und Christian Vils. (cpo)

Mehr zum Anlass unter www.engineersday.ch

4-Minuten-Challenge

Symbolbild_4-Minuten-Challenge

Quelle: zvg, Marc Freiburghaus

Die 4-Minuten-Challenge bietet Ingenieurinnen und Ingenieuren eine Bühne, um in maximal vier Minuten persönlich, inspirierend und prägnant zu zeigen, was ihren Beruf ausmacht, welche Projekte sie geprägt haben und was sie antreibt. Ins Leben gerufen und organisiert wurde die Challenge 2026 zum zweiten Mal von der Basys AG aus Kirchberg BE. 

Wer mehr zur 4-Minuten-Challenge wissen oder sich sogar für die nächste Challenge als Kandidatin oder Kandidat anmelden möchte, findet Infos unter dem folgenden Link: Challenge.

Geschrieben von

Redaktorin Baublatt

Begeistert von Bauprojekten aller Art. Weitere Interessensbereiche sind Geschichte, Politik, Management und Gesellschaft. Zudem ist sie für die Kolumne und die Chefsache zuständig und steht deshalb in Kontakt mit allen Verbänden und Exponenten.

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