14:49 BAUBRANCHE

Der alte Tower am Flughafen Zürich – Zeichen eines Aufbruchs

Geschrieben von: Claudia Porchet (cet)
Teaserbild-Quelle: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_C05-153-004 / Comet Photo AG (Zürich)

Die Flughafenregion Zürich wächst und verdichtet sich kontinuierlich – als Motor wirtschaftlicher Entwicklung und internationaler Vernetzung. Gerade in dieser Dynamik lohnt sich der Blick zurück auf den alten Tower, der für die Anfänge des internationalen Flugverkehrs steht und eine Phase markiert, in der sich Zürich als global anschlussfähiger Standort etablierte. Eine Würdigung.

Flughof und Tower am Flughafen Zürich um 1950

Quelle: Baudirektion Kanton Zürich

Flughof und Tower am Flughafen Zürich um 1950: Zuschauer auf der Terrasse, während Flugzeuge auf dem Vorfeld abgefertigt werden – alles noch unmittelbar miteinander verbunden.

Den alten Tower am Flughafen Zürich nimmt man heute meist nur im Vorübergehen wahr – etwa, wenn man im östlichen Teil des Dock E durch die riesigen Glasfassaden blickt: Dort stehen Flugzeuge an den Gates, Tankwagen fahren vor, Container werden an die Bordküchen gehoben, alles ist unablässig in Bewegung. Im dichten und dynamischen Gefüge des Flughafenbetriebs wirkt der verglaste Kontrollturm im Hintergrund fast ruhig. Der Baukörper wirkt etwas unscheinbar im Vergleich zu den Dimensionen der Gegenwart, auch ein wenig aus der Zeit gefallen. 

Alte Form klar erkennbar 

Leicht und luftig wirkt der verglaste Tower auf dem flachen Gebäude bei genauerem Hinsehen. Die niedrig gelagerten Geschosse des langgezogenen Baukörpers überraschen mit ihren durchlässig scheinenden Fensterreihen. Das Licht gleitet über die Fassaden, bricht sich in den Fenstern, löst die Konturen beinahe auf; darüber die transparente Kanzel. Auch die filigranen Brüstungen sorgen für Transparenz. Der Bau wirkt freundlich im Ausdruck. Diese Heiterkeit zieht an, man bleibt gerne einen Moment länger stehen. 

Natürlich hat sich das Erscheinungsbild des alten, in den 1940er- und 1950er-Jahren entstandenen Ensembles im Lauf der Jahrzehnte verändert. Mit wachsenden Passagierzahlen vergrösserte sich auch der Flughafen. Die technischen Anforderungen stiegen, was neue Installationen notwendig machte, die man fortlaufend ergänzte. Im Zuge dessen wurden auch das flache Gebäude mit dem aufgesetzten Turm angepasst. 

Das Gebäudeensemble ist heute deshalb sichtbar überformt. Früher war die Dachkante ruhig und geschlossen, heute ist das Dach mit Lüftungsgeräten, Schächten und Leitungen versehen. Auch die Kanzel wirkt grösser und stärker verglast. Die Grundformen von damals sind aber immer noch klar erkennbar: das strenge Raster der horizontalen Schichtung beim langgestreckten Hauptgebäude, die klare Ordnung der Fensterbänder und Stützen sowie der Kontrollturm als funktional notwendiger Aufbau. 

Fluglotsen bei der Arbeit in Kloten um 1950.

Quelle: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv/Stiftung Luftbild Schweiz / LBS_SR12-51-0004 / Fotograf: René Gardi

Fluglotsen bei der Arbeit um 1950 im ersten Kontrollturm. Im Gegensatz zum aktuellen Tower war er unscheinbar in den Bauten im Pistenkreuz untergebracht.

Harmonisches Ganzes 

Was auffällt: Der Tower wirkt wie ein selbstverständlicher Teil des Gebäudes, «sitzt» sanft darauf und scheint aus diesem hervorzugehen. Er ist formal nicht abgesetzt, sondern wurde aus dem Volumen und der Ordnung des Hauptgebäudes entwickelt. 

