Fehlende Hygiene in den Wellness-Oasen von Pompeij
Die Überreste römischer Thermen erzählen von Ingenieurskunst, von Körperkultur und auch von Hygienestandards. Dass sie nicht überall und nicht immer eingehalten werden konnten, zeigen Kalkablagerungen aus Pompeij.
Quelle: Niccolò Cecconi, Gemeinfrei,
Thermen beflügelten die Fantasie von Künstlern: "Das pompeijanische Bad" von Niccolò Cecconi (1835-1901).
Römische Thermen waren Vieles. Sie waren Orte des Vergnügens, der Erholung und der Entspannung. Und nicht zuletzt auch der Körperkultur, der Schönheit und des sich Pflegens. Dass letzteres nicht immer einfach gewesen sein dürfte, zeigen Kalkablagerungen aus dem vor rund 2100 Jahren vom Vesuv verschütteten Pompeji.
Ein Forschungsteam von der Johannes-Gutenberg-Universität Mainz (JGU) hat anhand dieser Kalkablagerungen das Wasserversorgungssystem der Stadt rekonstruiert, insbesondere der Übergang von Brunnen zu Aquädukten. Und konnte daraus wiederum Schlüsse zur Hygiene der pompejanischen Bäder ziehen.
«Die Thermen wurden ursprünglich über tiefe Brunnen samt Hebevorrichtungen versorgt, und die hygienischen Bedingungen darin waren alles andere als ideal», wird Gül Sürmelihindi vom Institut für Geowissenschaften der JGU, Erstautorin der Studie, in der Medienmitteilung zitiert. «Im Laufe der Zeit wurden die Wasserhebeanlagen jedoch durch technologische Entwicklungen verbessert, bevor sie im ersten Jahrhundert nach Christus durch ein Aquädukt ersetzt wurden, der mehr Wasser lieferte und einen häufigeren Wasserwechsel zum Baden ermöglichte.»
Kalkablagerungen aus dem Aquädukt, den Wassertürmen und Thermen
Quelle: Cees Passchier
Karbonatproben aus den sogenannten Republikanischen Bädern in Pompeji.
Um die antike Wasserversorgung rekonstruieren zu können, untersuchten Sürmelihindi und ihr Kollege Cees Passchier per Isotopenanalysen Karbonatablagerungen, die sich in verschiedenen Bereichen der städtischen Wasserinfrastruktur gebildet hatten: zum Beispiel im Aquädukt, in Wassertürmen, Brunnenschächten und in den Becken der öffentlichen Thermen. «Wir fanden ein völlig anderes Muster stabiler Isotope und Spurenelemente in den Karbonaten des Aquädukts und in denen der Brunnen», führt Sürmelihindi aus.
Anhand dieser unterschiedlichen geochemischen Eigenschaften konnten sie die Herkunft des Badewassers bestimmen und Rückschlüsse auf das Wassermanagementsystem Pompejis ziehen sowie auf Qualitätsveränderungen des bereitgestellten Wassers. Sürmelihindi und ihr Team stellten fest, dass die Brunnen stark mineralisiertes Grundwasser aus vulkanischen Ablagerungen anzapften, das sich nicht als Trinkwasser eignete. Laut den Forschern fügt sich dies gut in bereits bekannte Zusammenhänge ein. Denn in der Zeit, als Kaiser Augustus (63 v. Chr. bis 14 n. CHr.) regierte, wurde in Pompeji das Aquädukt gebaut, wodurch deutlich mehr Wasser transportiert werden konnte.
Bäder entsprachen nicht den üblichen Hygienestandards
Quelle: Cees Passchier
Becken der ältesten öffentlichen Badeanlagen Pompejis aus der Zeit 130 vor Christus.
«In den sogenannten Republikanischen Bädern – den ältesten öffentlichen Badeanlagen der Stadt, die aus vorrömischer Zeit um 130 v. Chr. stammen – konnten wir mittels Isotopenanalyse nachweisen, dass das Badewasser aus Brunnen stammte und nicht regelmässig erneuert wurde», sagt Sürmelihindi. Daher habe der hygienische Zustand nicht den hohen Hygienestandards entsprochen, die man üblicherweise den Römern zuschreibt. «Vielmehr zeigten die Kohlenstoffisotopenverhältnisse organische Verunreinigung im Wasser.» - Sie vermutet, dass das Wasser nur einmal täglich gewechselt worden ist, was nicht verwunderlich wäre. Denn: «Schliesslich sind die Bäder mit einer Wasserhebemaschine versorgt worden, die von Sklaven über eine Art Tretrad angetrieben wurde.»
Daneben stellten die Wissenschaftler auch erhöhte Konzentrationen von Blei, Zink und Kupfer in den anthropogenen respektive den von den Badegästen verursachten Karbonatablagerungen fest. Solches deutet auf eine Schwermetallbelastung des Badewassers hin und darauf, dass Kessel und Wasserleitungen wahrscheinlich ausgetauscht wurden, wodurch die Schwermetallkonzentrationen anstiegen. Des Weiteren kann eine Zunahme der stabilen Sauerstoffisotope darauf hinweisen, dass die Bassins der Republikanischen Bädern nach der Sanierung über wärmeres Wasser verfügten.
Daneben entdeckten Sürmelihindi und ihre Kollegen «eigentümliche, zyklische Muster» im Kohlenstoffisotopenverhältnis von Karbonat aus den Brunnen. Laut Cees Passchier könnte eine mögliche Ursache in der schwankenden Menge an vulkanischem Kohlendioxid im Grundwasser liegen, was wiederum Aufschluss über die Aktivität des Vesuvs lange vor dem Ausbruch im Jahr 79 n. Chr. geben könnte. (mgt/mai)
Die Studienergebnisse sind dieser Tage im Fachmagazin PNAS veröffentlicht worden.