08:09 MANAGEMENT

Chefsache mit Pascal Bärtschi: «Fähigkeiten statt Funktionen»

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«Als Ganzes sind wir stärker als die Summe von uns als Individuen», sagt Pascal Bärtschi, CEO der Losinger Marazzi AG. In der Interview-Serie «Chefsache» nimmt er Stellung zu Fragen rund um das Thema Führung.

Pascal Bärtschi CEO Losinger Marazzi AG

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Pascal Bärtschi ist seit 2015 CEO der Losinger Marazzi AG.

Wie lautet Ihr allerwichtigster Führungsgrundsatz?

Pascal Bärtschi: Zusammenarbeit – ganz einfach deshalb, weil wir zusammen als Ganzes stärker sind als die Summe von uns als Individuen.

Wie gehen Sie mit Kritik um?

Ab und zu fällt es mir schwer, sie zu akzeptieren, vor allem wenn sie nicht konstruktiv ist und wenn ich den Eindruck habe, dass ich ein Thema aus allen Blickwinkeln unter der Berücksichtigung aller Beteiligten analysiert habe und dass ein einziges Argument alles in Frage stellt. Aber das gehört dazu. Als Manager sind wir aufgefordert, Entscheidungen zu treffen und Optionen zu wählen, die kritisiert werden. In den allermeisten Fällen lassen diese Kritikpunkte die Menschen wachsen, sie drängen auf eine erneute Überprüfung und sie erlauben es uns, ein wenig Demut zu bewahren und zu akzeptieren, dass wir auch dank anderer weiter lernen.

Wie fördern Sie Ihre Mitarbeitenden?

Es gibt verschiedene Möglichkeiten, um Mitarbeitende zu fordern und zu fördern. Dies beispielsweise indem man sie aus ihrer Komfortzone herauslockt, um neue Aufgaben zu übernehmen, oder indem man ihnen Ausbildungen vorschlägt, um die technischen Fertigkeiten oder die Managementkompetenzen weiterzuentwickeln. Was mir aber besonders gefällt, ist, sie im Alltag zu bitten, sich in die Lage ihres Ansprechpartners, ihres Kunden zu versetzen, damit sie nicht nur in ihrem Bezugsrahmen denken und handeln und dass sie lösungsorientiert sind. Thinking out of the box…

Wollten Sie schon immer Chef werden? Weshalb oder weshalb nicht?

Das ist eine Frage, die ich mir nie gestellt und auf die ich keine Antwort habe. Für mich gehört der Begriff «Chef» der Vergangenheit an. Er impliziert eine hierarchische, strikte Organisation und entspricht nicht meiner Vision einer modernen Organisation, in der wir von Rollen und Fähigkeiten sprechen und nicht mehr von Titeln und Funktionen. Andererseits kann ich sagen, dass ich immer danach gestrebt habe, Dinge voranzutreiben und Erfolge zu hinterfragen, ohne dabei Erfahrung und Know-how zu vernachlässigen.

In welchen beruflichen Situationen sind Sie schon an Ihre Grenzen gestossen?

Zweifellos hat mich die erste Covid-19-Welle gezwungen über meine Grenzen hinaus zu gehen. Ich war nicht geschult, nicht bereit – aber wer war das schon? –, um einerseits die persönliche Sicherheit und Gesundheit sowie die Integrität jeder und jedes Einzelnen und andererseits die Zukunft des Unternehmens, das Überleben, das heisst die wirtschaftliche Sicherheit aller gegeneinander abzuwägen. Zum ersten Mal hatte ich auch das Gefühl, dass unser Bundesstaat an seine Grenzen stösst. Wie soll man Mitarbeitenden erklären, die am selben Ort leben, dass einer arbeiten gehen muss, weil seine Baustelle im Kanton Wallis ist und der andere nicht arbeiten darf, weil er in Genf arbeitet?

Bei welchen wichtigen Entscheiden haben Sie sich schon einsam gefühlt?

Mein Grundsatz ist es, gemeinsame Entscheidungsfindungsprozesse mit Menschen zu fördern, die über die erforderlichen Fähigkeiten verfügen. Dies bedeutet, dass die schwierigsten Entscheidungen kollegial getroffen und von der gesamten Geschäftsleitung getragen und umgesetzt werden. Wenn ein Stichentscheid erforderlich ist, liegt dieser natürlich in meiner Verantwortung. Die einzigen Entscheidungen, die ich allein treffen muss, betreffen organisatorische Themen und Ressourcenfragen.

Wie schätzen Sie die aktuelle Lage der Bauwirtschaft ein?