Dieses einheitliche Ganze ist deshalb relevant, weil es von einem Architekturverständnis zeugt, das auf der Entwicklung funktionaler und konstruktiver Zusammenhänge beruht: Die Ordnung folgt der Funktion. Die Form ist klar, der Ausdruck zurückhaltend. Hier ist nichts inszeniert, dekorativ oder expressiv, vielmehr diszipliniert, rational und ausgewogen – zentrale Prinzipien der Moderne. Konstruktion, Nutzung und Gestaltung bilden eine Einheit, das Ensemble wirkt harmonisch. Die grossflächige Verglasung und die offene Struktur zeigen das gesellschaftliche Ideal der Zeit: Transparenz, Zugänglichkeit und Vertrauen in den technischen Fortschritt. Damit ist der Tower am Flughafen Zürich ein prägnantes Beispiel der architektonischen Nachkriegsmoderne in der Schweiz.

Eigenständige Kontrolltürme 

Der Tower entstand in einer frühen Phase der Flughafenentwicklung, in der man Anlagen als zusammenhängende Systeme auffasste und nicht als Ansammlung einzelner, herausstechender Bauten. Spätere Kontrolltürme wurden höher, eigenständiger und ikonischer. 

Ganz anders als in Zürich ist der markante Tower am Flughafen Oslo-Gardermoen. Vorsprünge, Verglasung und Funktion sind an der auskragenden Kanzel des rund 90 Meter hohen, freistehenden Turms deutlich sichtbar. Das ist ein bewusster Bruch zum glatten, monolithisch wirkenden Turmschaft – zugleich ein gewollter Kontrast zur Umgebung mit den strukturierten und horizontal gegliederten Terminalbauten. 

Blick aus dem Tower am Flughafen Zürich um 1950

Quelle: Baudirektion Kanton Zürich

Blick aus der Kanzel des Towers auf die Piste und das Vorfeld um 1950, Sinnbild der frühen Flugsicherung im Flughof-Ensemble.

Kollektives Erlebnis 

Blicken wir zurück in die 1950er-Jahre und betrachten den alten Flughof: Das langgestreckte, niedrige Hauptgebäude bildete die eigentliche Anlage, darin befanden sich die Schalter, Warteräume und die Gastronomie. Auf diesem Baukörper sass der Tower – als Teil davon, nicht getrennt. Direkt vor dem Gebäude lag das Vorfeld, die Abstellfläche für Flugzeuge (nur wenige Meter entfernt), dahinter die Start- und Landebahnen. 

Die Passagiere betraten das Gebäude, gaben das Gepäck auf, gingen ein paar Schritte weiter und standen bereits an der grossen Fensterfront oder auf der Terrasse mit Blick auf das Vorfeld. Draussen rollten die Flugzeuge heran, wurden betankt, beladen und gewendet. Ankunft, Abflug, Aufenthalt und Zuschauen lagen dicht beieinander. Es gab keine grossen Distanzen, keine komplexen Sicherheitszonen wie heute. Alles spielte sich nahe und sichtbar vor den Augen der Besucher ab – in einer Blickachse vom Gebäude über das Vorfeld bis zur Piste, anschaulich und unmittelbar erfahrbar. 

Die grosszügige Zuschauerterrasse, einst belebt von Besuchern, zeugt von einer Zeit, in der das Fliegen Teil des öffentlichen Lebens war – ein Ereignis, das man gemeinsam beobachtete: der Flughafen als Ort des kollektiven Erlebens. Auch heute lebt diese Tradition fort: Der Flughafen Zürich verfügt über zwei Zuschauerterrassen, die jährlich von über 260’000 Besucherinnen und Besuchern genutzt werden. 

Internationaler Verkehrsknotenpunkt 

In den 1940er- und 1950er-Jahren wurde Zürich an die entstehenden internationalen Liniennetze angeschlossen. Fluggesellschaften wie die Swissair boten regelmässige Linienflüge etwa nach Paris, London, Rom oder Frankfurt an – noch dünn getaktet, oft ein Flug pro Tag oder sogar nur mehrmals pro Woche. Zürich war damit Teil eines festen Flugplansystems geworden, das Städte miteinander verknüpfte – zunächst innerhalb Europas, dann schrittweise darüber hinaus. 

Es folgten erste Langstreckenverbindungen, etwa nach New York oder in den Nahen Osten – meist mit Zwischenlandungen. Flugzeuge flogen nicht mehr nur punktuell, sondern in vernetzten Routen: Zürich war eine Station in einem grösseren Gefüge, in dem Maschinen, Besatzungen und Passagiere zirkulierten. Dies bedeutete auch die Einbindung in internationale Standards, etwa durch die International Civil Aviation Organization: einheitliche Regeln für Navigation, Sicherheit, Funkverkehr und Abfertigung. 

