09:04 VERSCHIEDENES

Gehäutete Räume aus Latex im Kunstmuseum Bern

Teaserbild-Quelle: Courtesy The Estate of Heidi Bucher / Foto: Hans Peter Siffert

Die Winterthurerin Heidi Bucher hat eine ganz eigene Methode entwickelt. Sie «häutete» Räume mit Hilfe von Latex. So entstanden verblüffende, grossflächige Werke, die Oberflächenstrukturen haargenau abbilden.

Die Methode hat Heidi Bucher der Archäologie entlehnt: Bahnen feiner Gaze werden mit Fischkleister auf Oberflächen geklebt. Anschliessend wird die Fläche mit flüssigem Latex bestrichen. Die getrockneten Schichten zieht sie anschliessend wieder vom Untergrund ab. Diese künstliche Haut, die alle Strukturen des Untergrundes haarfein aufgenommen hat, lässt sich nur mit grosser Anstrengung von der Oberfläche lösen. 

In der aktuellen Ausstellung  im Kunstmuseum Bern laufen neben ihren Kunstwerken an mehreren Orten Filme, die nachvollziehen lassen, wie zeit- und kraftintensiv diese Arbeitsweise war. Wenn Bucher die Oberflächen kompletter Zimmer «häutet» sieht man sie  das Material mit blossen Händen auf den Oberflächen verteilen und später am Latexfilm ziehen, um ihn langsam wieder vom Untergrund abzulösen.

«Auf diese Weise entstand ein sehr präziser Abdruck der Oberfläche. Heidi Bucher hat diese Häute stundenlang unter Einsatz des ganzen Körpers von der Wand gerissen», erzählt Kuratorin Kathleen Bühler. «Ssie wollte mit diesem Vorgang den Raum von allem reinigen, was darin geschehen ist, ihn weich und beweglich machen. So wollte sie zeigen, dass Wandelbarkeit immer möglich ist, auch für Gebäude.»

1978 ist Heidi Bucher mit Latex auf das «Herrenzimmer» ihres grossbürgerlichen Elternhauses in Winterthur losgegangen, ihre Weise mit der Vergangenheit umzugehen. Das Zimmer war zu Lebzeiten ihrer Eltern dem männlichen Teil der Familie und deren Besuchern vorbehalten und diente gleichzeitig der Präsentation der Jagdtrophäen und Waffen ihres Vaters. 

«Buchers Mutter wird als sehr liebevoll und zugewandt beschrieben. Ihr Vater, ein Patron alter Schule, war fest in der Männlichkeitsrolle seiner Zeit verhaftet. Immerhin durfte seine Tochter einen Beruf erlernen, was damals noch eine Seltenheit und überhaupt nur für weiblich zugeschriebene Berufe denkbar war, wie in Buchers Fall dem Schneiderhandwerk», so Bühler weiter. 

Herrschaftsansprüche auflösen

Einige Werke Buchers sind bis Anfang August im Kunstmuseum Bern ausgestellt. Im Juli eröffnet parallel eine zweite Ausstellung im Muzeum Susch. Beiden ging vor wenigen Monaten eine grosse Retrospektive im Haus der Kunst in München voraus. Dort wurde das «Herrenzimmer» zum ersten Mal seit Jahrzehnten in einer Ausstellung gezeigt. Die Süddeutsche Zeitung kommentierte damals Bucher arbeite «mit der Akribie eines Hannibal Lecter», wenn sie den Räumen an ihr Oberflächen rückt. Sie ziele auf die Herrschaftsansprüche, die sich in Architektur abbildeten.

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