Energie: So will die EU-Kommission die Strompreise senken
Die wegen des Iran-Kriegs steigenden Energiepreise machen Verbrauchern und Unternehmen in Europa zu schaffen. Seit Beginn des Konflikts gab Europa nach Berechnung der Europäischen Kommission bereits zusätzliche sechs Milliarden Euro für Importe fossiler Brennstoffe aus.
Bereits vergangene Woche hatte Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen angekündigt, die Energiepreise senken zu wollen. In einem Brief, der der Deutschen Presse-Agantur vorliegt, legt sie mit Blick auf ein Treffen der Staats- und Regierungschefs der Mitgliedsländer Ende der Woche in Brüssel sie nun genauer dar, wie ihre Behörde das Problem anpacken will. Man müsse bei den vier Hauptfaktoren ansetzen, die den Strompreis bestimmten, schreibt sie:
Kosten der Stromerzeugung
Die Stromerzeugungskosten machen laut Kommission mehr als die Hälfte des Preises aus und sollen auf verschiedene Weise gesenkt werden. Zentral sei dabei der Ausbau sauberer Energie und der Stromnetze in Europa. Das soll unter anderem dazu führen, dass Gas seltener den Strompreis bestimmt. Denn: Der EU-Strommarkt funktioniert nach dem sogenannten Merit-Order-Prinzip. Zuerst liefern günstige Quellen wie Wind- und Solarenergie Strom, bei weiterem Bedarf dann teurere Kraftwerke. Der Preis richtet sich am Ende nach dem teuersten Kraftwerk - oft Gaskraftwerke. Um Kosten in solchen Phasen zu dämpfen, will von der Leyen etwa langfristige Stromabnahmeverträge (Power Purchase Agreements, PPA) stärker fördern und Hürden dafür abbauen. Diese Stromabnahmevereinbarungen sollen Unternehmen mehr Preisstabilität bieten. Zudem spricht sich die Kommissionspräsidentin dafür aus, bestehende Kernkraftwerke nicht vorzeitig stillzulegen.
Ferner
ermuntert sie EU-Länder, energieintensive Industrien im Rahmen der
Beihilferegeln bei Strompreisen zu entlasten. Die entsprechenden
Mechanismen sollen vereinfacht werden. Von der Leyen kündigt in dem
Brief auch an, Subventionen oder eine Gaspreisdeckelung in Betracht zu
ziehen und Fall für Fall zu prüfen, wie solche Notfallmassnahmen den
Strommarkt beeinflussten.
Wichtig sei, dass der Binnenmarkt nicht verzerrt werde.
Netzentgelte
Die
Gebühr für die Nutzung der Strom- oder Gasnetze sei wichtig, um
Investitionen zu finanzieren - allerdings sollen auch bestehenden
Stromnetze besser genutzt werden. "Dadurch lassen sich unnötige und
kostspielige Netzausbauten vermeiden", schreibt die Präsidentin.
Auch
Netzbetreiber könnten mehr tun, um die Produktivität der Infrastruktur
zu steigern. Für diese Ziele kündigt sie einen Gesetzesvorschlag ihre
Behörde an - und um gleichzeitig den EU-Staaten zu ermöglichen,
Netzentgelte für energieintensive Industrien zu senken.
Steuern und Abgaben
Von der Leyen macht darauf aufmerksam, dass bei Steuern und Abgaben je nach Energiequelle erhebliche Unterschiede bestünden. "In vielen Fällen wird Strom deutlich stärker besteuert - teilweise bis zu fünfzehnmal stärker ? als Gas", so die Spitzenpolitikerin. Auch durch gesetzgeberische Massnahmen bestehe daher Spielraum, die Strombesteuerung zu senken.
CO2-Kosten
Von
der Leyen stellt klar: Am Handelssystem mit Treibhausgas-Zertifikaten
der EU wolle man festhalten. Bei dem Emissionshandelssystem (Emission
Trading System, ETS) müssen bestimmte Unternehmen Zertifikate für den
Ausstoss klimaschädlicher Gase vorweisen. Die Industrie kritisiert das
System unter anderem wegen dadurch steigender Produktionskosten, die den
Wettbewerb mit Firmen ausserhalb der EU erschweren. Italien etwa
fordert eine Art der Aussetzung des Systems zur Abfederung der hohen
Preise.
Die Kommission wolle in Kürze festlegen, wie viel CO2
eine Industrieanlage ausstossen darf, um kostenlose Zertifikate zu
bekommen - und dabei die geäusserten Bedenken berücksichtigen, so von
der Leyen. Darauf hatte Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD)
gedrungen. Ausserdem wolle die Behörde einen Vorschlag machen, damit die
sogenannte Marktstabilitätsreserve - eine Art Ablage für
CO2-Zertifikate - stärker wirke, schreibt von der Leyen. Auf diese Weise sollen starke Preisschwankungen eher verhindert werden können. - Für den Sommer ist eine Revision des Handelssystems vorgesehen. (sda dpa / mai)