Die Situation ist gegensätzlich. Einerseits bauen wir immer noch viel, und die Umsatzprognosen der Branche für 2020 sind zwar im Vergleich zu den Vorjahren leicht rückläufig, bleiben jedoch auf einem sehr hohen Niveau. Andererseits sind die Anträge für Baubewilligungen stark rückläufig. Die durchschnittliche Leerstandsquote in der Schweiz war noch nie so hoch, es gibt ein Überangebot an Büroflächen, und die Covid-19-Krise beschleunigt den bereits laufenden Wandel, was Retailflächen anbelangt. Der Immobilienmarkt – und damit mittelfristig auch die Baubranche – wird heute einerseits von der Wohnungsnachfrage in grossen städtischen Gebieten gestützt, mit den Fragen und Widerständen, die dies bei der Bevölkerung hervorruft, und anderseits von den Bedürfnissen der Investoren, Kapital zu investieren.

Sehen Sie in der Digitalisierung eine Chance oder eine Gefahr?

Die Digitalisierung ist eine Chance für die Baubranche, sich neu zu erfinden. Langsam, aber sicher beginnen wir über Industrialisierung zu sprechen, und die Digitalisierung muss ein Katalysator für diesen Trend sein. Mit Hilfe von Digitalisierung können wir aber noch viel weiter gehen. Es soll möglich werden, nicht nur die Planung und den Bau eines Gebäudes, sondern auch dessen Betrieb dadurch zu vereinfachen. BIM4FM ist ein Beispiel für diese Entwicklung, bei der der gesamte Lebenszyklus eines Gebäudes berücksichtigt werden kann.

Was schätzen Sie an der Baubranche und was nicht?

Ich schätze die sehr konkrete Seite dieser Branche. Das Bauen ist das Resultat einer Bedürfnisäusserung, sei es im Bereich von Infrastruktur oder von Bauten. Mehr denn je müssen heute beim Bauen die Endnutzer im Zentrum stehen. In diesem Sinne finde ich es interessanter und vollständiger, von der Immobilienbranche zu sprechen, welche die Bedürfnisformulierung, die Planung und Ausführung sowie den Betrieb einschliesst. Die negativen Seiten dieser Branche? Vielleicht eine sehr konservative Seite, die es schwierig macht, Wertschöpfung und eine langfristige Vision zu kreieren.

Welche Möglichkeiten sehen Sie, das Image der Baubranche zu verbessern?

Das Transport- und das Bauwesen sind beides massgebliche Verursacher von Treibhausgasemissionen. Die Branche muss fähig sein, sich für ihre CO2-Bilanz einzusetzen. Bauen wird zudem als ressourcenverschlingend und störend empfunden… Wir sollten uns daher für Themen wie Stadterneuerung engagieren und das Aufwerten von Arealen und Quartieren, in denen die bestehenden Gebäude am Ende ihres Zyklus angekommen sind. Und wo das Weiterverwenden von bestehenden Gebäuden nicht möglich ist, müssen wir uns um die Wiederverwendung von Elementen und Materialien kümmern.

Was wünschen Sie der Schweiz?

Dass sie ihre Wettbewerbsfähigkeit und ihren Innovationsgeist wiederfindet! Die guten Jahre, die wir erlebt haben, haben uns vielleicht etwas vergessen lassen, woher wir kommen und dass unser wirtschaftlicher Erfolg nicht auf natürlichen Ressourcen beruht, sondern auf unserem Fleiss und auf unserer Innovationskraft. Wir müssen wieder lernen, wie man die Ärmel hochkrempelt, und akzeptieren, dass nicht alles von selbst kommt.

Wie bringen Sie Beruf und Privatleben unter einen Hut?

Einerseits, indem ich mich nicht als unersetzbar betrachte und deshalb meinen Kolleginnen und Kollegen Vertrauen schenke. Andererseits, weil ich besondere Orte und Räume habe, die ich mit meiner Familie, meinen Freunden teilen darf.

Wo können Sie wirklich abschalten?

In den Bergen, mit der Familie, beim Musikmachen, beim Kochen für Freunde, am SCB-Match... Eine Vielfalt von Leidenschaften geben mir die Möglichkeit, Ideen, Energie und Motivation zu tanken. (stg)

Chefsache

In der Interview-Serie «Chefsache» nehmen bekannte Exponenten der Bauwirtschaft in loser Folge Stellung zu Fragen rund um das Thema Führung. Alle Teilnehmer erhalten die gleichen 20 Fragen, von denen sie zwölf auswählen und schriftlich beantworten können.

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