09:10 BAUBRANCHE

Mit Wärme aus der Tiefgarage die darüber liegende Wohnung beheizen

Teaser-Quelle: Alain Herzog

Ein Spin-off der EPFL hat eine Technologie entwickelt, mit der Wärme von Tiefgaragen zurückgewonnen und für die Beheizung von darüber liegenden Wohnungen genutzt werden kann. Möglich wird dies durch geothermische Wandpaneele. Derzeit läuft ein Pilotversuch.

Enerdrape-CEO Margaux Peltier vor den Wandpaneelen

Quelle: Alain Herzog

Die Geschäftsführerin von Enerdrape, Margaux Peltier, vor den Wandpaneelen in der Tiefgarage.

Mehr als ein Drittel der in der Schweiz jährlich verbrauchten Energie wird für die Heizung verwendet, schreibt die ETH Lausanne (EPFL) in einer Mitteilung von Donnerstag. Daneben stamme fast 60 Prozent der in Schweizer Wohngebäuden verbrauchten Heizenergie aus fossilen Brennstoffen. Dies dürfte sich laut der Hochschule in den kommenden Jahren ändern – dank Anreizen von Bund und Kantonen, Fortschritten bei Dämmstoffen und neuer Technologie. Immer mehr Gebäudeeigentümer würden zudem hybride Systeme installieren, die verschiedene Energiearten nutzen. 

Eine geeignete Technologie für solche Systeme sei jene des 2019 gegründeten EPFL-Spin-offs Enerdrape. Dieses hat geothermische Wandpaneele entwickelt, die in unterirdischen Strukturen installiert werden und dort die im Boden vorhandene Wärme zurückgewinnen können. Derzeit läuft in einer Tiefgarage im Lausanner Stadtteil Sébeillon ein Pilotprojekt mit den Paneelen. Diese sollen bis zu einem Drittel der Energie liefern, die für die Beheizung von rund 60 Wohnungen im darüber liegenden Gebäude benötigt wird.   

Wandpaneele nehmen Energie auf

Das System von Enerdrape nutzt die Mauern im Untergrund maximal aus und soll laut EPFL eine natürliche, nachhaltige Ressource an Orten erschliessen, an denen diese sonst ungenutzt bleiben würde. Die Technologie setzt sich aus zehn blau-weissen Paneelen zusammen, die je 1,3 Meter Mal 0,7 Meter gross sind und aus einem Metall bestehen, das nicht dicker als eine Malerleinwand ist. Jedes Paneel fungiert dabei als Wärmetauscher, der sowohl geothermische als auch Umgebungsenergie aufnimmt. 

Eine Wärmepumpe sorgt dann dafür, dass diese Energie im gesamten Gebäude zirkuliert und gewährleistet über das ganze Jahr eine konstante Versorgung. «Die Bodentemperatur schwankt nicht mehr, sobald man ein paar Meter unter die Erde kommt», erklärt Margaux Peltier, Geschäftsführerin von Enerdrape, in der Mitteilung der EPFL. Dies bedeute, dass die von den Paneelen erzeugte Energie nicht von den Wetterbedingungen oder der Jahreszeit abhänge. 

Die Garage in Lausanne gehört der Schweizer Immobilienfondsgesellschaft Realstone, die den Ort für den Pilotversuch von Enerdrape zur Verfügung stellt. Das Unternehmen besitzt im Stadtteil Sébeillon fünf Gebäude mit insgesamt 356 Wohnungen. «Wenn sich die Paneele als so effektiv erweisen, wie wir erwarten, könnten wir sie an den erdberührten Wänden einer Garage mit 275 Plätzen oder in einigen unserer Gebäude installieren», hält Alberto Simonato, Direktor von Realstone, fest. 

Margaux Peltier erklärt die Technologie im Video. (Quelle: EPFL)

Wände müssen direkten Kontakt mit Erdreich haben 

Die Mitbegründer des Spin-offs haben an der EPFL zwei Jahre lang eine Reihe von unterirdischen Tests durchgeführt, um das Marktpotenzial ihrer Technologie zu prüfen. Vor allem Margaux Peltier hat laut Mitteilung im Rahmen ihrer Forschungsarbeit am Soil Mechanics Laboratory verschiedene Wärmeaustauschflüssigkeiten und Rohrgrössen untersucht. Am Ende sei der Ertrag der Platten besser ausgefallen, als erwartet.  

In Städten stünde heute in Tiefgaragen allgemein mehr Platz zur Verfügung, als für die Installation anderer Arten von erneuerbaren Energien, hält die Hochschule fest. Die Paneele von Enerdrape könnten in den nächsten Jahren in neuen oder bestehenden Gebäuden installiert werden. Die Kosten seien vergleichbar mit jenen anderer Systeme. Der einzige Haken: Die Betonwände müssen in direktem Kontakt mit dem Erdreich stehen, damit die Paneele die geothermische Energie aufnehmen können. 

Auch für Bahnhöfe, U-Bahnen und Tunnel geeignet 

Enerdrape hat seit 2019 bereits mehrere Startup-Stipendien und Preise gewonnen. Neben dem Pilotversuch in Lausanne, der noch bis Ende dieses Jahres läuft, stellen Peltier und ihre Mitarbeiter laut der Hochschule derzeit eine Finanzierungsrunde zusammen und hoffen, bis zum nächsten Sommer rund zwei Millionen Franken beschaffen zu können. Mit dem Geld soll dann eine erste Produktionsserie ihrer Panels finanziert werden, um für den Markteintritt gerüstet zu sein. 

Die Technologie des Unternehmens sei ein Beispiel für eine «Energie-Geostruktur», hält die EPFL fest. Diese Systeme nutzen unterirdische Strukturen wie Gebäudefundamente als Energiequellen. Die Lösung von Enerdrape könne zudem nicht nur in Tiefgaragen, sondern auch in Tunneln, Bahnhöfen und U-Bahnen eingesetzt werden. Denn bei Untersuchungen habe sich gezeigt, dass die Paneele auch dann effektiv arbeiten können, wenn sie eine rundere Form haben, wie sie etwa für das Innere eines Tunnels nötig wäre, so Peltier. (mgt/pb) 

Weitere Informationen: enerdrape.com oder actu.epfl.ch

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