11:07 BAUBRANCHE

Abriss-Atlas: «Heutige Rahmenbedingungen begünstigen den Neubau»

Geschrieben von: Kevin Weber (kev)
Teaserbild-Quelle: Caterpillar

Der Abriss von Gebäuden verursacht viel Bauschutt und Emissionen. Einem Verein von Architekturschaffenden ist der häufige Abbruch von Häusern ein Dorn im Auge. Mit einem Atlas will er die Bevölkerung nun für die Problematik sensibilisieren.

Abbruch- und Grossbagger 4

Quelle: Caterpillar

In der Schweiz werden pro Jahr bis zu 4000 Gebäude abgerissen. Zu viel, findet der Verein «Countdown 2030».

Gemäss dem Bundesamt für Umwelt (Bafu) entstehen in der Schweiz rund 80 bis 90 Millionen Tonnen Abfall pro Jahr. Die Baubranche ist dabei für 84 Prozent des schweizweiten Abfalls verantwortlich. Den grössten Anteil machen Aushub- und Ausbruchmaterialien sowie Rückbaumaterialien aus. Vieles davon fällt beim Rückbau von Gebäuden an. Der Verein «Countdown2030» hat deshalb kürzlich ein neues Projekt lanciert: Im Abriss-Atlas sollen Gebäude erfasst werden, denen der Abbruch droht. Angesichts der stetig knapper werdenden Ressourcen müsse der Abriss kritisch hinterfragt werden, sagen die beiden am Projekt beteiligten Architekten Leon Faust und Valerio Alexander Dorn im Interview.

Werden in der Schweiz zu viele Gebäude abgerissen?
Valerio Alexander Dorn: In der Schweiz werden pro Jahr etwa 3000 bis 4000 Gebäude abgerissen. Das entspricht gemäss dem Bafu ungefähr 500 Kilogramm Bauschutt pro Sekunde. Der Abbruch und Ersatzneubau verursacht jährlich circa 1,1 Millionen Tonnen an grauen Emissionen. Angesichts der Tatsache, dass das Schweizer Budget für das 1,5-Grad-Celsius-Klimaziel bereits aufgebraucht ist, ist jede Tonne CO2 eine zu viel.

Welche weiteren Konsequenzen ziehen Abrisse mit sich?
Dorn: Unter den Abrissobjekten sind oft Gebäude, deren Lebenszeit durch eine Umnutzung oder einen Umbau hätte verlängert werden können. Zudem ist zu bedenken, dass durch den Abriss eines Gebäudes baukulturelle Substanzen sowie bezahlbarer Wohnraum und soziale Netzwerke zerstört werden.

Leon Faust: Die Menge an Bauabfällen wäre nicht so relevant, wenn diese als Ressourcen für den Neubau zirkular verwendet würde. Heute gelangt jedoch der Grossteil der Bauabfälle auf eine Deponie oder in eine Kehrichtverwertungsanlage und wird dort energetisch ‹rezykliert›, sprich verbrannt. Auch bezüglich Deponien verschärft sich die Situation – bestehende werden zu schnell gefüllt und neue sind nicht ausreichend in Aussicht.

‹Tabula Rasa› und Neubau ist vielleicht auch ein wenig eine Schweizer Mentalität. Im Sinne von ‹jetzt machen wir es richtig und ohne Kompromisse›.

Leon Faust

Leon Faust

Was sind die Gründe dafür, dass in der Schweiz so viele Gebäude abgerissen werden?
Dorn: Die Gründe sind vielfältig. Viele Entscheide sind auf Vermietbarkeit, Renditeinteresse und Risikoabwägungen zurückzuführen. Gerade in urbanen Gebieten ist der Druck auf den Boden extrem hoch. Das heisst, bereits eine geringe Ausnützungsreserve führt dazu, dass Gebäude abgerissen werden. Ein anderer Grund sind die Ansprüche und Anforderungen, welche an heutige Bauten gestellt werden. Viele haben immer noch das Ideal vom Neubau. Der Komfort und die genutzten Quadratmeter pro Person gehen stetig nach oben. Es ist auch eine Prestigefrage, sei es für die Bauherrschaft oder die Architekten, welche ihr Werk verwirklichen wollen.

