Stadionbau in Miami: Schweizer Stahlseile tragen Dach des Miami Freedom Park
Der argentinische Fussball-Weltmeister Lionel Messi und seine Mitspieler von Inter Miami werden ihre Heimspiele in Nordamerikas Profiliga ab April in einem neuen Stadion bestreiten. Das Dach des Miami Freedom Park setzt ein architektonisches Glanzlicht. Hochfeste Stahlseile aus der Schweiz machen es stabil.
Quelle: zvg/Inter Miami CF
Ob das Geschehen auf dem Rasen mit der spektakulären Stadionarchitektur wird Schritt halten können, wenn Inter Miami hier regelmässig seine Heimspiele bestreitet? Das Innere des Miami Freedom Parks in einer Visualisierung.
Der achtmalige Weltfussballer des Jahres Lionel Messi ist nicht der einzige Name des erst 2018 gegründeten US-Profiklubs Inter Miami, der weit über den Kreis der Fussballbegeisterten hinaus bekannt ist. Denn als einer von fünf Besitzern des Klubs engagiert sich kein Geringerer als David Beckham. Der Engländer fuhr zu seinen aktiven Zeiten zwar weniger Erfolge auf dem Rasen ein als der Argentinier, der aufgrund seiner Statur und stupenden Balltechnik den Übernamen «der Zauberfloh» trägt. Doch dank seines schillernden Auftretens und seiner Ehe mit dem ehemaligen Spice Girl Victoria «Posh Spice» Adams kommt Beckham bis heute regelmässig in den Schlagzeilen der Boulevardmedien vor.
Als Mitbesitzer des Teams und damit Bauherr des neuen Fussballstadions von Miami ist der 51-Jährige für einmal auch dem «Baublatt» eine Erwähnung wert. Die Sportarena mit 25 000 Sitzplätzen, die nach gut dreijähiger Bauzeit aller Voraussicht nach am 4. April mit dem Heimspiel gegen den Austin F.C. eröffnet wird, bildet das Herzstück des Miami Freedom Parks. Darüber hinaus umfasst das von Grund auf entwickelte Bauprojekt auf einem 131 Hektaren grossen Areal im Süden Floridas ein Hotel, Restaurants und Einkaufsflächen.
Die Technik hinter dem Dach des Inter-Miami-Stadions
Als architektonisches Highlight des Freedom Parks gilt das markante Stadiondach. Es wurde von Enclos Tensile Structures (ETS), einem führenden Anbieter von Membran- und Fassadenkonstruktionen umgesetzt. Für die tragende Struktur des Dachs setzte ETS auf das Know-how und die Erfahrung einer Schweizer Firma: der Fatzer AG. Der Seilspezialist mit Sitz in Romanshorn gehört zur Brugg Group AG. Gemäss einer Medienmitteilung produzierten die Thurgauer insgesamt 536 Seile mit Durchmessern von 10 bis 140 Millimetern, welche die Membranstruktur des Stadiondachs in Miami tragen. Zusammen bringen die in Romanshorn hergestellten Stahlseile ein Gesamtgewicht von über 609 Tonnen auf die Waage. Ihre Konstruktion sei so ausgelegt, dass sie nicht nur ästhetischen, sondern auch funktionalen Höchstansprüchen genügten. Dies insbesondere, um Windlasten in Hurrikan-Stärke standzuhalten.
Quelle: zvg/Fatzer
536 dieser Stahlseile wurden im vergangenen Sommer verbaut: Mit ihren Durchmessern bis 140 Millimetern sollen sie den in Florida häufigen Hurrikans standhalten.
Das Projekt sei auch für Fatzer eine technische und logistische Spitzenleistung, heisst es im Communiqué weiter. So komme ein Seil mit einem Durchmesser von 140 Millimetern erstmals in einer Dachkonstruktion dieser Grösse zum Einsatz – und erst zum zweiten Mal in der Geschichte des Unternehmens. Die Fertigung eines solchen Seils erfordere höchste Präzision: 488 Einzeldrähte wurden demzufolge in 15 Lagen verseilt, um eine Mindestbruchkraft von 2000 Tonnen zu erreichen. Die Endverbindungen – mehr als 1,5 Meter lang und über eine Tonne schwer – wurden speziell für dieses Projekt entwickelt, um die enormen Kräfte sicher zu übertragen. «Obwohl wir regelmässig hochfeste Stahlseile für Stadiondächer liefern, ist dieses Projekt von der technischen Komplexität über die Dimensionen bis zur Logistik aussergewöhnlich», lässt sich Fatzer-CEO Martin Bechtold zitieren.
Komplexer Transport der Stahlseile von Romanshorn nach Miami
So brauchte es für den Transport der konfektionierten Stahlseile nach Florida eine präzise Planung und reibungslose Abläufe. Während der Sommermonate verliessen über 40 Lastwagen das Fatzer-Werk in Romanshorn, um die Seile per See- und teilweise Luftfracht in die USA zu bringen. Jedes Seil wurde individuell verpackt, beschriftet und dokumentiert, um vor Ort eine fehlerfreie Montage sicherzustellen. Letztere sei nicht durch Fatzer selbst erfolgt, ergänzt David Jägle, Mediensprecher der Brugg Group AG, auf Anfrage. «Wir waren jedoch eng mit unserem Kunden im Austausch und haben die Baustelle mehrmals besucht», fügt er an.
