Ex-SBB-Chef Benedikt Weibel kritisiert Bahnausbau
Kritik vom früheren SBB-Chef Benedikt Weibel an der bundesrätlichen Vorlage «Verkehr ’45». Sie hält fest, welche Verkehrsprojekte bis 2045 realisiert werden sollen. Warum er sie infrage stellt und was bei Stuttgart 21 schief lief, erklärt er im Interview mit dem «Tages-Anzeiger».
Weibels Hauptkritikpunkt: «Der Bund will über 30 Milliarden Franken in die Bahn investieren.» Auf diese Zahl komme er, wenn er alle Ausbauprojekte zusammenrechne, die im erläuternden Bericht zur Vorlage aufgeführt seien. Unabhängig davon**,** wo investiert wird, stellt sich dabei gemäss Weibel immer die Frage, was damit erreicht werden soll. Er verweist dazu auf die Bahn 2000 und ihr Herzstück, die Hochgeschwindigkeitsstrecke Olten–Bern: «Damals wollten wir die entscheidenden Knoten im Bahnverkehr, also Bern, Basel und Zürich, in unter einer Stunde verbinden. Als Folge konnten wir nahezu in der ganzen Schweiz den Halbstundentakt einführen, und viele Orte im ganzen Land profitierten von Fahrzeitverkürzungen.»
Laut dem einstigen obersten Bähnler müsste nun die Strecke Luzern–Bern ausgebaut werden. Er erklärt dies anhand einer Fahrt von Bern nach Zug, die nur über Zürich möglich ist. «Der Raum Zug–Luzern–Zürich ist die am stärksten wachsende Region in der Deutschschweiz», so Weibel. Mit einer direkten Verbindung nach Bern und weiter in die Westschweiz liessen sich die Fahrdistanzen und damit auch die Reisezeiten zwischen vielen Städten «deutlich» verkürzen.
Weiter schlägt Weibel einen Zugtunnel durch den Napf vor, damit die Bahn von Luzern direkt in den Westen verkehren könne, anstatt um den rund 1400 Meter hohen Berg herumzufahren. Die Frage, ob es dann den Luzerner Tiefbahnhof nicht erst recht brauche, verneint Weibel nicht grundsätzlich. Baulich müsse dort natürlich etwas passieren. Ohne ein Zielbild dafür, welchen Nutzen dies für den Bahnverkehr bringen solle, ergebe ein solches Bauprojekt für ihn jedoch keinen Sinn.
Stuttgart 21 und mehr Wohnfläche
Als ein negatives Beispiel für ein solches Projekt führt Weibel Stuttgart 21 an: Bei Stuttgart 21 sei es darum gegangen, durch den neuen Tiefbahnhof Wohnfläche über der Erde zu gewinnen und nicht um den Verkehr. So etwas sei nie gut. Weibel präzisiert, dass es jeweils erst ein Angebotskonzept braucht, dass der Ausbau erst danach thematisiert werden könne.
«Zuallererst müssten wir uns sowieso einmal um den Substanzerhalt des Schweizer Netzes kümmern», so Weibel. Er verweist darauf, dass der entsprechende Rückstand beim Schweizer Schienennetz laut SBB inzwischen 9,5 Milliarden Franken beträgt und jährlich weiter steigt. Er warnt vor Verhältnissen wie in Deutschland, wo der Unterhalt des Bahnnetzes während Jahren vernachlässigt worden ist.
Weibel hat dazu eine Rechnung gemacht: Der Rückstand beim Unterhalt beläuft sich laut Weibel in Deutschland auf rund 136 Milliarden Euro. Breche man diese Zahl auf die deutlich tiefere Bevölkerungszahl der Schweiz herunter, komme man zum Ergebnis, dass man mit 9,5 Milliarden bei etwa 70 Prozent des Rückstandes von Deutschland angelangt sei. «Deshalb sollten wir, bevor wir Geld für neue Durchgangsbahnhöfe einsetzen, erst einmal den Rückstand im Substanzerhalt aufholen.» (mai)
Hier geht es zum Interview des Tages-Anzeigers: www.tagesanzeiger.ch