Biodiversität in Auenlandschaften: Heutige Schutzgebiete reichen nicht mehr aus
Die heutigen Auenschutzgebiete genügen nicht mehr, um die Biodiversität in der Schweiz zu sichern. Das zeigt eine Studie unter der Leitung der Eidgenössischen Forschungsanstalt für Wald, Schnee und Landschaft (WSL). Laut den Autoren müssen die Einzugsgebiete von Flüssen grossflächiger geplant werden, sodass die Auengebiete untereinander besser vernetzt werden können.
Quelle: Whgler, eigenes Werk, CC BY-SA 4.0
Die Auenlandschaft «Plaun la Greina» in Graubünden ist ein Naturschutzgebiet von nationaler Bedeutung, und sie ist in der Weltdatenbank geschützter Gebiete gelistet. Im Bild: Die Schwemmebene der Greina.
Weil sie bedrohte Arten wie Flussregenpfeifern, Kreuzottern und spezialisierten Pflanzen wie der Deutschen Tamariske einen Lebensraum bieten, sind Auen regelrechte Schätze der Artenvielfalt. Allerdings sind diese regelmässigt überschwemmten Flusslandschaften in der Schweiz selten geworden: Dämme, Stauwehre und Flussbegradigungen haben viele natürliche Flussverläufe zum Verschwinden gebracht. Obwohl aktuell zahlreiche Revitalisierungs- und Schutzprojekte laufen, genügen die Projekte laut Studie nicht: Sie werden vom Klimawandel überholt.
Lebensräume am Wasser sind besonders stark vom Klimawandel betroffen: Zunehmende Trockenheit, sinkender Wasserpegel und extremer werdende Überschwemmungen hinterlassen ihre Spuren in den kostbaren Landschaften. Während sich geschützte Gebiete in einigen Jahren nicht mehr für Auenarten eignen, entstehen an Flussverläufen neue Bereiche, die der entsprechenden Flora und Fauna bessere Bedingungen bieten, sodass hier neue Auengebiete entstehen können.
Wo könnten Auenarten in Zukunft vorkommen?
Quelle: Grafik: Arnd Weber und Peter Horchler
Die Grafik zeigt, wo Silberweiden auf dem Rheinkilometer 580-581 künftig vorkommen könnten. Rote Stellen sind Lebensräume, die für die Silberweiden verloren gehen, blau solche, die dazukommen, und grün diejenigen Bereiche, in denen sie weiterhin wachsen können. Gesamthaft verliert die Silberweide in diesem Rheinkilometer an Lebensraum.
Um zu verstehen, wo in Zukunft wertvolle Lebensräume vorkommen, hat das Forschungsteam auf mehrere Modelle gesetzt: Mit einem ökologischen Modell wurde das Vorkommen verschiedener Arten abgebildet, abhängig von Faktoren wie Temperatur, Neigung der Böschung, Bodenbeschaffenheit oder Pflanzenwelt. Mit einem hydrodynamischen Modell berechnete man zum Beispiel die potenzielle Überflutung und Erosion. Dann wurden die beiden Modelle miteinander kombiniert, woraus sich wiederum ergab, wo Auenarten in Zukunft vorkommen könnten.
Dabei zeigte sich: Die
meisten heutigen Schutzgebiete sind künftig nicht mehr so effektiv, wie
es nötig wäre. Etwa, weil es dort zu trocken wird oder die Ufer zu stark
erodieren. Ausserdem geht aus der Studie hervor, dass die Schutzgebiete
zu klein und zu wenig untereinander vernetzt sind. Dies verunmöglicht
es wiederum Tieren, Pflanzen und Pilzen sich in neuen Lebensräumen
niederzulassen, das diese zu weit auseinander liegen oder gar ganz
fehlen.
Der Schutz bestehender Auenlandschaften dient der Biodiversität
Quelle: Von Matti Virtala, eigenes Werk, CC0
Ein rarer Auenbewohner: der gefährdete, Kiesbrütende Flussregenpfeifer (Charadrius dubius).
Damit sich ein möglichst grosser Teil der Artenvielfalt erhalten lässt, ist es wichtig, die bestehenden Auenlandschaften zu schützen: «Angesichts der Verluste ist jedes einzelne Gebiet wichtig», sagt WSL-Ökologin Sabine Fink. Man müsse ausserdem das ganze Einzugsgebiet von Flussläufen vernetzen. Wie die Wissenschaftlerin erklärt, ist dies gerade in der dicht besiedelten Schweiz zentral, weil es unrealistisch wäre, die Flüsse in ihrer ganzen Länge in den Urzustand zurückzuführen. Gleichzeitig muss die Planung laut Fink längerfristig angelegt werden: «Nicht nur heutige Auengebiete müssen geschützt werden, sondern die Planung sollte auch schon jetzt Gebiete mit einbeziehen, die temporär oder langfristig zu ihnen werden können. Ziel ist, diese Lebensräume mit den heutigen geschützten Auengebieten zu vernetzen und so die bedrohten Ökosysteme zu erhalten.» (mgt/mai)
Beispiel Auenschutzpark Aargau: Mehr Käfer und Amphibien
Wie ein dichtbesiedelter Kanton artenreiche Lebensräume erfolgreich schützen kann, zeigt der Auenschutzpark Aargau: Seit 1994 in der Kantonsverfassung verankert umfasst die Schutzfläche Auen und Flusslandschaften. Der Park bildet ein Netz aus mehreren Teilgebieten entlang der Flüsse im Kanton, sodass sich Tiere, Pflanzen und Pilze zwischen einzelnen Wasser- oder Landlebensräumen bewegen können.
Fink dazu: «Der Auenschutzpark ist ein gutes Beispiel für erfolgreichen Schutz. Die Vernetzung ist dort geglückt.» Wie die WSLL schreibt, ist die Vernetzung gegelückt und hat messbaren Erfolg: Zwischen 1999 und 2008 verzeichnete die Käfer- und Amphibien-Population im Auenschutzpark eine deutliche Zunahme. (mgt/mai)
Weitere Informationen zum Auenschutzpark Aargau auf: https://www.ag.ch/de/themen/umwelt-natur/natur-und-landschaftsschutz/auenschutzpark-aargau
Quelle: Norbert Kräuchi
Silberweiden bei Hochwasser im Mai 2021 bei Villnachern AG. Der Auenschutzpark Aargau ist ein Vorzeigebeispiel für erfolgreichen Artenschutz in dynamischen Lebensräumen.