Faust: Die heutigen Rahmenbedingungen begünstigen den Neubau. Für viele Architekten ist ein Neubau attraktiver, da die Bausumme höher ist und damit auch das Honorar. Auch die Bauwirtschaft ist an möglichst viel Umsatz interessiert. In den Büchern der Investoren sind die alten Gebäude oft abgeschrieben und haben damit weniger Wert, als in Wirklichkeit. Zudem können die Mieten aufgrund des Mieterschutzgesetzes nicht unbegrenzt erhöht werden. Bei Ersatzneubauten gibt es diese Einschränkung nicht und die Mieten können auf einen Schlag verdoppelt werden. 

Simpel gesagt ist der Abriss also oftmals die einfachste Option. Ist die Baubranche zu bequem?
Faust: ‹Tabula Rasa› und Neubau ist vielleicht auch ein wenig eine Schweizer Mentalität. Im Sinne von ‹jetzt machen wir es richtig und ohne Kompromisse›. Ein Ersatzneubau ist für viele die einfachere Lösung, da er besser kalkulier- und vermarktbar ist. Ein Umbau ist komplexer und bringt immer wieder Überraschungen zu Tage. Das schreckt viele ab. Hier müssen wir ansetzen und die Chancen des Umbaus aufzeigen. Nicht nur die der Ressourcenersparnis, sondern auch der räumlichen und architektonischen Qualitäten, welche bei einem Neubau nie auf diese Art entstehen könnten.

Dorn: Wenn man genau rechnet und Erfahrung im Umbau hat, ist dieser in vielen Fällen sogar die rentablere Variante.

Zu den Personen

Valerio Alexander Dorn ist Architekt und hat an der FH Muttenz studiert. Derzeit arbeitet er bei Alma Maki in Basel und wird im Herbst sein Studium an der ETH Zürich fortsetzen. Er ist Ende 2021 zum Verein «Countdown 2030» dazugestossen und leitet gemeinsam mit Oliver Zbinden, Rahel Dürmüller und Leon Faust die Erarbeitung der Ausstellung «Die Schweiz: Ein Abriss».

Leon Faust ist Architekt und hat an der ETH Zürich und in Tokio studiert. Ende 2019 hat er das Kollektiv «Countdown 2030» mitgegründet. Er ist Lehrbeauftragter an der Hochschule Luzern. Gemeinsam mit Basil Witt führt er das Büro Faust Witt Architekten in Basel.

Oftmals werden durch den Abriss von zentralen Gebäuden ganze Dorfkerne transformiert. Ist das einfach der Lauf der Zeit oder sollten solch radikale Veränderungen verhindert werden?
Dorn: Wir sind überhaupt nicht für die Einfrierung des Bestandes. Wir sprechen uns aber gegen Kahlschläge und für das Umbauen sowie für die Weiterentwicklung der Orte aus. Wir müssen genau hinschauen was schon da ist und wie das weitergenutzt werden kann. Also alte Gebäude durch Umbau und Transformation in die heutige Zeit bringen. Gegen den Abriss spricht auch, dass Bestandesgebäude zur Identifikation mit einem Ort beitragen. Und um Orte, mit denen man sich identifiziert, trägt man mehr Sorge.

Ist die Schweizer Baubranche also nicht nachhaltig genug?
Faust: Ja, es muss ein Umdenken stattfinden. Wir sind für einen Drittel der Schweizer Treibhausgase verantwortlich. Zwar ist in den vergangenen 20 Jahren schon viel in Bezug auf die Betriebsenergie passiert, da wir hier klare Normen gesetzt haben. Dabei wurde aussen vorgelassen, wie viel Energie die Erstellung der Gebäude und Materialien benötigt.

Dorn: Mittlerweile kann der Betrieb eines Hauses zu 100 Prozent erneuerbar gewährleistet werden, aber bei der Erstellung sind wir noch weit davon entfernt. Es fehlen die gesetzlichen Zielwerte für die grauen Emissionen.

Faust: Das Einfachste, um Ressourcen zu schonen, wäre den Bestand einfach weiter zu nutzen und zu ertüchtigen. Und damit das möglich ist, muss der Abriss erst einmal verhindert werden.