Quelle: zvg/Fatzer
So kamen sie in Miami an: Spezialseile der Romanshorner Fatzer AG nach ihrem langen Weg als See- oder Luftfracht vor dem Einbau im Freedom Park.
Den Auftrag in Miami mit einem Volumen von über 5 Millionen Dollar sicherte sich Fatzer gemäss Jägle in einem standardmässigen Ausschreibungsverfahren. Dass sich die Thurgauer durchsetzten, erscheint keinesfalls zufällig. Schliesslich gälten sie weltweit als eine der führenden Firmen im Bereich hochfeste Stahlseile. «In Nordamerika und Europa sind Fatzer und Teufelberger-Redaelli die beiden wichtigsten Wettbewerber», führt Jägle aus. «Ausserhalb dieser Regionen müssen wir uns eher mit der chinesischen Konkurrenz behaupten. Beide europäischen Seilhersteller gelten als qualitativ hochwertigere Optionen.»
Auch die Hurrikan-sicheren Seile des Allegiant Stadium in Las Vegas stammen aus der Schweiz
Zudem hat die Fatzer AG vor nicht allzu langer Zeit hochfeste Stahlseile für ein Stadion in den USA produziert: 2020 kamen diese beim Bau des Allegiant Stadium in Las Vegas zum Einsatz. Nach dem Umzug des American-Football-Teams der Raiders von Oakland in die Wüstenstadt in Nevada entstand innerhalb von nur 36 Monaten eines der laut Communiqué technologisch fortschrittlichsten Stadien der USA. Auch nach Asien lieferte Fatzer vor Kurzem Seile: Beim Guangzhou Football Park in China kommt ebenfalls das neu entwickelte 140-Millimeter-Seil zum Einsatz.
Quelle: zvg/Inter Miami CF
Im letzten der gut drei Jahre Bauzeit entstand das Stadiondach mit den Stahlseilen aus Romanshorn als wesentlichen Elementen der Tragekonstruktion.
Zurück nach Miami: Die Stahlseile für das Stadiondach im Freedom Park stellen für Fatzer «ein weiteres sehr gutes Referenzprojekt auf dem derzeit boomenden nordamerikanischen Stadionmarkt» dar, kommentiert David Jägle. Bezüglich der Stabilität unter extrem starken Winden, die im regelmässig von Hurrikanen heimgesuchten US-Bundesstaat Florida besonders gefragt ist, schreibt der: «Unser Bauingenieurteam ermittelt alle relevanten Lasten und Lastkombinationen und führt anschliessend eine detaillierte Analyse durch.» Das Ergebnis dieser Analyse zeige unter anderem die Kräfte, welche die Seile würden aufnehmen müssen. Wenn in einer bestimmten Region Hurrikane, Erdbeben, Schneestürme und dergleichen auftreten könnten, sei dies in den Konstruktionsvorschriften/Normen klar definiert, die dort gälten. Die Bruchkraft der Seile werde mittels eines Zerreissversuchs im Prüflabor von Fatzer oder in einer akkreditierten Prüfstelle getestet.
Stahlseile trotz 50 Prozent Zoll in die USA liefern
Quelle: zvg/Fatzer AG
Eine Produktionshalle der Fatzer AG in Romanshorn. Die Hochleistungs-Stahlseile vom Bodensee kommen in der ganzen Welt zum Einsatz.
Seit dem 12. März 2025 erheben die USA für den Import von Stahlerzeugnissen Zölle in Höhe von rund 50 Prozent. Die Lieferung der Fatzer-Stahlseile für das Stadiondach im Miami Freedom Park geriet dadurch nicht in Gefahr. David Jägle, Mediensprecher der Brugg Group, zu welcher der Romanshorner Seilspezialist mit seinen 130 Mitarbeitenden gehört, kommentiert dazu: «Diese Zölle sind hoch. Immerhin gelten sie nicht nur für die Schweiz, sondern
europaweit für Stahl- und Aluminiumprodukte. Da es derzeit keine Alternativen
in den USA gibt, müssen die dortigen Kunden die anfallenden Zölle übernehmen.»
Langfristig stellten die Stahlzölle aber durchaus eine Gefahr für das
US-Geschäft dar, schätztJägle. Wie schwer es für das Unternehmen in Zukunft werde, ähnliche Aufträge in den USA zu erhalten, sei derzeit schwierig abzuschätzen. «Fest steht aber: Unsere qualitativ
hochwertigen Stahlseile sind konkurrenzfähig», betont er. «Aus diesem Grund sind wir
optimistisch, auch in Zukunft Projekte in den USA ausführen zu können.» (pew)