Alter Tower am Flughafen Zürich

Quelle: Flughafen Zürich AG

Alter Tower am Flughafen Zürich: kompakter Baukörper mit aufgesetzter Kanzel, Teil des Flughofs aus den 1940er-/50er-Jahren und Beispiel der Nachkriegsmoderne.

Neuausrichtung der Stadt 

Zürich entwickelte sich damals zu einem international anschlussfähigen Standort, der Flughafen spielte dabei eine zentrale Rolle. Dank des Flugverkehrs wurde die Stadt für Unternehmen, Institutionen und Fachkräfte physisch erreichbar. Geschäftsreisen konnten geplant, Partner vor Ort getroffen und regelmässige Kontakte über Ländergrenzen hinweg gepflegt werden. Firmen vernetzten sich international, Märkte wurden erschlossen. 

Dies stärkte Zürich auch als Wissensstandort. Zwischen Universitäten, Forschungseinrichtungen und internationalen Organisationen fand ein intensiverer Austausch statt. Wissenschaftler reisten an, hielten Vorträge, arbeiteten temporär vor Ort – und umgekehrt. Ideen zirkulierten schneller und direkter.

Der Bau des Towers fällt in die Zeit der frühen internationalen Öffnung Zürichs und der infrastrukturellen Modernisierung der Nachkriegszeit: ein klarer Bau, offen zum Vorfeld, mit dem Tower als sichtbarem Zeichen der Verbindung nach aussen. Er steht nicht nur für den Flugbetrieb, sondern auch für die Gewissheit, dass Zürich in grössere Zusammenhänge eingebunden ist. Ein eindrückliches Bild – es hat sich eingeprägt und wirkt bis heute nach.

Das Passagierterminal des Flughafens Zürich-Kloten im Bau.

Quelle: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_M01-0541-0408 / Comet Photo AG (Zürich)

Das Passagierterminal im Bau, die Aufnahme stammt von 1952. Der heutige alte Tower ist noch nicht zu sehen.

Blick auf den Flughafen Kloten. Das Foto wurd zwischen 1952 und 1962 aufgenommen.

Quelle: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_C05-153-006 /

Blick auf den Flughafen Kloten, als das neue Flughafengebäude und den Tower.

Convair CV-240-11 HB-IRS der Swissair, davor eines der Pistenfahrzeuge des Flughafens Kloten.

Quelle: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_C05-153-004 / Comet Photo AG (Zürich)

Der damals noch neue Tower überragt eine Convair CV-240-11 HB-IRS der Swissair, davor eines der Pistenfahrzeuge des Flughafens. (Aufnahme zwischen 1952 und 1962).

Flugpassagiere verlassen eine Douglas C54E-5-DO (DC-4) HB-LU auf dem Flughafen Zürich-Kloten.

Quelle: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv / Com_C05-153-002

Dank der Lotsen im Tower sicher im Flughafen Zürich-Kloten gelandet: Flugpassagiere verlassen das Flugzeug, eine Douglas C54E-5-DO (DC-4) HB-LU. (Aufnahme zwischen 1952 und 1957).

Blick von der Abflughalle auf die Zuschauerterrassse

Quelle: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv/Stiftung Luftbild Schweiz / LBS_SR03-20532 / Swissair

Blick von der Abflughalle auf die Zuschauerterrassse; die Zuschauerhalle befand sich im heute mit Terminal A bezeichneten Teil des Flughafens Zürich-Kloten. (Aufnahme zwischen 1952 und 1962)

Fluglotsen im Kontrollturm am Flughafen Zürich-Kloten, im Juli 1969.

Quelle: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv/Stiftung Luftbild Schweiz / LBS_SR03-09686-04 / Swissair

Alles im Blick: Fluglotsen im Tower am Flughafen Zürich-Kloten, im Juli 1969.

Tower am Flughafen Zürich um 1950

Quelle: Baudirektion Kanton Zürich

Tower am Flughafen Zürich, vermutlich in den 70er-Jahren: Fluglotsen koordinieren den Verkehr, sprechen per Funk mit den Piloten und protokollieren Bewegungen – die Abläufe noch weitgehend manuell gesteuert.

Geschrieben von

Freie Mitarbeiterin für das Baublatt

Claudia Porchet ist Philologin und interessiert sich für Architekturgeschichte, Kunst am Bau und Design. Ebenso begeistern sie neue Forschungsresultate aus allen Bereichen.

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