Wohnüberbauung Sälistrasse, Olten: Bewegung im Bifang-Quartier
In Oltens Zentrum soll auf der rechten Seite der Aare eine neue Wohnüberbauung entstehen, die das Bifang-Quartier ergänzt. In einem Studienauftrag machte ein Projekt das Rennen, das rund 175 Wohnungen verspricht und mit einer klaren städtebaulichen Figur überzeugte.
Quelle: toblergmür Architekten/Studio Vulkan
Eine autofreie Erschliessungsachse trennt im Siegerprojekt die Baufelder 2 und 3 des Gestaltungsplans «Sälistrasse – Theodor Schweizer Weg». Sie führt direkt zum Einkaufszentrum «Sälipark».
Bifang ist die Bezeichnung eines eingefriedeten Felds. In
Olten benennt es ein Gebiet nahe dem rechten Ufer der Aare, gegenüber der
historischen Altstadt. Zwischen dem Fluss und dem Feld wurden Mitte des 19. Jahrhunderts die Gleise des
Bahnhofs gelegt, der Olten bis heute zum Knotenpunkt der wichtigen
schweizerischen Eisenbahnlinien macht. Im Bifang siedelten sich
Industriebetriebe an, namentlich eine Giesserei der Firma von Roll. Um sie
herum entstanden Wohnbauten. Teilweise gehören sie zum «Gartenstadtring»,
welcher die Innenstadt umgibt.
Mit der Deindustrialisierung wurden im Bifang-Quartier ausgedehnte Flächen für neue Nutzungen frei, die von der Nähe zum Stadtzentrum und der unmittelbaren Nachbarschaft des Bahnhofs profitieren. Verschiedene Bildungsinstitutionen haben sich neu hier eingerichtet, 2003 wurde das Einkaufszentrum «Sälipark» eröffnet. Der Nutzungswandel löste auch eine lange städtebauliche Diskussion aus, die sich im Erstellen von Gestaltungsplänen niederschlug. Im südlichen Bifangquartier, zwischen Sälistrasse, Riggenbachstrasse, SBB-Linie und Theodor Schweizer Weg, sind mehrere von ihnen in Kraft.
Quelle: ETH-Bibliothek Zürich, Bildarchiv/Fotograf: Heinz Leuenberger
Die Luftaufnahme aus dem Jahr 2006 zeigt das Planungsgebiet in der unteren linken Bildhälfte.
Einer davon ist der 1999 in Kraft getretene Gestaltungsplan mit Sonderbauvorschriften Nr. 190 «Sälistrasse – Theodor Schweizer Weg». Er umfasst drei grössere Baufelder. Auf dem nördlichsten Baufeld 1 steht der «Sälipark», das Baufeld 2 ist im wesentlichen Brachfläche und auf dem Baufeld 3 stehen die noch letzten Gebäulichkeiten aus dem industriellen Zeitalter (u. a. Fertigungs- und Montageräumlichkeiten der Firma Acutronic). Das Quartier wird von der Stadt als Fokusgebiet mit grossem Entwicklungspotenzial gesehen. Es definiert Baufelder 2 und 3, als «Vorzugsgebiet Wohnen». Deshalb wurde in zwei Schüben die Pflicht zur Durchführung von qualitätssichernden Verfahren festgeschrieben, was jeweils eine entsprechende Anpassung der Sonderbauvorschriften nötig machte.
Digitaler Studienauftrag
Auf der Basis dieser planerischen Vorarbeit entwickelte das Unternehmen Halter AG im Auftrag der Eigentümerin Giroud Olma für das Areal ein Verfahrens- und Prozessdesign. Es ermöglichte die Durchführung eines eingeladenen, einstufigen, qualitätssichernden Verfahrens, welches den anspruchsvollen städtebaulichen Rahmenbedingungen gerecht werden konnte. Als Verfahrensform wählte man den digitalen Studienauftrag. Digital heisst: Die Bearbeitungsteams hatten phasengerechte 3D-Modelle einzureichen. Sie mussten einen entsprechenden Detailierungsgrad aufweisen. Fünf Bearbeitungsteams wurden im Einladungsverfahren bestimmt. Sie hatten sich aus mindestens einem Architekturbüro und einem Landschaftsarchitekturbüro zusammenzusetzen.
Quelle: toblergmür Architekten/Studio Vulkan
Das Planungsgebiet wird nach Westen von der ansteigenden Sälistrasse begrenzt. Im Osten verläuft ein Geländeversatz, begleitet von einem Waldstreifen.
Quelle: toblergmür Architekten/Studio Vulkan
Im Solitär auf dem Baufeld 3 gruppieren sich loftartige Wohnungen um einen offenen Innenhof.