Ausser der Denkmalpflege gibt es derzeit kein Gesetz, das den Abriss eines Gebäudes verhindern könnte.

Valerio Dorn

Valerio Dorn

Wie soll das passieren?
Faust: Wir müssen Leerstand und Unternutzung vermeiden. Grundsätzlich wären genügend Quadratmeter da, sie müssten jedoch besser genützt werden. Als positives Beispiel nenne ich hier die Personalhochhäuser auf dem Zürcher Triemli-Areal, die statt abgerissen nun für zehn Jahre zwischengenutzt werden sollen, bis man eine Idee hat, was aus dem Gebäude werden kann. Es gibt aber leider auch Beispiele, die in die andere Richtung gehen.

Welche wären das?
Faust: Beispielsweise das Maag-Areal in Zürich. Ursprünglich hatte die Wettbewerbsjury dort einen Entwurf des französischen Architekturbüros Lacaton & Vassal bevorzugt, der den Erhalt der Hallen vorgesehen hatte. Die Eigentümerin entschied sich dann aber für das zweitplatzierte Projekt und einen Ersatzneubau.

Was muss passieren, damit ein Umdenken stattfindet?
Faust: Das ist eine Frage der Rahmenbedingungen. Der Abbruch ist heute einfach zu billig, man muss ihn verteuern. Unserer Meinung nach könnte man beispielsweise bereits durch Ersatzabgaben oder CO2-Steuern einen Hebel ansetzen.

Welche Rolle spielen die Gesetze allgemein bei der ganzen Abriss-Thematik?
Dorn: Ausser der Denkmalpflege gibt es derzeit kein Gesetz, das den Abriss eines Gebäudes verhindern könnte. Eigentlich bräuchte es so etwas wie einen Ressourcenschutz im Rahmen eines Umweltschutzgesetzes.

Faust: Es gäbe genügend Ansätze. Beispielsweise könnten auf Materialien eine CO2-Besteuerung anfallen und die Deponiesteuern erhöht werden. Im Moment ist sogar das Gegenteil der Fall: Der Abriss kann bei einem Ersatzneubau steuerlich in Abzug gebracht werden.

Brandschutz, Lärmschutz, Behindertengleichstellungsgesetz. Gibt es nicht bereits genügend Vorschriften?
Dorn: Das sind alles Treiber des Ressourcenverbrauchs. Es gibt gute Gründe für diese Gesetze, dennoch stellen wir in Frage, welcher Komfort ist wirklich essenziell und auf welchen könnte bewusst mal verzichtet werden.

An welches Gesetz denken Sie dabei?
Faust: Beispielsweise an den Schallschutz. Hier hat man bei Sanierungen jeweils noch gewisse Erleichterungen, während bei einer Umnutzung oft ein Neubaustandard erfüllt werden muss, was die ganze Sache erschwert. Je nach Grösse des Bauvorhabens kann es dann auch teurer und wirtschaftlich unattraktiv werden. Wobei ein Umbau bei genauer Kalkulation wirtschaftlich gesehen absolut konkurrenzfähig zu einem Neubau sein kann.

Abbruch eines Hauses, Baustelle.

Quelle: Michael Gaida, Pixabay

Ein Grund, dass immer mehr Gebäude verschwinden: Abbrüche seien heute schlichtweg zu billig, sagt Leon Faust vom Verein «Countdown 2030».

Wenn sehen Sie in der ganzen Thematik am meisten in der Pflicht? Bauherren, Architekten oder die gesamte Branche?
Dorn: Die gesamte Branche. Das startet beim Auftraggeber, geht über zu den Planern und Architekten bis hin zu den politischen Entscheidungsträger, welche wiederum auf die Stimmbevölkerung angewiesen sind. Es wird immer deutlicher, dass man ein so grosses Problem nur gemeinschaftlich lösen kann.

