05:00 SWISSBAU

Basler Künstler an der Swissbau: Perspektivenwechsel mit Klaus Littmann

Geschrieben von: Simone Matthieu
Teaserbild-Quelle: Klaus Littmann

Mit Klaus Littmann hat einer der bekanntesten Künstler der Rheinstadt im Hinblick auf die aktuelle Ausgabe der Swissbau eine Skulptur für die Basler Messehallen geschaffen. Er ist bekannt für seine überraschenden, originellen und hintergründigen Werke.

Klaus Littmanns Skulptur Arena für einen Baum

Quelle: Klaus Littmann

Den Blick für das Alltägliche schärfen: Klaus Littmanns Arena für einen Baum 2024 an der Biennale in Venedig. Drei Jahre zuvor war sie bereits auf dem Basler Münsterplatz zu sehen.

Die Schreibende trifft Klaus Littmann in seiner temporären Kunstintervention von Littmann Kulturprojekte an der Basler Rittergasse 21, 23 und 25. Dort war bisher die Bank Vontobel untergebracht. Doch da die Privatbank vor Ende des Mietvertrags in neue Räumlichkeiten zog, entschied man, die über 2500 Quadratmeter Fläche in der Zwischenzeit Kunstprojekten zur Verfügung zu stellen. Klaus Littmann war erfreut, als er die Anfrage erhielt, einen solch ausladenden Ort als Zwischennutzung für seine Kunstplattform «For Art» beziehen zu können.

Kein Wunder: Nicht lange zuvor hatte der Künstler und Kurator einen Schatz gehoben. Er war ans Scent Festival der Düfte eingeladen und entdeckte in einem Restaurant Lithografien von Alberto Giacometti (1901 – 1966), bei dessen Namen man vorwiegend an seine dünnen, hohen Menschen-Skulpturen denkt. Littmann fragte den Besitzer, Carlos Gross, ob er noch weitere Werke von Giacometti habe, und entdeckte einen einmaligen Fundus: Sammler Gross hatte eine fast unüberschaubare Menge an Giacometti-Skizzen und -Zeichnungen zusammengetragen. Nur schon der Zyklus «Paris sans fin» umfasst 150 Werke. «In ‹Paris sans fin› hat Giacometti die für ihn wichtigen Orte in Paris, wo er von Jugend an bis kurz vor seinem Tod gewohnt hatte, dargestellt», erklärt Littmann. Ob Gross sich bewusst war, was er da hortete? Littmann erinnert sich: «Die Skizzen und Zeichnungen waren nicht einmal gerahmt. Der Paris-Zyklus lag en Bloc in einer Kiste.»

Kontakt zu Publikum bewirkt Unerwartetes

Zur Ausstellung liess Littmann alles rahmen. In den Räumlichkeiten an der Rittergasse hat er genug Platz, Gross’ gesamte Sammlung zu zeigen. Das Gespräch dort wird immer wieder unterbrochen von Besucherinnen und Besuchern, die Fragen stellen oder sich über Giacomettis Werk unterhalten möchten. «Das ist der Grund, warum ich es mir nicht nehmen lasse, jeden Tag ein paar Stunden vor Ort in der Ausstellung zu sein», erläutert Littmann. «Das ist eine einmalige Chance, spannende Gespräche mit Ausstellungsbesuchern zu führen, zu erfahren, wie sie die Kunst und ihre Darstellung empfinden.»

Klaus Littmann in seinem Atelier in Basel

Quelle: Simone Matthieu

Kaus Littmann in seinem Refugium mit Modellen von Kunstprojekten.

So kann sich Ungeahntes entwickeln. In Littmanns Installation «Arena für einen Baum» sass einmal eine Dame lange in die Betrachtung des Baums vertieft – er steht im Mittelpunkt einer grossen, durchlässigen Halbkugel aus Holz, die Sitzmöglichkeiten bietet. Schliesslich schlug sie Littmann, der ebenfalls vor Ort war, vor, in der «Arena» eine Matinée zu veranstalten. «Es war grossartig», erinnert er sich, noch immer verzückt. «Sie sang mit Studenten, die um den Baum herum gruppiert waren. Andere Musikstudenten mischten sich mit ihren Instrumenten unter das Publikum und standen immer wieder auf zum Spielen.» Am Ende hätten sogar Grillen gezirpt.

