Brienz: Umsiedelungen trotz Entspannung der Lage?
De Gefahrenlage im Bündner Bergdorf Brienz hat sich soweit entspannt, dass kaum mehr lange Evakuierungen drohen. Dennoch halten die Behörden am Umsiedlungsprojekt fest, was für Kritik sorgt.
Quelle: Tiefbauamt Kanton Bern
Das Bündner Bergdorf Brienz nach dem Unwetter: Inzwischen hat sich die Gefahrenlage entspannt.
Das Bündner Bergdorf Brienz war von einem Bergsturz bedroht: Die Behörden befürchteten, dass eine Steinlawine das ganze Dorf unter sich begraben könnte. Bei einer Informationsveranstaltung für die Bewohner gab der Gemeindepräsident Daniel Albertin nun aber zumindest teilweise Entwarnung: «Heute können wir wieder zuversichtlich in die Zukunft blicken», sagte der Mitte-Politiker.
Dabei habe das Dorf grosses Glück gehabt, denn lange hatten die Behörden einen schnellen Absturz der instabilen Felsmassen befürchtet: «Doch der Berg hatte es sich anders überlegt», sagte der Geologe Reto Thöny anlässlich der Veranstaltung.
Quelle: Geopraevent
Brienz nach dem Felssturz: Teile des Dorfes hatten für lange Zeit evakuiert werden müssen.
Entwässerung zeigt Wirkung
Hierfür nannte er zwei Gründe: Zum einen zeigte der Entwässerungsstollen Wirkung: Der 2,3 Kilometer lange Tunnel, der für 40 Millionen Franken unterhalb des Dorfes gegraben worden war, sorgte für eine starke Verlangsamung der Rutschbewegungen. Vor einem Monat langen sie nur noch bei 10 bis 25 Zentimetern pro Jahr - dem tiefsten Wert seit 15 Jahren. Teilweise sind aus den Bohrungen 1500 Liter Wasser pro Minute herausgeströmt. Insgesamt konnten die Felsbewegungen um das Zehnfache reduziert werden, obwohl erst 25 Prozent der angedachten Bohrungen ausgeführt sind.
Dazu kam ein sozusagen günstiger Felssturz: Letzten November fielen die absturzgefährdeten Massen Ein sich zusammen und landeten auf dem darunterliegenden Schutthaufen. Dieser bewegte sich folglich zwar etwas, bremste aber schon am nächsten Morgen stark ab.
Quelle: Informationsdienst Gemeinde Albula/Alvra
Der Entwässerungsstollen hart die Gefahr eines neuen Felssturzes gemäss Fachleuten behoben.
Leben wieder langfristig möglich
Damit sind die Gefahren gemäss Fachleuten weitestgehend gebannt. Die Geschwindigkeiten am Berg gingen nach diesem Ereignis so stark zurück, dass für das Dorf keine Gefahr mehr besteht. Sogar für die nächsten Jahre gehen die Experten nicht mehr von langen Evakuierungsphasen aus. Ein Leben in Brienz scheint wieder langfristig möglich.
Indes: Die Behörden halten trotz dieser günstigen Entwicklung am geplanten Umsiedlungsprojekt fest: Bund, Kanton und Gemeinde sind nach wie vor der Meinung, dass das Angebot der freiwilligen und präventiven Umsiedlung aus Brienz möglich sein soll. Das sorgte am Infoevent in Tiefencastel für Kritik: Einige forderten die Sistierung des gesamten Projekts, weil eine langfristige Rückkehr ins Dorf gesichert scheint. Andere wollen trotzdem weg und kritisierten die Behörden, die bürokratischen Hürden hierfür zu kompliziert zu gestalten.
Der Berg oberhalb von Brienz rutscht nur noch einige Zentimeter im Jahr.
Umsiedlung hat ihren Preis
Denn eine Umsiedlung hat ihren Preis: Die Betroffenen müssen ihre alten Häuser in Brienz abreissen lassen. So will es das Waldgesetz, auf dessen Grundlage die Umsiedlungsfinanzierung aufgebaut ist: Demnach müssen Betroffene nur 10 Prozent der Kosten selber tragen. Rund ein Drittel der Bevölkerung hat sich für diesen Vorgang bereits angemeldet.
Doch wer abreissen will, braucht ein Baugesuch. Ausserdem ist ein Schadstoffscreening nötig - dieses ist aufwändig und teuer. Grundsätzlich ist alles abhängig von der Genehmigung des Projektes durch den Bund, die voraussichtlich Ende 2026 erfolgen wird. Bis dahin müssen die Betroffenen die Unterhaltskosten ihrer teils schwer durch die Rutschung beschädigen Häuser selber tragen.
Quelle: Kanton Graubünden
Gefahr gebannt, aber die Umsiedlungspläne gehen weiter. Das sorgt bei vielen Menschen in Brienz für Kritik.
Kritik auch an Bedingungen
Deshalb hagelte es Kritik an den finanziellen Bedingungen für die Umsiedlung: Ein Betroffener fühlte sich ungerecht behandelt, weil ihm an einem neuen Standort nicht gleich viel Land angeboten werden kann. Er forderte, es wie die Walliser beim Bergsturz von Blatten zu machen, und einfach alle fair auszuzahlen.
Weitere Fragen warfen Schäden an der Infrastruktur im Dorf auf. Im Hochplateau, auf dem das Dorf liegt, ist Wasser eingelagert. Dieses sorgte und sorgt für die Rutschung im gesamten Gebiet. So sind während der letzten, 62-wöchigen Evakuierung auch Schäden an Leitungen und Strassen entstanden, deren Sanierungskosten vorerst noch nicht gedeckt sind. (SDA/bk)