Faust: Es ist eine gesellschaftliche Frage. Dort wollen wir mit unserem Projekt und unserem Schaffen ansetzen und das Thema in die Breite bringen. Vor einigen Jahren füllte die Diskussion über die Abschaffung der Gratis-Plastiksäcke in der Migros die Zeitungen. Natürlich ist auch das eine Frage des Ressourcenverbrauchs, aber gleichzeitig werden ganze Gebäude weggeschmissen und das dringt bis anhin kaum in die Bevölkerung durch. Damit wir das in die Köpfe der Leute bringen können, hilft eigentlich nur, dass wir mit allen darüber sprechen.

Teil dieses Projektes ist der Abriss-Atlas. Eine digitale Karte, die die grosse Menge an Gebäuden, die schweizweit abgerissen werden, veranschaulichen soll. Wie ist diese Idee entstanden?
Dorn: Wir wollten diese abstrakte Problematik verbildlichen und konkretisieren. Ziel des Atlas ist die grosse Masse an Häusern aufzuzeigen, die in der Schweiz abgerissen werden. In der Galerieansicht und auf der Übersichtskarte ist dies gut zu sehen.

Faust: Es geht aber auch darum, den Häusern eine Stimme zu geben, damit der Besucher beim Durchklicken merkt, was in seinem Heimatort verschwindet. Auf den Steckbriefen sind die Geschichten der Häuser erfahrbar und es können sogar eigene Erinnerungen aufgeschrieben werden. Dadurch schaffen wir einen emotionalen Bezug zum Thema – eine Identifikation mit den Häusern und dem Ort.

Partizipative Online-Karte

Der Abriss-Atlas ist eine partizipativ erstellte Online-Karte, die veranschaulichen soll, welch grosse Menge an Gebäuden in der Schweiz abgerissen werden. Jede und jeder kann im Atlas Informationen zu Gebäuden hochladen, denen der Abbruch droht. Es werden aber nur Gebäude gesucht und erfasst, die seit 2020 abgerissen worden sind. «Uns geht es um die Zukunft und nicht darum, was in den letzten 50 Jahren abgebrochen wurde, denn wir müssen jetzt schauen, wo wir handeln können», sagt Leon Faust vom Verein «Countdown 2030».

Die Einträge aus dem Abriss-Atlas bilden die Grundlage für die Ausstellung «Die Schweiz: Ein Abriss», die vom 3. September bis am 23. Oktober im Schweizerischen Architekturmuseum in Basel stattfinden wird. Weitere Infos unter www.abriss-atlas.ch. (kev)

Das Projekt lebt von der Mithilfe der Bevölkerung. Wieso setzen Sie auf Partizipation?
Faust: Wir glauben, dass es einen ganz anderen Effekt hat, wenn Personen aktiv etwas dazu beitragen, als wenn sie nur eine fertige Karte und Bilder ansehen. So werden sie Teil einer Bewegung und identifizieren sich stärker mit dem Thema.

Abschliessend. Sollte kein Wandel stattfinden, was heisst das für die Zukunft?
Dorn: Der Wandel wird stattfinden. Das Klima ändert sich, ob wir das wollen oder nicht. Die Frage ist, wie schnell wir einen gesellschaftlichen Wandel hinbekommen.

Faust: Genau darum sind wir hier. Um diesen gesellschaftlichen Wandel voranzutreiben. Anstatt zu warten und dann nur noch reagieren zu können, möchten wir lieber jetzt aktiv werden und dem Klimawandel mit Erfindergeist und Passion für die Baukultur begegnen.

Der Countdown tickt

Der Verein «Countdown 2030» besteht aus Architekturschaffenden, die Architekten und allen am Bau Beteiligten «die Auswirkungen ihres beruflichen Handelns auf den Klimawandel bewusst machen» möchten. Der Verein setzt sich für eine «hohe Baukultur, die Zukunft hat» ein. Um auf die zeitliche Dringlichkeit aufmerksam zu machen, hat der Verein seit dem 1. Januar 2020 einen Countdown gestartet, der die nächsten zehn Jahre herunterzählt. Diese Dekade solle genutzt werden, um die negativen Folgen des Klimawandels so weit wie möglich einzudämmen und der Bevölkerung eine nachhaltigere Lebensweise zu ermöglichen, heisst es auf der Website. Weitere Infos unter www.countdown2030.ch.  (kev)

Geschrieben von

Redaktor Baublatt

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