Diesen Sommer sind 5,5% des Schweizer Gletschereises geschmolzen
Die wärmeren Temperaturen wirken sich auf die Schweizer Gletscher aus: Sie diesen Sommer weitere 5,5 Prozent ihres Eises verloren. In den vergangenen fünf Jahren ist beinahe ein Fünftel des gesamten Gletschereises in den Schweizer Alpen verschwunden. Das zeigen heute veröffentlichte Messungen des Schweizerischen Gletschermessnetzes Glamos.
Quelle: Reustli, eigenes Werk, CC BY-SA 4.0, https://commons.wikimedia.org/w/index.php?curid=177919900
Der Rhonegletscher im Oktober 2025. In diesem Jahr war die Messbilanz so schlecht wie keinem Jahr seit Beginn der Messungen.
"Es war ein Extremjahr für die Gletscher", sagte Matthias Huss, Gletscherforscher und Leiter des Gletschermessnetzes, gegenüber der Nachrichtenagentur Keystone-SDA. Nur im Jahr 2022 haben die Gletscher einen noch grösseren Anteil ihres Eises verloren als in diesem Jahr. Auf Gletscherzungen reduzierte sie sich über den Sommer teils um bis zu 10 Meter. Die Eismassen starteten bereits mit einer äusserst dünnen Schutzschicht aus Schnee in den Sommer und schmolzen unter den extrem heissen Wetterbedingungen ungebremst ab.
"Dass es zu einer solchen Häufung extrem schlechter Jahre für die Gletscher kommt, ist überraschend", meint Huss. In den vergangenen fünf Jahren gehörten gleich vier Jahre zu den Abschnitten mit den höchsten Schmelzraten seit Beginn der Messungen. Der Eisverlust in diesem Fünfjahreszeitraum war damit fast doppelt so hoch wie in den fünf Jahren davor. Geschmolzen sind 2,5 Kubikkilometer Eis - den Bielersee könnte man mit diesem Eisvolumen zweimal füllen. Schmilzt man dieses Eis, entstehen 2200 Milliarden Liter Wasser. Beim durchschnittlichen Schweizer Pro-Kopf-Verbrauch von 142 Litern pro Tag würde diese Wassermenge eine einzelne Person knapp 42 Millionen Jahre lang versorgen - oder die gesamte Schweizer Bevölkerung für etwa vier Jahre und acht Monate.
In der Schweiz verbleiben laut den neuen Zahlen noch 42,6 Kubikkilometer Gletschereis. Vor fünf Jahren waren es noch gut zehn Kubikkilometer mehr, vor 25 Jahren sogar noch rund 30 Kubikkilometer mehr. Auch die von Eis bedeckte Fläche ist drastisch geschrumpft. Die Gletscherfläche beträgt derzeit noch rund 714 Quadratkilometer - etwa ein Drittel weniger als noch zur Jahrtausendwende.
Wie viele Gletscher diesen Sommer verschwunden sind, lässt sich noch nicht sagen
Viele Gletscher sind durch das rasante Abschmelzen mittlerweile ganz verschwunden. Den Bella-Tola-Gletscher im Wallis und den Griessfiren beziehungsweise Plattalvafirn im Glarnerland nennt Glamos nach neuesten fotografischen Auswertungen als konkrete Beispiele für diesen kompletten Zerfall. Wie viele weitere kleine Gletscher diesen Sommer endgültig verschwunden sind, lässt sich erst mit der nächsten Aktualisierung des Schweizer Gletscherinventars, die für etwa 2028 geplant ist, genauer bestimmen. Aber auch einige grosse Gletscher sind stark geschmolzen. Beim Allalingletscher, Claridenfirn, Grossen Aletschgletscher und Rhonegletscher war die Massenbilanz 2026 so negativ wie in keinem anderen Jahr seit Beginn der jeweiligen Messreihen. Für alle anderen untersuchten Gletscher war 2026 das zweitverlustreichste Jahr.
Dass Gletscher schmelzen, sei nicht nur für das Alpenpanorama ein Problem, erklärt Huss. So sei etwa auch die Wasser- und Energieversorgung der Schweiz von den Gletschern abhängig. Weil die Gletscher mittlerweile stark geschrumpft sind, liefern sie bereits heute weniger Schmelzwasser als früher. So verloren die Schweizer Gletscher im Hitzesommer 2003 zwar mit 3,5 Prozent einen deutlich kleineren Anteil ihres Eises, lieferten aber mit 2,6 Kubikkilometern Eis, das geschmolzen ist, mehr Schmelzwasser als im aktuellen Rekordjahr (2,5 Kubikkilometer).
Laut Experten können gewisse Gletscher noch gerettet werden
Gewisse Gletscher sind noch immer zu retten, so Huss. "Mit jedem so extremen Jahr wird es aber noch schwieriger", sagt der Forscher. Die Zeit, die zum Reagieren bleibe, werde immer kürzer. Symptombekämpfungen wie das Abdecken von Gletscherteilen mit hellen Textilvliesen retten laut Huss keine Gletscher im ökologischen Sinne. Solche Massnahmen seien zwar für Skigebiete lokal ökonomisch sinnvoll, um Pisten zu sichern, für den Gletscherschutz jedoch wirkungslos. Der einzige nachhaltige Hebel bleibe die konsequente globale Reduktion von Treibhausgasen. (sda/mai)