Studie: Was den Smog in Sarajevo verursacht
Dass Sarajevo gehört zu den weltweit am stärksten von Luftverschmutzung belasteten Städten gehört, liegt zu einem grossen Teil an Holz- und Kohleheizungen, aber auch an Kohlekraftwerken. Das zeigen Messungen des Paul Scherrer Instituts (PSI) . Die Ergebnisse sind nun in der Fachzeitschrift Environment International erschienen.
Quelle: Sundeviljeff, Loop Bridge 01, CC BY 2.0
Die "Festina Lente"-Brücke über die Milijacka in der Nähe der Altstadt in Sarajevo. Das ungewöhnlich Design verdankt sie Studenten der Kunstakademie von Sarajevo: Ihre Schlaufe soll zum Verweilen einladen und zum die Aussicht geniessen. An diesem Wintertag ist dies wegen des Smogs nicht möglich.
Sarajevo liegt einem schmalen, lang gezogenen Tal. Hier ist die Luft im Winter noch stärker mit Feinstaub belastet als in Peking. Das zeigt das Sarajevo Aerosol Experiment (SAAERO), an dem Fachleute aus acht Ländern mit von der Partie gewesen sind, neben dem Labor für Atmosphärenchemie am Zentrum für Energie- und Umweltwissenschaften des Paul Scherrer Instituts (PSI) haben sich die Universität von Nova Gorica (Slowenien) und das hydrometeorologische Bundesinstitut in Bosnien und Herzegovina beteiligt.
Um der Luftqualität der Metropole auf die Spur zu kommen, haben die Forscherinnen und Forscher 2023 während dreier Wochen in Sarajevo mit dem PSI-Smog-Mobil auf total 39 Messfahrten Daten gesammelt – in den dichten Wohngebieten an den Hängen der Stadt, an den Hauptverkehrsachsen aber auch im Stadtzentrum.
«Mit den mobilen Messungen haben wir erstmals sichtbar gemacht, wo besonders hohe Belastungen auftreten», wird Prévôt in der Medienmitteilung zitiert, er leitet das Labor für Atmosphärenchemie des PSI leitet. «Teilweise gibt es grosse Unterschiede zwischen benachbarten Strassenzügen.» Auch die Ursachen konnten er und seine Kollegen feststellen: Wie Prévot erklärt wird die Feinstaubkonzentration vor allem abends vom Heizen mit festen Brennstoffen wie Holz und Kohle in die Höhe getrieben.
Rund zwei Drittel aller Messungen lagen über dem von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) empfohlenen Tagesgrenzwert für Feinstaub (PM2.5) von fünfzehn Mikrogramm pro Kubikmeter. Kurzzeitig wurden gar Spitzen von mehreren Hundert Mikrogramm pro Kubikmeter registriert.
Ungleiche Belastung am Abend
Tagsüber ist die Feinstaubbelastung innerhalb der Stadt recht gleichmässig verteilt, während des Abends die Konzentrationen in bestimmten Vierteln stark ansteigen. Letzteres trifft vor allem auf Wohngebiete ausserhalb des Zentrums zu: Hier stammen bis zu sechzig Prozent der organischen Feinstaubpartikel von Holzheizungen. Zudem stiess das PSI-Team auf hohe Konzentrationen von polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen, die als krebserregend gelten.
Aber auch im Altstadtviertel Baščaršija im Osten der Stadt ist die Luft belastet: Hier stammen die Emissionen nicht vom Heizen mit Holz, sondern aus den Küchen der vielen Restaurants. «Man hat hier immer den Geruch von gegrilltem Fleisch in der Nase», so Katja Džepina, Mitautorin der Studie und Mitglied des PSI-Teams. Einen Vorteil gibt es für die hier wohnende Stadtbevölkerung hier aber: In der Nacht strömt vom Osten her frische Luft ins Tal, die Werte für Schadstoffe sinken schneller als im Westen Sarajevos.
Hohe Schwefeldioxidwerte wegen alten Kraftwerken in und um Sarajevo
Ein weiterer Schadstoff in der Luft ist Schwefeldioxid: 81 Prozent aller europäischen Emissionen dieses Gases stammen vom Westbalkan – vorwiegend von alten Kohlekraftwerken aus sowjetischer Zeit. Als das PSI-Team mit dem Smog-Mobil in Zürich losfuhr, liessen sich Schwefeldioxidwerte kaum messen. Doch kaum hatten sie Bosnien-Herzegowina erreicht, schnellten die Werte in die Höhe und blieben hoch, insbesondere in den Tälern in und um Sarajevo.
Zur Verbesserung der Luft über Sarajevo müssten laut dem Forschungsteam möglichst viele Gebäude gedämmt und an das Gasnetz angeschlossen werden. Weil dies aber , insbesondere an den Hängen schwierig ist, ist eine schnelle Lösung nicht in Sicht. Sauberere Pelletheizungen wären neben dem Gas auch eine praktikable Lösung, heisst es im Communiqué des PSI.
Tausende Tote durch Luftschadstoffe
Dass eine solche Situation negative Folgen für die Gesundheit hat, liegt auf der Hand. Das geht auch aus einer letztes Jahr im Fachmagazin Nature publizierten Studie hervor, an der sich Prévôt ebenfalls beteiligt hatte. Sie zeigt, wie toxisch die Luftschadstoffe effektiv sind: Es kommt nicht allein auf die Menge des Feinstaubs an, kritisch ist vor allem auch der oxidative Stress in der Lunge, der Atemwegs- und Herz-Kreislauf-Erkrankungen verursachen oder für frühzeitige Todesfälle nach sich ziehen kann. Zudem bescheinigte bereits diese Studie Sarajevo eine unrühmliche Spitzenposition: Würde es gelingen, die Luftschadstoffe um 50 Prozent zu senken, könnten damit in Bosnien-Herzegowina 5000 Menschenleben pro Jahr retten, schätzen die an dem Papier beteiligten Fachleute.
Prévôt rät , laufende Messungen der Luftqualität im Westbalkan und dazu sogenannten Supersite aufzubauen: Das sind feste Messstellen, die kontinuierlich über Jahre die Luftwerte erfassen und sie auf diese Weise vergleichbar machen. «Die Region ist nach wie vor nicht ausreichend erforscht», sagt Prévôt. Diese Lücke will sein Team in den kommenden Monaten zumindest teilweise schliessen, wie es in der Medienmitteilung heisst. Daneben wollen die Fachleute weitere Daten aus der Messkampagne von Anfang 2023 auswerten: Unter anderem geht es dabei um die Frage, wie die Konzentration von Schwefeldioxid die Chemie in der Atmosphäre verändert. (mai/mgt)