Der Bearbeitungsperimeter umfasste die beiden Baufelder 2 und 3 des Gestaltungsplans «Sälistrasse – Theodor Schweizer Weg», die Einfahrt Sälistrasse bis und mit der Einfahrt Tiefgarage Sälipark und die Louis-Giroud-Strasse, die im Westen des Areals einem Geländeversatz mit einem schmalen Waldstreifen entlang führt. Auf diesem nach Südwesten ansteigenden Areal sollen Wohnbauten mit vier Vollgeschossen und einer Bruttogeschossfläche von insgesamt 15 000 m2 realisiert werden. Das übergeordnete Ziel des Verfahrens war eine effiziente Entwicklung und Realisierung einer städtebaulich, freiräumlich und architektonisch attraktiven sowie wirtschaftlich und ökologisch nachhaltigen Wohnüberbauung, mit welcher ein Mehrwert sowohl für die Eigentümerschaft als auch die Öffentlichkeit geschaffen wird.
Das Verfahren dauerte vom Versand der Unterlagen im Juni 2025 über eine Zwischenbesprechung im September und die Beurteilung im Dezember rund sieben Monate. Alle Teams setzten die Vorgaben um und nahmen das angebotene Coaching in Anspruch. Ihre digitalen Modelle entsprachen samt und sonders den Modellierungsrichtlinien. Das Verfahren endete mit dem einstimmig beschlossenen Entscheid, das Projekt des Teams toblergmür Architekten GmbH/Studio Vulkan Landschaftsarchitektur AG, beide aus Zürich, zur Weiterbearbeitung zu empfehlen.
Quelle: toblergmür Architekten/Studio Vulkan
Eine ehemalige Industriehalle soll zusammen mit einem Platz der gemeinschaftlichen Nutzung zur Verfügung stehen.
Ortsgerechte Vielfalt
Das Siegerprojekt betrachtet das Wettbewerbsareal als einen Übergang zwischen industrieller Vergangenheit und urbaner Zukunft. Es möchte ihn mit seiner Intervention lesbar machen, in dem es mit mehreren «Einzelbausteinen» operiert: Die bestehende Halle im nördlichen Teil des Baufelds 3 soll erhalten bleiben und in einen gedeckten Aussenraum verwandelt werden, der gemeinsam mit einer angrenzenden Plaza eine vielfältig bespiel- und aneigenbare gemeinschaftliche zentrale Zone schafft. Ein expressiver fünfgeschossiger Solitär mit innenliegendem Patio schafft im Süden dieser öffentlichen Zone einen Übergang zwischen den grossformatigen Baukörpern und den angrenzenden reinen Wohngebieten. Die loftartigen Wohnungen des Solitärs sind ringförmig um den Patio angeordnet.
Das auch für experimentelle Wohnformen angelegte Haus verfügt über eine gemeinschaftliche Dachterrasse, es bietet zudem zehn Attikawohnungen. Auf dem westlich davon gelegenen Baufeld 2 begleiten abgewinkelte fünfgeschossige Bauzeilen die bestehenden Verkehrsachsen. Sie umschliessen einen baumbestandenen, hofartigen Freiraum. In der Höhe zueinander leicht abgestuft, folgen diese Zeilen dem sanft geneigten Terrain. Jeweils zwei Wohnungen pro Treppenhaus entsprechen der Durchschusstypologie, reichen also quer durch das Volumen, Kleinwohnungen sind um ihre Loggien orientiert. Das Entwurfsteam schlägt publikumswirksame Erdgeschossnutzungen entlang der Verkehrsachsen vor. Doppelgeschossige Räume stehen als Ateliers oder Gewerbeeinheiten zur Verfügung.
Quelle: toblergmür Architekten/Studio Vulkan
Die Zeilenbauten auf Baufeld 2 sollen mit Holz verkleidet werden.
Der Wechsel vom einstigen Industriegebiet ins Wohngebiet soll auch bei der Materialwahl der Fassaden zum Ausdruck kommen: Die Zeilen im Baufeld 2 sollen mit hinterlüfteten Holzfassaden die Materialehrlichkeit und den Nachhaltigkeitsanspruch der Bauherrschaft zum Ausdruck bringen. Für die Fassade des Solitärs wird ein industrieller wirkendes Oberflächenmaterial, Wellblech oder gewellter Faserzement, vorgeschlagen. Die Wege auf dem Areal sind ins öffentliche Verkehrsnetz des Quartier s integriert. So gelangt man von Süden direkt ins angrenzende Einkaufszentrum. Der durchgrünte Freiraum lädt wie auch die erwähnte Plaza und die alte Industriehalle zum Verweilen ein.
Das Preisgericht war beeindruckt, wie es mit diesem Entwurf gelang, in einer luftigen städtebaulichen Figur 175 Wohnungen zu etablieren und eine ungewöhnlich präzise, gut im Ort und seiner Geschichte verankerten Idee zu etablieren.