Naturkatastrophen: Ruhe im ersten Halbjahr, steigendes Risiko im zweiten?
Während die geschätzten versicherten Schäden aus Naturkatastrophen im ersten Halbjahr 2026 mit 42 Milliarden US-Dollar 16 Prozent unter dem Zehnjahresschnitt liegen, haben die Rekordhitze im Juni und die anhaltende Trockenheit die Voraussetzungen für eine aktive Waldbrandsaison geschaffen. Das zeigen aktuelle Zahlen der Swiss Re.
Quelle: Enthält modifizierte Copernicus-Sentinel-Daten 2026, Attribution, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=196297627
Die Satelliten-Aufnahme zeigt das Gebiet westlich von Bordeaux im Südwesten Frankreichs, wo nach wie vor Waldbrände das Land verwüsten – angefacht durch Wind und die Hitzewelle. Man geht davon aus, dass eine Fläche, die mindestens viermal so gross ist wie Paris, durch die Waldbrände verwüstet wurde. Dieses Falschfarbenbild vedeutlich die verbrannte Landschaft (schwarze Bereiche), allerdings sind sie nicht zu verwechseln mit der Bucht von Arcachon unten links und dem Atlantik vor der Küste sowie den den beiden Seen am oberen Bildrand, die ebenfalls schwarz dargestellt sind.
«Eine weniger schadenintensive erste Jahreshälfte bedeutet nicht weniger Risiko», kommentiert Balz Grollimund, Head Catastrophe Perils bei Swiss Re, die aktuellen Zahlen der Rückversicherung. «Ein einziger grosser Hurrikan, ein starkes Erdbeben oder ein schwerer Waldbrand kann das Bild rasch verändern.» Laut dem Experten zeigen die jüngsten Waldbrände in Europa, dass höhere Temperaturen und trockenere Bedingungen grosse Waldbrände begünstigen. Gleichzeitig steigen die potenziellen Schäden, da immer mehr Wohngebäude, Unternehmen und Infrastruktur in gefährdeten Gebieten gebaut würden.
Europa: Hitze leistet im ersten Halbjahr Vorarbeit für heftige Waldbrände
Europa ist der sich weltweit am schnellsten erwärmende Kontinent: Heute werden hier 64 Prozent mehr Hitzetage mit Höchsttemperaturen von mindestens 30 Grad Celsius verzeichnet als in den 1950er-Jahren. Zudem begünstigten die Rekordhitze und die anhaltende Trockenheit im Juni Waldbrände in weiten Teilen West- und Südeuropas. Im Juli litten vor allem Frankreich und Spanien unter den Bränden.
Bisher machen Waldbrände in Europa einen relativ kleinen Anteil der versicherten Schäden aus, weltweit zählen sie jedoch zu den am schnellsten wachsenden Naturgefahren. So haben die Waldbrandschäden in Europa seit 1970 laut dem Swiss Re Institute inflationsbereinigt schätzungsweise um 8 bis 11 Prozent pro Jahr zugenommen. Der frühe Beginn der europäischen Waldbrandsaison zeige, wie sich Naturgefahren verändern, heisst es in der Medienmitteilung der Swiss Re. Die Waldbrandsaison werde länger; zugleich träten Bedingungen, die Waldbrände begünstigen, häufiger auf und beträfen zunehmend auch Regionen, die bislang als weniger gefährdet galten.
Amerika: Überdurchschnittlich viele Gewitter, unterdurchschnittliche Schäden
Auch wenn die Aktivität schwerer Gewitter in den USA über dem Durchschnitt rangierte, trafen vergleichsweise wenige davonTexas, die Southern Plains und den Südosten des Landes. Gerade diese Regionen verzeichneten aufgrund der Kombination aus häufigen Gewittern und einer hohen Konzentration versicherter Werte in der Regel die höchsten versicherten Schäden, heisst es im Communiqué der Swiss Re. Dies verdeutliche, dass die Höhe versicherter Schäden nicht allein von der Intensität eines Ereignisses abhänge, sondern ebenso davon, wo es auftrete.
Im ersten Halbjahr deckten Versicherungen rund 42 Prozent der wirtschaftlichen Schäden ab und damit mehr als im 30-jährigen Durchschnitt (33 Prozent). Die Experten der Swiss Re führen dies auf die Konzentration der Schäden in Märkten mit hoher Versicherungsdurchdringung sowie auf Ereignisse zurück, die typischerweise umfassend versichert sind.
Demgegenüber verursachte die Erdbebenserie in Venezuela wirtschaftliche Schäden von schätzungsweise 20 Milliarden US-Dollar. Bislang liegt zwar keine verlässliche Schätzung der versicherten Schäden vor, aufgrund der geringen Versicherungsdurch-dringung wird wohl nur ein kleiner Teil der Schäden versichert sein.
Weltweit: Ruhigere erste Jahreshälfte bedeutet nicht automatisch ein ruhiges 2026
Historisch entfallen im Schnitt 58 Prozent der weltweit versicherten Schäden aus Naturkatastrophen auf die zweite Jahreshälfte. Haupttreiber sind Hurrikane im Nordatlantik. In der Regel dämpft zwar El Niño die Hurrikanaktivität im Atlantik; das Risiko, dass ein Hurrikan auf Land trifft, bleibt aber bestehen. So trafen seit 1950 insgesamt 22 Prozent der Hurrikane in den USA während El-Niño-Phasen auf Land.
Allerdings sind Hurrikane im Atlantik nur ein Bestandteil des Naturkatastrophenrisikos in der zweiten Jahreshälfte. El Niño kann auch die Aktivität tropischer Wirbelstürme im zentralen und östlichen Pazifik beeinflussen, aber ebenso das Risiko von Überschwemmungen, Waldbränden und anderen Wetterextremen in weiteren Regionen der Welt.
Wie die Swiss Re weiterschreibt, bleiben die langfristigen Treiber von Naturkatastrophen unabhängig von saisonalen Prognosen unverändert. Dazu zählen die zunehmende Exponierung in gefährdeten Gebieten sowie steigende Wiederaufbaukosten. Wie es weiter heisst, gewinnen Massnahmen zur Stärkung der Resilienz und zur Verringerung der zugrunde liegenden Risiken weiter an Bedeutung, damit langfristig sichergestellt ist, dass Versicherungsschutz verfügbar und bezahlbar bleibt. (mgt/mai)