09:09 BAUPROJEKTE

Inselspital Bern: Big BIM bei der Erstellung des Hauptgebäudes

Teaserbild-Quelle: zvg

Das Hauptgebäude des Inselspitals in Bern wird integral nach BIM erstellt. Mit der Digitalisierung der Bauprozesse ist auch ein Paradigmenwechsel in der Zusammenarbeit verbunden. Bauunternehmen werden enger eingebunden. Vermehrt in die Pflicht nimmt der Ansatz auch Bauherrschaften, die ihre Bestellungen schon in Vorprojekten genauer formulieren müssen.

Innerhalb des Masterplans für die Umgestaltung des Inselareals ist der Neubau des Hauptgebäudes ein herausragendes Projekt und die grösste Baustelle der Stadt Bern. 63 Meter hoch mit einer Grundfläche von 70 mal 82 Metern umfasst das Gebäude eine Nutzfläche von 82 000 Quadratmetern. 

Building Information Modeling (BIM) ist die Methode, die bei Planung und Ausführung im «Baubereich 12» zum Einsatz kommt, und zwar Big BIM. Dabei bezieht sich der Ausdruck auf die zeitlich und organisatorisch durchgehende Anwendung des Prinzips. Es werden somit nicht nur Teilbereiche des Spitalbaus nach BIM geplant und ausgeführt, sondern das gesamte Projekt. 

Schon unmittelbar nach dem politischen Entscheid für einen Neubau entstand die Idee, das Bauvorhaben im Rahmen von BIM zu realisieren. 2014 war das. Bei Aufnahme der Planungsarbeiten stand daher bauherrenseitig die BIM-Methodik im Vordergrund, die aber in der Schweiz erst allmählich Verbreitung fand und noch längst nicht etabliert war. «Das war ein sehr mutiger Weg, den wir da beschritten haben. Doch wir sahen von Anfang an grosses Potenzial», sagt Reto Vital im Rückblick. Er ist bei der Direktion Immobilien und Betrieb der Insel-Gruppe zuständig für den Teilbereich Bauen und stellvertretender Gesamtprojektleiter. 

Hauptgebäude auf dem Areal des Inselspitals in Bern

Quelle: zvg

Big BIM ist die Methodik, mit der das neue Hauptgebäude auf dem Areal des Inselspitals in Bern geplant wurde. Auch für die Organisation der Bauarbeiten ermöglicht der Ansatz neue Herangehensweisen.

«Es war ein Prozess. Wir sahen das Ziel, aber den Weg dorthin haben wir noch nicht klar gesehen. Doch wir haben auf vielen Gebieten Neuland betreten. Ähnliche Bauvorhaben gab es hierzulande wenige. Den Anstoss, sich intensiver mit BIM zu befassen, gab unter anderem das in Basel realisierte Felix-Platter- Spital, bei dem Planung und Bau nach dem neuen Ansatz ausgeführt wurden. Bei der Projektinitiierung hiess das, Meinungen von Spezialisten einzuholen, aber sich auch immer wieder grundsätzlich zu fragen, ob BIM bei einem Neubauprojekt dieser Grössenordnung das Richtige ist. 

Die Instandsetzung des bestehenden Gebäudes war schon zu Planungsbeginn kein Thema. Dies aufgrund von Erfahrungen mit Sanierungsprojekten im Bestand und unter laufendem Betrieb, die sich als unwirtschaftlich erwiesen. Zudem stellten sich neben normativen Anforderungen in der Haustechnik, Erdbebensicherheit und Statik dauernd höhere Anforderungen an Spitalgebäude. 

