08:01 MEINUNG

Kolumne zum Donnerstag: Digitale Planung und analoge Realität

Geschrieben von: Heinz Richter
Teaserbild-Quelle: libertyslens, Flickr, CC

In der Kolumne zum Donnerstag schreiben Exponenten der Branche über das, was sie bewegt. Heute ist es Heinz Richter, dipl. HLK-Ingenieur HTL / FH und Vorstandsmitglied der Usic-Regionalgruppe Zürich.

Schreibmaschine Kolumne Symbolbild

Quelle: libertyslens, Flickr, CC

Schreibmaschine, Schmuckbild.

Wir stiegen am Ende unserer Ferien auf einer kleinen Insel in eines dieser achtsitzigen Shuttle-Flugzeuge und sassen hinter einem älteren Piloten in kurzen Hosen, Kurzarmhemd und Sonnenbrille, nachdem wir vorher auf einer Haushaltwaage gewogen und aufgrund des ungefähren Gewichts im Flieger verteilt worden waren. Schon beim Start leuchteten im Cockpit, das wir im offenen Flugzeug frei im Blickfeld hatten, zahlreiche Lampen beunruhigend auf, einige davon klar als Warnlampen ersichtlich. Wir schafften es tatsächlich nach ein paar Versuchen in die Luft, und nach ein paar Flugminuten kamen neue blinkende Warnanzeigen im Cockpit dazu.

Auf unsere Frage, ob denn alles in Ordnung sei, antwortete der Pilot, diese Warnleuchten seien «unwichtige Fehlermeldungen» und wir könnten diese beruhigt ignorieren, diese hätten nichts zu bedeuten. Wir erreichten unseren Bestimmungsort. Der Pilot hatte es verstanden, die Fehlermeldungen richtig zu interpretieren, und die richtigen Entscheidungen getroffen und seinen eigentlichen Auftrag erfüllt. Hätte er diese Entscheidungskompetenz nicht gehabt, das Flugzeug wäre nie gestartet.

Die Bauwelt wird mit zunehmenden baulichen und technischen Möglichkeiten immer komplexer. Gleichzeitig werden die in der Bearbeitung einzusetzenden digitalen Instrumente, welche die Zusammenarbeit der Beteiligten ermöglichen, immer umfassender. Komplexe Aufgaben mit komplexen Arbeitsinstrumenten zu lösen, führt in der Regel zu einer wesentlich höheren Anzahl möglicher Fehlermeldungen. Unsere Baustellen leben mit Masstoleranzen durch Material­ungenauigkeiten, Setzungen oder in Bestandsbauten mit verborgenen Überraschungen, die keine noch so gute digitale Planung eliminieren kann. Auf der Baustelle sind wir es gewohnt, dass erfahrene, fachlich kompetente Menschen, mit gesundem Menschenverstand und der nötigen Entscheidungskompetenz versehen, dann die richtige Entscheidung treffen, wenn solche Abweichungen zwischen Planung und Baurealität auftreten.

Die hochkomplexen digitalen Instrumente werden daran nichts ändern. Jedoch werden wir mit immer mehr Fehlermeldungen aus der digitalen Planung konfrontiert werden. Die Unschärfe aus den bisher analogen Planungsabläufen, die entscheidungskompetente Fachpersonen bis heute als positiven unternehmerischen Interpretations- und Entscheidungsspielraum genutzt haben, wird in der digitalen Welt als potenzieller «Fehler» erkannt und rasch einmal zum Mangel uminterpretiert. Wenn nun aus Angst vor Haftung und Unkenntnis der Tragweite einer Fehlermeldung auf der Behebung des «Fehlers» bestanden wird, droht statt flüssigeren Planung- und Bauprozessen Stillstand mit Suche der Schuldigen und gegenseitigem Absichern vor Haftung für die digital registrierten «Fehler». Der Flieger hebt nicht ab, sondern bleibt am Boden.

Hier liegen grosse Chancen und Möglichkeiten für Fachpersonen, die durch Weiterentwicklung des guten fachlichen Handwerks und der Eigenschaften als Problemlöser die Fehlermeldungen mit Sachverstand und Entscheidungskompetenz als positiven Interpretationsspielraum im Interesse aller Beteiligten nutzen und die Aufgabe im Sinne des Auftraggebers in der analogen Realität lösen – wie der Pilot in der Eingangsgeschichte. Der Bedarf für solche pragmatisch problemlösenden Fachpersonen wird in der digitalen Welt zunehmen. Daran sollten wir arbeiten.

Geschrieben von

Dipl. HLK-Ingenieur HTL / FH, Vorstandsmitglied der Usic-Regionalgruppe Zürich.

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