08:05 MEINUNG

Kolumne zum Mittwoch: Wenn ein Lärm dich stört, dann höre ihm zu

Geschrieben von: Thomas Müller
Teaserbild-Quelle: libertyslens, Flickr, CC

In der Kolumne zum Mittwoch schreiben Exponenten der Branche über das, was sie bewegt. Heute ist es Thomas Müller, Kommunikationsberater des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins (SIA).

Schreibmaschine Kolumne Symbolbild

Quelle: libertyslens, Flickr, CC

Schreibmaschine, Schmuckbild.

Am vergangenen 31. März ist für den Bund, die Kantone und die Gemeinden die Frist verstrichen, ihre Strassen baulich so anzupassen, dass sie der 1987 erlassenen Lärmschutzverordnung entsprechen. Dies nicht ganz ohne mediale und politische Nebengeräusche, sind doch aus verschiedenen Gründen noch immer nicht alle Verkehrswege so lärmberuhigt, wie sie sein sollten. Verlauten liess sich auch die Lärmliga. Sie will nun den säumigen drei Staatsebenen mit einem Klagepool und mit Musterprozessen zu Leibe rücken. Ob das zur Beruhigung aller Strassen führt? Wohl eher zu mehr Lärm vor Gericht.

Doch mir geht es eigentlich gar nicht um das. Was mir Sorge bereitet, ist die in unserer Gesellschaft grundsätzlich viel zu verkürzte Diskussion über Lärm. Letzterer kann die Lebensqualität beeinflussen, wenn man ihm konstant, unfreiwillig und machtlos ausgesetzt ist. Und Menschen, bei denen das so ist, müssen wir gesetzlich schützen. Aber alle anderen bitte ich, ein bisschen Ruhe zu bewahren im Lärm um den Lärm. Das Leben macht nun einmal Geräusche, und ob diese zu Lärm werden, empfindet jeder und jede anders. Oder wie es Sieglinde Geisel 2014, an der Tagung «Nachtleben und Nachbarschaft» treffend formulierte: «Lärm ist interpretiertes Geräusch.»

Wenn der eine das vorbeifahrende Auto gar nicht wahrnimmt und es für einen zweiten einfach zur Geräuschkulisse gehört, ist es für einen dritten störender Lärm. Ja selbst ein und dieselbe Person kann differenziert empfinden. Fährt sie den Porsche selber, erlebt sie dessen Röhren selbst bei offenem Fenster als tollen Sound. Fährt der Porsche aber abends an der Wohnung vorbei, macht er Krach.

Eine differenziertere, das subjektive Lärmempfinden viel stärker berücksichtigende Debatte notwendig. Dies nicht zuletzt, weil unsere Interpretation der Geräuschkulisse in sehr hohem Masse die Art beeinflusst, wie wir unsere Häuser, Strassen, Plätze, Dörfer, Städte und unseren Lebensraum gestalten – oder auch verunstalten. Und wenn wir weiterhin stur, ohne Rücksicht auf den jeweiligen Ort und das subjektive Empfinden der Menschen, den einen und für alle geltenden Lautstärke-Grenzwert verordnen, wenn wir nicht nur die Strasse, nein, wie immer öfter der Fall, auch den Hinterhof, den benachbarten Sport-, Spiel-, Pausenplatz oder Park zum Territorium der Stille machen, dann werden wir das Leben in unseren Dörfern und Städten ersticken. Und das ist umso fataler, weil raumplanerisch ja in genau diesen bis zu80 Prozent des zukünftigen Wachstums an Wohn- und Arbeitsstätten und damit auch Lebensgeräuschen stattfinden muss.

Der Mensch lebt nicht von Ruhe allein, und deshalb plädiere ich für das, was John Cage, einflussreicher Komponist und Künstler des 20. Jahrhunderts sowie selber Sohn eines Ingenieurs einmal gesagt hat: «Wenn ein Lärm dich stört, dann höre ihm zu.» Auf dass wir auf diesem Weg eine andere und etwas gelassenere Beziehung zur Geräuschkulisse unserer Mit- und Umwelt entwickeln und damit vielleicht ganz von alleine viel weniger Lärm entsteht.

Geschrieben von

Kommunikationsberater des Schweizerischen Ingenieur- und Architektenvereins (SIA).

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