Hinschauen, wo man sonst vorbeiläuft

Die «Arena für einen Baum» steht exemplarisch für Littmanns Grundsatz als Künstler. Die Halbkugel aus Holz ist so gestaltet, dass man den Baum betrachten, richtig hinsehen muss, dabei neue Details entdecken und vielleicht neue Ansichten gewinnen kann. Das ist das Ziel. Littmann wünschte sich, dass seine Intervention den Blick der Besucher auf die Zukunft, aber auch für das Alltägliche schärft, für ein künftiges Verhältnis von Mensch und Natur – nicht, dass man  irgendwann einen Baum wie ein selten gewordenes Tier in einem Zoo anschauen muss. «Wir kommen täglich an Sachen vorbei, die wir kaum beachten, dabei würde genaues Hinsehen an vielen Orten und bei vielen Objekten guttun.» Die «Arena für einen Baum» machte an mehreren Stationen Halt, unter anderem an der Biennale in Venedig, wo sie im Wasser verankert war. Für Littmann ist die Biennale ein Ritterschlag, er freut sich heute noch darüber.

Klaus Littmanns Wald-Installation im Wörthersee-Stadion in Klagenfurt

Quelle: Klaus Littmann

In Klagenfurt verwandelte Klaus Littmann 2019 das Wörthersee-Stadion temporär in einen Wald.

Am Ursprung von «Arena für einen Baum» stand das Vorgängerprojekt «For Forest – Die ungebrochene Anziehungskraft der Natur»: 2019 nahm ein ganzer Wald das Fussballstadion in Klagenfurt (Ö) in Beschlag. Wieder ging es Littmann um die Auseinandersetzung mit Alltagskultur. Deshalb bevorzugt er den öffentlichen Raum für seine Installationen: Poesie ist nicht ex-klusiv, sie soll allen zugänglich sein. Mit dem gleichen Ansatz hat er schon eine Coop-Filiale erstellt, die er eins-zu-eins im Foyer des Theater Basel einrichtete. «Die Besucher waren total irritiert. Jemand begann sogar, einen Einkaufskorb zu füllen, bis ich ihn in-formierte, das sei eine Ausstellung, kein Laden.» Ein schönes Feedback habe er von einem anderen Besucher erhalten, der sagte, er könne nicht mehr ein-kaufen gehen, ohne das Gefühl zu haben, in einer Installation zu stehen.

Faszination Themen des Alltags

Dieselbe detailtreue Replika erstellte Littmann vom Airport-Center des Euro-Airports Basel-Mulhouse. Worauf eine Zeitung zum 50-Jahre-Jubiläum des Flughafens versehentlich ein Bild von Littmanns Installation verwendete. «Themen des Alltags faszinieren mich», sagt der 74-Jährige. Viele Ideen kämen ihm spontan. Dazu gehört, wie oben erwähnt, das bewusste Betrachten von Alltagsgegenständen. Aber auch aktuelle Themen können ihn reizen, sie zu visualisieren. «Im Laufe der Jahre sind Gewalt und Rassismus immer stärker aufgekommen. Ich dachte, da muss ich etwas tun, da darf ich nicht wegschauen.» Stört ihn etwas, tut er das per Kunstintervention kund. 

Wie im Hitzesommer 2022, als die Stadt Basel über-all Sprühduschen installierte. Mit einem über-dimensionalen Pinsel malte er mit Wasser auf den ausgetrockneten Boden vor dem Rathaus «Keine Nebeldusche» oder «Wasser ist wertvoll». Natürlich verschwand die Botschaft innerhalb von Sekunden. Das gehört dazu: «Die Kunst hat etwas mit dem Leben zu tun, das findet jetzt statt. Und deshalb sollten Sachen wie meine Kunstintervention zu den Sprühduschen im Moment stattfinden.»

