09:06 BAUBRANCHE

Gefahrenkarten: Dank Simulationen wissen wo Lawinengefahr droht

Teaserbild-Quelle: Stefan Margreth / SLF

Lawinenabgänge simulieren und so Gefahrenhinweiskarten auch für bislang nicht erfasstes Gelände erstellen: Ein Team des WSL-Institut für Schnee- und Lawinenforschung (SLF) hilft damit, Gefahren für Projekte ausserhalb von Bauzonen einzuschätzen und die Menschen vor Ort dafür zu sensibilisieren.

Lawine verfehlt Weiler

Quelle: Stefan Margreth / SLF

Im Januar 2018 ging in der Nähe von Goppenstein eine Lawinen neben diesen Häusern nieder.

Bis zu 84 Prozent oder rund vier Fünftel der Fläche des Kantons Graubünden sind lawinengefährdet. Derzeit wird ein grosser Teil vom Wald geschützt. Dennoch bleiben zwei Drittel potenziell gefährdet. Das sind immerhin mehr als 4700 Quadratkilometer, was beinahe der neunfachen Fläche des Bodensees entspricht. Zu diesem Schluss kommt ein Forschungsteam des WSL Instituts für Schnee- und Lawinenforschung in Kooperation mit dem Amt für Wald und Naturgefahren (AWN) des Kantons. 

Dafür hat es im Auftrag des Kantons Graubünden Szenarien mit und ohne Wald für die verschiedenen Wiederkehrperioden von zehn, dreissig, hundert und 300 Jahren modelliert. «Insgesamt haben wir für den Kanton zwei Millionen Lawinen simuliert», sagt Yves Bühler, Leiter der Forschungsgruppe Alpine Fernerkundung am SLF. Auf diese Weise sind flächendeckende Lawinen-Gefahrenhinweiskarten für den gesamten Kanton entstanden. Zwar gab es solche Karten zuvor auch schon, aber nur für den besiedelten Raum, wie Roderick Kühne, Experte für Naturgefahren beim AWN, erklärt.

Die neuen Karten liefern wichtige Hinweis für Projekte ausserhalb von Bauzonen, wie zum Beispiel Berg- und Jagdhütten oder Skigebiete. «Darüber hinaus liefern die Ergebnisse eine Übersicht über die Risiken für Strassen und Bahnstrecken», sagt Bühler. Auch die Schutzwirkung des Waldes lässt sich mit dem Vergleich der Szenarien mit und ohne Wald besser quantifizieren. Die Karten sind nicht nur ein gutes Instrument für Fachleute sondern können auch dazu dienen, der Politik oder Betroffenen vor Ort potenzielle Lawinenrisiken visualisieren.

Wenn die Karte die Lawinengefahr kennt

Automatisch berechnete Gefahrenhinweiskarte für das Gebiet rund um Davos

Quelle: Bundesamt für Landestopographie

Automatisch berechnete Gefahrenhinweiskarte für das Gebiet rund um Davos für extreme und deshalb seltene Lawinenereignisse. Rote Flächen markieren Gebiete, in denen Lawinen mit hoher, zerstörerischer Wirkung niedergehen. In den blauen Abschnitten ist der Druck der Schneemassen deutlich geringer und daher mit weniger Schäden zu rechnen. Grün markiert sind Waldflächen. Für Bauvorhaben rechtsverbindlich bleiben allerdings die Gefahrenkarten des Kantons, welche allerdings nur in Siedlungsgebieten vorhanden sind.

Für ihre Arbeit haben Bühler und sein Team die SLF-Software RAMMS verwendet: Mit ihr lassen sich die automatisch identifizierten Anrissgebiete der Lawinen mit einer numerischen Simulation der Auslaufstrecken kombinieren. Dafür bedurfte es intensiver Diskussionen mit Fachexpertinnen und Fachexperten aus der Praxis: Zehn Jahre dauerte die Entwicklung, um auf den aktuellen Stand zu kommen. Die zeitintensive Arbeit hat sich gelohnt. Ein Vergleich mit existierenden Gefahrenkarten zeigte, dass die Resultate meist überraschend gut übereinstimmen. «Solche Karten können für alle Regionen berechnet werden, für die räumlich hochaufgelöste Geländemodelle und Informationen zur Schneeklimatologie sowie zur Schutzwirkung des Waldes vorliegen», sagt Bühler sicher. «Und zwar auch da, wo es bis heute keine Informationen zur Gefährdung durch Lawinen gibt»

Der neue Ansatz stosse daher auf rege Nachfrage, heisst es auf der Website des SLF. Für den Kanton Wallis hat das SLF-Team bereits ebenfalls Lawinen simuliert. Das Projekt wurde gerade abgeschlossen, ein weiteres für den Kanton Tessin wurde begonnen. «Auch das Bundesamt für Umwelt hat Interesse angemeldet», so Bühler. Darüber hinaus hat seine Arbeit auch über die Grenzen hinaus Interesse geweckt: Er hat Aufträge aus Italien, Alaska und Neuseeland, Georgien und Afghanistan erhalten. Und es geht weiter, berichtet der Forscher: «Wir planen derzeit weitere Anwendungen, zum Beispiel in Usbekistan.» (mgt/mai)

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