Stiftung «Baukultur Schweiz»: Plattform für mehr Lebensqualität
Politisch unabhängig und neutral will die Stiftung «Baukultur Schweiz» in einer sich stetig verändernden Schweiz Lebensqualität sichern, sie orientiert sich dabei am «Davoser Qualitätsystem für hohe Baukultur». Mehr dazu im Interview mit Stiftungspräsident Enrico Slongo.
Quelle: Amt für Hochbauten Zürich
Der Architekt Enrico Slongo ist Gründungspräsident der Stiftung. Per 1.4.2026 übernimmt er die Leitung des Amtes für Hochbauten der Stadt Zürich.
Die Stiftung «Baukultur Schweiz» wurde im Jahr 2020 gegründet.
Die neutrale und politisch unabhängige Organisation orientiert sich am «Davoser
Qualitätssystem für hohe Baukultur», das im Zuge der Erklärung von Davos 2018
entstand. Darin legten die Kultusministerinnen und -minister Europas einen
Rahmen fest, um eine hohe Baukultur politisch und strategisch zu verankern.
Diverse Staaten und Institutionen haben sich seither dieser Erklärung
verpflichtet.
Die aus dieser Initiative hervorgegangene Stiftung macht es
sich dabei zur Aufgabe, Plattformen für die verschiedenen Akteurinnen und Akteure
der Baubranche zu schaffen: So sollen inhaltliche Prozesse angestossen und
zugleich jene Player unterstützt werden, welche zum einen die Grundlagen einer
solchen Baukultur ausarbeiten, oder diese zum anderen in die Praxis umsetzen.
Präsident der Stiftung ist seit ihrer Gründung der Architekt Enrico Slongo. Der
53-Jährige wird per 1. April zudem neuer Direktor des Zürcher Amtes für
Hochbauten.
Baublatt: Enrico Slongo, was gab den Anstoss zur Gründung der Stiftung «Baukultur Schweiz»?
Enrico Slongo: Die Stiftung wurde im Jahr 2020 gegründet. In den letzten sechs Jahren ging es insbesondere darum, dass wir uns konstituieren und aufbauen konnten. Eine wichtige sichtbare Aktivität waren unsere Tagungen und Gespräche, die wir als Veranstaltungen in Zusammenarbeit mit Hochschulen als Austragungsorte aufgebaut haben. Auf jede Tagung folgte eine Publikation, die die Beiträge und weiterführende Texte zum Thema zugänglich machen. Die erste Tagung war dem Thema «Baukultur und Stadt» an der ETT in Zürich gewidmet. In der Folge haben wir uns den Themen «Baukultur im Bestand» an der ETH in Lausanne, «Baukultur und Recht» an der Universität Freiburg, «Back to the Future» an der Hochschule in Mendrisio und «Baukultur und Rendite» an der Hochschule in St.Gallen angenommen. Jede Publikation kann direkt über unsere Internetseite bezogen werden.
Wie kam es zur Ausarbeitung des «Kodex hohe Baukultur»?
In der Vorbereitung auf die letzte Tagung «Baukultur und Rendite» kam die Frage auf, wie sich unsere Wirtschaftspartner, die auf hohe Baukultur setzten, sich von den anderen abheben und ihr Schaffen sichtbar machen können. Daraus entstand der «Kodex hohe Baukultur» und die Lancierung in St. Gallen.
Quelle: Manuel Pestalozzi
Beispiel für hohe Baukultur: das Zwicky-Areal in Wallisellen ZH, auf beiden Seiten der Glatt gelegen.
Wie war das Feedback innerhalb der Stiftung Baukultur auf den Kodex?
Sehr gut! Insbesondere unsere Wirtschaftspartner haben diese Idee sehr unterstützt. Es geht heute im Rahmen der ESG-Labelisierung (Environmental, Social and Governance, die Red.) immer mehr auch darum, der Wert der Liegenschaften ganzheitlich zu betrachten und zu bewerten. Der Kodex hilft dabei zur Bewusstseinsschaffung und zeugt von eigenverantwortlichem Handeln.
Wie gut wird das Beratungsangebot ihrer Stiftung von der Wirtschaft generell, insbesondere von den Bauherrschaften angenommen?
Die Reaktion aus der Wirtschaft ist unterschiedlich: Zum einen wird der Kodex Hohe Baukultur von all denen sehr begrüsst, die ihr eigenverantwortliches Schaffen hervorheben möchten und stolz darauf sind. Zum anderen wird der Kodex Hohe Baukultur von all denen kritisch beäugt, die sich dem eigenverantwortlichen Handeln noch nicht bewusst sind oder dieses nicht hervorheben möchten.
Quelle: Frieder Kaiser, Stadtgärtnerei Basel
Beispiel für hohe Baukultur in der Umgebungsgestaltung: In der Kleinbasler Erlenmatt hat das Bau- und Verkehrsdepartement Entsiegelungsmassahmen als Beitrag zur Schwammstadt realisiert.
Die Stiftung hat die acht Qualitätskriterien Gouvernanz, Funktionalität, Umwelt, Wirtschaft, Vielfalt, Kontext, Genius Loci und Schönheit festgelegt. Gibt hier welche, die in der Schweiz besser oder weniger gut erfüllt sind. Oder direkt: Wo haben wir Nachholbedarf?
Wir verstehen die acht Kriterien vom Davoser Qualitätssystem als ganzheitlicher Ansatz und nicht als einzelnes «Kriterienpflücken». Das heisst nicht unbedingt, dass jedes Kriterium gleichbewertet werden kann. Aber hohe Baukultur entsteht immer nur dann, wenn alle Kriterien in die Betrachtung einfliessen. Wir sind auch absolut überzeugt, dass es viele private und öffentliche Bauträger gibt, die diese ganzheitliche Betrachtung schon umsetzen oder tagtäglich darauf hinarbeiten.
Gibt es von den Forschungsprojekten «Baukultur konkret» und «Swiss Case Studies» bereits konkrete Neuigkeiten zu vermelden?
«Baukultur konkret» ist eine sehr erkenntnisreiche Forschungsarbeit, die wir mit den Hochschulen aus Luzern und Fribourg realisieren durften. Im Moment ist es ein roher Diamant, den wir noch in ein geeignetes Kommunikationsgefäss bringen wollen. - Die «Swiss Case Studies» sind ein laufendes Projekt in Zusammenarbeit mit dem Architekturrat, welches über eine längere Zeitspanne von fünf Jahren angesetzt ist. - Ein drittes Projekt widmet sich der Frage, wie hohe Baukultur in einem Unternehmen gelebt werden kann. Wir bieten dafür Seminare und kurze Inputreferate an, die wir in die Unternehmen bringen.
Welche Bauprojekte (laufend oder geplant) sind aus Ihrer Sicht erwähnenswerte Beispiele, welche die Ziele des Kodex besonders gut umsetzen?
Da beziehe ich mich auf die vier analysierten Projekte der Forschungsarbeit «Baukultur konkret»: Zwicky Süd (Dübendorf/Wallisellen), Erlenmatt (Basel), Telli (Aarau) und Belle-Terre (Thônex). Die vier Beispiele zeigen eindrücklich, wie hohe Baukultur umgesetzt werden kann. Ich verweise dafür gerne auf unsere Kurzfilme auf unserer Internetseite.
Weitere Informationen unter: www.stiftung-baukultur-schweiz.ch
Quelle: OVI Images / w+s Landschaftsarchitekten AG
Baukultur in einem Sanierungsprojekt: So sollder Blick von Nord-Osten her auf den Aarauer Teiilplatz künftig aussehen.