Verborgenes zum Vorschein bringen

Klaus Littmann liebt es, dem Publikum Kunst zu zeigen, die sonst im Verborgenen geblieben wäre. Wie eben die Giacometti-Lithografien. Diese sollen allerdings nur eines von mehreren Projekten sein, die er in seiner temporären, neuen Heimat zu realisieren plant. Absichtlich hat er den Kalender nicht bereits bis 2028 gefüllt. «Ich will spontan reagieren, sollte sich etwas die Schweiz oder die Welt bewegendes ereignen oder mir eine Idee für eine Installation kommen.»

Sein Dasein als Kurator und Künstler wird für Littmann von drei Dingen charakterisiert. Zuerst ist da das Sammeln an sich: «Sammeln liegt in der DNA von Basel.» Als Zweites nennt er das Zeichnen: «Zeichnen hat nicht den Stellenwert, den es haben sollte. Es ist der Urknall jedes geplanten (Kunst-)objekts. Mir geht es nicht nur um künstlerisches Zeichnen. In vielen Berufen, aber auch im Privaten zeichnet jeder und jede.» Das dritte Element sind Installationen: «Ich lade immer wieder Künstler ein, eine Installation für die Rittergasse zu gestalten. Momentan ist es eine Busstation. Und vor Kurzem habe ich einen bekannten Künstler eingeladen, im Eckhaus eine Café-Bar einzurichten, damit immer etwas los ist.»

Von Kindheit an von Kunst umgeben

Aufgewachsen ist Littmann in Basel. Er absolvierte den Vorkurs an der Kunstgewerbeschule (heute Hochschule für Gestaltung Basel). Joos Hutter (1914 – 2003), einer der Dozenten, der sich speziell um Littmann kümmerte, meinte zu seinem Schüler: «Hau ab, du musst weg von hier, der klassische Weg im Kulturbetrieb ist nichts für dich.» Littmann folgte dem Rat und ging an die Kunstakademie in Düsseldorf, wo er sieben Jahre blieb, und unter anderem drei Jahre unter der Leitung von Joseph Beuys studierte.

Schon vor seinem Studium war Littmann stets von Kunst und Politik umgeben: Seine Mutter kam aus dem bürgerlichen Lager, war Schauspielerin und Pianistin. Sein deutscher Vater war Journalist und Filmemacher. «Und ein politisch sehr aktiver Sozialdemokrat. Wir hatten stets Künstler bei uns zu Besuch. Ob mit oder ohne Gäste: Die Sonntage waren besonders spannend für mich», erzählt er. «Da wurde stets wahnsinnig gestritten, vor allem über Politik. Diese Diskussionskultur und diese Menschen haben mich geprägt – und zu einem starken Passivraucher gemacht.»

Der Hammer an der Swissbau

Skizze für Klaus Littmanns Hammer-Skulptur an der Swissbau

Quelle: Klaus Littmann / Bild: Simone Matthieu

Klaus Littmanns Skizze für die Hammer-Skulptur an der Swissbau 2026 in Basel.

Klaus Littmann arbeitet für gewöhnlich aus eigenem, kreativem Antrieb. Auch bei seinem für die Swissbau bestimmten Projekt genoss er künstlerische Freiheiten. «Ich hatte völlig freie Hand und habe mir überlegt: ‹Was steht seit jeher für Werkzeuge, für den Bau an sich?›», schildert er. Die Antwort: Der Hammer ist das älteste vom Menschen geschaffene Werkzeug, er hat für Littmann symbolischen Charakter. Auf dem Kopf stehend und gefertigt aus Baugerüst-Elementen, sollte der überdimensionale Hammer auf dem Messeplatz stehen und das Publikum empfangen. Aus Sicherheitsgründen musste die Skulptur nach innen verlegt werden. Sie steht nun als «Treffpunkt» in Halle 1 und wurde dafür von zehn auf acht Meter Höhe verkleinert.(sma)


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