09:05 VERSCHIEDENES

Sicherheitsprüfungen von Atommeilern: Kraftprobe für französische AKW-Betreiber

Teaserbild-Quelle: falco, Pixabay-Lizenz

Frankreichs Atommeiler werden älter. Weil es für sie keine gesetzliche Maximalbetriebsdauer gibt, müssen sie alle zehn Jahre eine aufwendige Sicherheitsüberprüfung bestehen. Dies bedeutet für die Électricité de France SA nicht nur eine gewaltige finanzielle, sondern auch eine logistische Kraftprobe.

Reaktoren von Tricastin in Frankreich

Quelle: falco, Pixabay-Lizenz

Die Reaktoren von Tricastin gehören zu den ältesten in Frankreich. Sie stammen aus dem Jahr 1980. Reaktor 1 hat seine vierte Zehnjahresinspektion bereits hinter sich, Reaktor 2 wurde für die Inspektion Anfang Februar heruntergefahren. Die Kosten für Inspektion und Ertüchtigung liegen bei etwa 250 Millionen Euro pro Reaktor.

Frankreich ist die Atomenergienation Europas: Vier Fünftel des Stroms werden hier von Kernkraftwerken erzeugt. In der Schweiz ist es nur ein Drittel. Ein beträchtlicher Teil des französischen Atommeilerparks ist bereits um die vierzig Jahre alt. Statt, wie ursprünglich geplant, die alten Meiler stillzulegen und durch neue zu ersetzen, will die Betreibergesellschaft Électricité de France SA (EDF) einen guten Teil davon auch weiterhin am Netz lassen. Das ist prinzipiell möglich. Denn in Frankreich gibt es keine gesetzlich vorgesehene maximale Betriebsdauer.  

Allerdings muss jedes Kernkraftwerk alle zehn Jahre eine aufwendige mehrmonatige Inspektion bestehen, bevor es für ein weiteres Jahrzehnt am Netz bleiben darf. Weil der französische Atommeilerpark zum überwiegenden Teil in den 1970er-und 1980er-Jahren erbaut worden ist, stehen der EDF nun in wenigen Jahren mehr als dreissig solcher zeit-, personal- und kostenintensiven Inspektionen ins Haus. Die Dichte der Untersuchungen, mit denen die EDF in ihrem überalterten Reaktorpark rechnen muss, bedeuten einen gigantischen Kraftakt für das überschuldete Unternehmen.

Atomaufsichtsbehörde hat Zweifel

Normalerweise erfolgen die aufwendigen Inspektionen im Sommerhalbjahr, weil der Stromverbrauch dann geringer ist. Der betroffene Reaktor bleibt für mindestens ein halbes Jahr abgeschaltet, damit alle nötigen Untersuchungen durchgeführt werden können. Das enorme Pensum wird für die EDF, die ohnehin schon einen Schuldenberg von 42 Milliarden Euro vor sich herschiebt, nur schwer zu stemmen sein. 

Der Aufwand ist eindrücklich, wie man beim Reaktor «Tricastin 1» in der Drôme sehen konnte. Er ist der erste Reaktor, der diese vierte Zehnjahresinspektion durchlaufen hat. «Tricastin 1» war 1980 ans Netz gegangen. Für seine Prüfung und die Nachrüstung auf zeitgemässere Sicherheitsstandards musste die EDF mehrere Monate lang 1400 Personen abstellen. Hinzu kamen noch 5000 Angestellte von insgesamt 120 externen Firmen.

Einem Weiterbetrieb deutlich über vierzig Jahre hinaus steht in Frankreich zwar wie erwähnt grundsätzlich nichts im Wege. Allerdings gingen die Ingenieure bei der Planung wichtiger Teile von einer maximalen Laufzeit von vierzig Jahren aus. Auf dieser Basis wählten sie Materialien und Konstruktionsweisen. Bei gewissen Teilen ist ein Austausch ohnehin unmöglich. Das betrifft etwa den Reaktordruckbehälter oder den Betonmantel, der den Sicherheitsbehälter bildet, sowie zahlreiche Zuleitungen und Kabel.

«Das Wichtigste ist, die Alterungsmechanismen genau zu kennen und die Entwicklung zu verfolgen. Die Herausforderung liegt darin, sicherzustellen, dass uns nichts entgeht», sagt Julien Collet, stellvertretender Generaldirektor der französischen Nuklearsicherheitsbehörde (ASN), im Gespräch mit der Zeitung «Le Monde». Zwischen den Zeilen erwähnt die ASN dort auch, dass sie die Schraube gegenüber der EDF anzuziehen gedenkt. 

Sie verlangt erstmals einen jährlichen Rapport darüber, inwiefern diese den nötigen Nachrüstungen auch tatsächlich nachkommt, die für die heutigen Sicherheitsansprüche erforderlich sind.  Es brauche, so die ASN, von Seiten der EDF grosse Aufmerksamkeit, die umfangreichen Arbeiten zu planen und die Fähigkeit, die nötige Qualität der Arbeiten sicherzustellen. Die ASN ist dem Stromproduzenten bereits insofern entgegen gekommen, als sie den Abschluss weniger kritischer Nachrüstungen bis zu fünf Jahre nach der Inspektion als fristgerecht akzeptieren will.

Ab hier ist dieser Artikel nur noch für Abonnenten vollständig verfügbar.

Jetzt einloggen

Sie sind noch nicht Abonnent? Übersicht Abonnemente

Autoren

Regelmässige freie Mitarbeiterin für das Baublatt. Ihre Spezialgebiete sind Raumplanung, Grünräume sowie Natur- und Umweltthemen.

E-Mail

Anzeige

Dossier

Spannendes aus den Baublatt-Printausgaben
© Baublatt

Spannendes aus den Baublatt-Printausgaben

Dieses Dossier enthält die Artikel aus den letzten Baublatt-Ausgaben sowie Geschichten, die exklusiv auf baublatt.ch erscheinen. Dabei geht es unter anderem um die Baukonjunktur, neue Bauverfahren, Erkenntnisse aus der Forschung, aktuelle Bauprojekte oder um besonders interessante Baustellen.

Newsletter abonnieren

Mit dem Baublatt-Newsletter erhalten Sie regelmässig relevante, unabhängige News zu aktuellen Themen der Baubranche.