Kollaborativ nahe dran

Der neue Ansatz hat auch für Bauherrschaften weitreichende Konsequenzen. «Als Bauherrschaft muss man sich klar bewusst sein, dass man viel näher an die Sache herangehen muss, um die Bestellung konkreter und die Ziele klarer formulieren zu können. Das Zusammenrücken von Bauherrschaft und Planern ist ein essenzieller Punkt bei BIM.» Und: «Es geht darum zu zeigen, wie Zusammenarbeit für alle besser funktionieren kann. Ein solcher Kulturwechsel ist nur durch Erfahrung und Vermittlung eines anderen Umgangs möglich und muss von der obersten Führungsebene getragen und gestützt werden», beschreibt Vital den Paradigmenwechsel bei der Anwendung von BIM. 

Es gehe um bedarfsgerechte Gebäude für die Nutzer, die darin gut arbeiten können. Das bedinge einen intensiveren Informationsaustausch zwischen den Partnern. Ein Lernprozess war es nicht nur für die Bauherrschaft, die stärker in die Pflicht genommen wurde. Auch das Projektteam musste lernen, kollaborativ zu arbeiten. Wichtig sei dabei, miteinander Lösungen und schliesslich das Produkt zu erarbeiten. «Es gibt am Anfang keine schubladenfertige Lösung, bei der man sagen kann, so machen wir es jetzt», weiss Vital aus Erfahrung. 

In der Vergangenheit bestanden bei Bauherrschaften in der Evaluationsphase oft unklare Vorstellungen über ein Projekt. Als Folge präsentierten Planer Vorschläge, welche durch die Bauherrschaften bewertet und mit neuen Wünschen ergänzt wurden. Es glich einem Pingpongspiel. Bei den iterativen Prozessen war der Rotstift immer griffbereit. Geht nicht, zu teuer, nochmals über die Bücher. «Bauherrschaften können oft gut kritisieren, aber sehr schlecht Bestellungen formulieren», sagt Vital. 

Aufwertung des Vorprojekts

Die intensive Beschäftigung mit den Nutzerbedürfnissen stellt auch andere Ansprüche an die Planung in der Vor- und Hauptprojektphase. «Bei einer konsequenten Anwendung von BIM gibt es tendenziell einen höheren Detaillierungsgrad im Vorprojekt. Dem muss man sich bewusst sein. Die Spezifikationen müssen zu einem frühestmöglichen Zeitpunkt ins Vorprojekt integriert werden», sagt Vital. Dies im Gegensatz zur früher praktizierten Planung, als Entscheide manchmal fast bis zur Inbetriebnahme hinausgeschoben werden konnten. Bei BIM müssten diese viel früher abgearbeitet werden, was nicht immer einfach sei, aber schon früh in allen Belangen Verbindlichkeiten herstelle. 

So muss etwa die für den Einbau vorgesehene Umwälzpumpe schon im Vorprojekt mit einer Identifikationsnummer spezifiziert und in den Ausführungsplänen vorhanden sein. Früher wurde darüber allenfalls erst während der Bauphase entschieden. Die verbindliche Bestimmung von Bauteilen in einem möglichst frühen Stadium der Planungsphase gilt jedoch nicht in jedem Fall. Denn angesichts der Grösse des Projekts, des Planungshorizonts und der langen Bauzeit stellt die Medizintechnik wegen der kurzen Wechselzyklen eine Ausnahme dar. 

«Wenn das Spital in drei Jahren in Betrieb geht, wir Geräte aber schon heute beschaffen, sind diese allenfalls schon zu alt», sagt Vital. Um medizinische Geräte auf dem neusten Stand der Technik einzubauen, werden diese zum spätmöglichen Zeitpunkt bestellt. «Ziel ist es daher, bei der Planung eine grösstmögliche Flexibilität zu erreichen.» Diese lässt sich laut Vital mit BIM auf einfachere Weise erhalten. Das sei ein weiterer Vorteil des neuen Planungsansatzes.

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Redaktor Baublatt

Seine Spezialgebiete sind wirtschaftliche Zusammenhänge, die Digitalisierung von Bauverfahren sowie Produkte und Dienstleistungen von Startup-Unternehmen.

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