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Ryōunkaku: Der erste Wolkenkratzer im westlichen Stil in Japan

Geschrieben von: Pascale Boschung (pb)
Teaserbild-Quelle: Gemeinfrei

«Ryōunkaku» hiess der erste Wolkenkratzer von Japan, der im westlichen Stil gebaut worden war. Der 69 Meter hohe Backsteinbau stand mitten in Tokio im Stadtteil Asakusa und war zur Zeit seiner Eröffnung um 1890 sogar das höchste Gebäude im Land.

Ryōunkaku in Asakusa Tokio

Quelle: Gemeinfrei

Eine undatierte Aufnahme zeigt den «Ryōunkaku» (rechts im Bild) im damaligen Stadtteil Asakusa in Tokio. Durch seine Backsteinfassade und den achteckigen Aufbau erinnerte das Gebäude an einen Leuchtturm.

Asakusa war in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts ein wichtiges Vergnügungsviertel in Tokio und beherbergte traditionelle Kabuki- und Rakugo-Theater, aber auch berühmte Theater wie etwa das «Denkikan». Ursprünglich für die Vorführung von «Elektrizitätsspektakeln» gebaut, wurde das Theater später zu einem Symbol für das neue Phänomen der bewegten Bilder in Japan und hatte im übertragenen Sinn den Grundstein für den Bau zahlreicher weiterer Kinos im Land gelegt.

Vor diesem Hintergrund war das einstige Asakusa, das heute zum Stadtbezirk Taitō gehört, auch ein Viertel, in dem die «neusten technischen Wunder» zu finden waren. Dazu zählte auch der um 1890 erbaute «Ryōunkaku»: ein hoher Turm, der für damalige Verhältnisse als Wolkenkratzer bezeichnet werden konnte und im Inneren mit neuster Technik ausgestattet war.  

Ein Wolkenkratzer im westlichen Baustil 

Speziell am Bauwerk war insbesondere sein «Westlicher Baustil»: Es war in den späten 1880ern vom schottischen Ingenieur William Kinnimond Burton entworfen worden. Der Turm erhielt so etwa eine markante Fassade aus roten Backsteinziegeln und war dadurch das erste Gebäude in Japan, das nicht auf traditionelle Weise gebaut worden war.

Genau seine Andersartigkeit war es auch, die ihn zu einer Attraktion machte: Der «Ryōunkaku» schmückte zahlreiche Postkarten und Tourismusplakate von Asakusa. Darüber hinaus war der Turm mit einer Höhe von rund 69 Metern zur Zeit seiner Eröffnung um 1890 aber auch das höchste Gebäude in Japan, was wohl auch zu seiner Beliebtheit als Ausflugsziel beigetragen haben dürfte.

Postkarte und Schäden an Ryōunkaku Wolkenkratzer

Quelle: Gemeinfrei

Links: Der «Ryōunkaku», verewigt auf einer Postkarte. Rechts: Der Turm nach dem grossen Kanto-Erdbeben um 1923. Die Struktur wurde dabei so stark beschädigt, dass er abgerissen werden musste.

Ingenieur sollte Turm entwerfen

Die Ironie an der Geschichte: Burton war gar nicht zum Häuser bauen im Land. Denn ursprünglich war der Ingenieur 1887 von der Regierung eingeladen worden, um japanische Ingenieure in der Abwasserentsorgung auszubilden. Dies tat er auch neun Jahre lang und wurde später zum beratenden Ingenieur im Innenministerium und plante und verwaltete in dieser Funktion die Wasser- und Abwassersysteme zahlreicher Städte, darunter auch Tokio. 

Parallel dazu wurde Burton aber auch mit dem Entwurf eines Turms betraut, der «die erfolgreichen Modernisierungsbemühungen Japans» demonstrieren sollte. Das Resultat war der Wolkenkratzer, der als achteckiges Gebäude mit einer Backsteinfassade und einem innenliegenden Holz-Rahmen konzipiert war. Holz deshalb, weil es damals das in Japan übliche Baumaterial war und die lokalen Handwerker wussten, wie man damit umgeht. 

Panorama Asakusa mit Ryōunkaku

Quelle: Gemeinfrei

Der Ryōunkaku (oben links) war mit einer Höhe von 69 Metern um 1890 das höchste Gebäude Japans.

Turm vom Kanto-Erdbeben zerstört

Zwölf Stockwerke zählte der «Ryōunkaku». Neben seiner Höhe war der Turm in seinem Inneren mit modernsten Technologien ausgerüstet. So waren etwa alle Stockwerke elektrisch beleuchtet. Zugleich war der Wolkenkratzer das erste Gebäude in Land, das über zwei elektrische Aufzüge verfügte, die bis zu zehn Personen von der ersten bis zur achten Etage befördern konnten. 

In den ersten sieben Etagen waren über vierzig Geschäfte mit Luxusgütern aus aller Welt untergebracht. Im achten Stock gab es ausserdem einen Saal für westliche Musikkonzerte und ein Aussstellungsraum, in dem Fotografien von Geishas gezeigt wurden. Im zehnten, elften und zwölften Stock befanden sich Aussichtsplattformen, von denen aus man ganz Tokio und an klaren Tagen sogar den Fujiyama sehen konnte.

Mehr als dreissig Jahre zählte der «Ryōunkaku» zu den beliebtesten Attraktionen in Tokio. 1923 fand die Geschichte des Wolkenkratzers mit dem grossen Kanto-Erdbeben aber ein jähes Ende. Die oberen Stockwerke wurden dabei zerstört und der gesamte Bau war so stark beschädigt worden, dass er schlussendlich abgerissen werden musste. 

Heute kann das einst höchste Gebäude von Japan deshalb nur noch als Architekturmodell im Edo-Tokyo-Museum bewundert werden.

Architekturmodell des Ryounkaku im Edo-Tokyo-Museum

Quelle: Daderot - Own work wikimedia gemeinfrei

Das originale Gebäude wurde durch das Erdbeben so stark beschädigt, dass es abgerissen werden musste. Ein ausgestelltes Architekturmodell im Edo-Tokyo-Museum zeigt, wie der Turm einst ausgesehen hat.

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Redaktorin Baublatt

Zeichnet, schreibt und kreiert gerne. Themenbereiche: Bauprojekte sowohl international als auch regional, News aus Wissenschaft, Forschung, Technik, Architektur und Design.

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