09:02 MANAGEMENT

Chefsache mit Andreas Meyer Primavesi: «Habe Freude am Gestalten»

Geschrieben von: Stefan Gyr (stg)
Teaserbild-Quelle: zvg

Er habe Freude am Entscheiden, am Gestalten und am Menschen, sagt Andreas Meyer Primavesi, Geschäftsführer des Vereins Minergie. In der Interview-Serie «Chefsache» nimmt er Stellung zu Fragen rund um das Thema Führung.

Andreas Meyer Primavesi Minergie

Quelle: zvg

Andreas Meyer Primavesi ist Geschäftsführer des Vereins Minergie.

Was macht Sie zu einem guten Chef?

Andreas Meyer Primavesi: Ein guter Chef schafft ein Arbeitsumfeld, in dem sich die Kolleginnen und Kollegen wohlfühlen und entfalten können. Er macht Vorgaben dort, wo nötig, und schafft einen grossen Handlungsspielraum für die Mitarbeitenden, so dass sie ihre Talente entwickeln können. Ich hoffe, ich bin so ein Chef.

Was glauben Sie, was sagen Ihre Mitarbeiter über Sie?

Ich vermute, sie würden meine oben gemachten Aussagen bestätigen – aber wohl ergänzen, dass ich doch ziemlich hohe Ansprüche habe an jede und jeden Einzelnen im Team, was Qualität, Effizienz und Dienstleistungsmentalität angeht.

Wie gehen Sie mit Kritik um?

Gelassener als früher – aber ich nehme sie ernst, sie geht mir oft nahe. Seit ich Geschäftsführer des Vereins Minergie bin, nehme ich Kritik an Minergie persönlicher als früher – selbst wenn diese eigentlich weniger an mich, sondern an den Betrieb oder unsere Produkte gerichtet ist. Das hat Vor- und Nachteile.

Wollten Sie schon immer Chef werden? Weshalb oder weshalb nicht?

Ehrlich gesagt, ja. Aus Freude am Entscheiden, aus Freude am Gestalten, aus Freude am Menschen. Und vielleicht auch, weil ich ein schlechter Spezialist bin und meine Stärken mehr in der Vernetzung von Dingen und der Zusammenarbeit mit Menschen habe, mehr im Strategischen als im rein Operativen.

Darf ein Chef oder eine Chefin auch Schwächen zeigen? Warum?

Klar – ich vermute, spätestens für meine Generation sollte das selbstverständlich sein. Dass wir alle unsere Schwächen haben scheint naheliegend – wenn man diese hin und wieder auch zeigt, dann zeugt das von Ehrlichkeit, Selbstbewusstsein und schafft Nähe und Vertrauen.

Bei welchen wichtigen Entscheiden haben Sie sich schon einsam gefühlt?

Bei schwierigen Personalentscheiden. Wenn alle Argumente auf dem Tisch sind, alle Pros und Contras und dann ein Entscheid zu treffen ist, ob man sich trennt oder nicht. In Sachfragen fühle ich mich nie einsam.

Wie schätzen Sie die aktuelle Lage der Bauwirtschaft ein?

Allen Stürmen zum Trotz gut. Klar, haben Pandemie und Engpässe in den Lieferketten Spuren hinterlassen und bedeuten Fachkräftemangel sowie Termin- und Kostendruck eine grosse Herausforderung. Aber allen Unkenrufen zum Trotz denke ich, unsere Branche wird auch hier Antworten finden, wir sind agiler, als man uns nachsagt. Mittelfristig interessant wird, inwiefern die Klimadebatte in den Städten zu Einschränkungen führen wird, im Sinne von Neubaumoratorien, Mietdeckeln, Sanierungspflichten und so weiter. Ich bin der Meinung, dass in der Baubranche Klimaschutz möglich ist ohne unnötige Einschränkungen in der Architektur und Abstriche beim Komfort.

Sehen Sie in der Digitalisierung eine Chance oder eine Gefahr?

Natürlich als Chance – aber man verpackt inzwischen jede Innovation als Digitalisierung. Es geht meines Erachtens teils vergessen, dass daneben auch ganz viele analoge Innovationen stattfinden, die genauso wichtig sind. Die Digitalisierung ist ein Hilfsmittel fürs Bauen, nicht Mittel zum Zweck.

Welche Probleme sollte die Politik sofort angehen?

Mehr denn je bin ich persönlich davon überzeugt, dass eine knackige, sozial flankierte Lenkungsabgabe auf Energie die Entwicklung hin zu Netto-Null schneller bewirken würde als all die vielen Einzelvorschriften. Aber ich anerkenne, dass es für solche Lenkungsabgaben derzeit wohl keine Mehrheiten gäbe in Volksabstimmungen.

Als welches Tier würden Sie gerne ein zweites Mal leben?

Als Rüttelfalke! Diese Vögel faszinieren mich seit meiner Kindheit, wie sie in der Luft stehen können, wie sie mit dem Wind spielen, auf den Boden stürzen. Und im Winter fliegen die meisten dann nach Spanien oder Afrika, andere überwintern hier. Ich würde da bestimmt in den Süden fliegen.

Wie bringen Sie Beruf und Privatleben unter einen Hut?

Nicht immer souverän, aber besser als auch schon. Von meinen drei Pfeilern leiden am meisten meine Freundschaften: Ich will nicht, dass meine kleinen Kinder unter meinem beruflichen Engagement leiden müssen. Wo ich zudem konsequent bin: Entweder ich arbeite – oder eben nicht. Von einer Vermischung halte ich nichts, auch wenn Homeoffice da nicht nur hilfreich ist.

Wo können Sie wirklich abschalten?

Das fällt mir leicht: Zeit mit der Familie verbringen, Velofahren oder hin und wieder auf die Alp gehen, das ist ideal. (stg)

Chefsache

In der Interview-Serie «Chefsache» nehmen bekannte Exponenten der Bauwirtschaft in loser Folge Stellung zu Fragen rund um das Thema Führung. Alle Teilnehmerinnen und Teilnehmer erhalten die gleichen 20 Fragen, von denen sie zwölf auswählen und schriftlich beantworten können.

Geschrieben von

Ehemaliger Redaktor Baublatt

Stefan Gyr war von April 2015 bis April 2022 als Redaktor für das Baublatt tätig. Seine Spezialgebiete waren politische, rechtliche und gesellschaftliche Fragen sowie Themen der Raumentwicklung.

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